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„Komm, Heiliger Geist – erneuere das Antlitz der Erde“

vor 15 Stunden in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„Haben wir noch Feuer? Können Menschen bei uns noch etwas von Christus spüren?“ Pfingstpredigt. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, Pfingsten ist nicht einfach der Abschluss der Osterzeit. Pfingsten ist ihre Vollendung. Was Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung gewirkt hat — daß die Liebe stärker ist als Schuld und Tod, daß Gott den Menschen nicht verlassen hat, daß neues Leben möglich geworden ist — all das wird an Pfingsten in die Herzen der Menschen hineingelegt. Der Heilige Geist macht Ostern gegenwärtig. Er macht den auferstandenen Christus lebendig in uns.

Darum betet die Kirche seit Jahrhunderten mit den schlichten und zugleich unerschöpflichen Worten:
„Komm, Heiliger Geist.“ – Veni, Sancte Spiritus.

Es sind nur drei Worte. Und doch tragen sie die Sehnsucht der ganzen Menschheit in sich. Denn der Mensch kann vieles besitzen — und dennoch innerlich leer bleiben. Er kann erfolgreich sein — und doch keinen Frieden finden. Er kann mit vielen Menschen verbunden sein — und sich dennoch einsam fühlen. Erst der Geist Gottes schenkt dem Herzen jene Tiefe, jene Wärme und jene Hoffnung, nach der der Mensch im Innersten sucht.

I. Babel – Die Müdigkeit einer Welt ohne Gott
Die Heilige Schrift erzählt uns vom Turmbau zu Babel. Die Menschen sagen: „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm bis zum Himmel und machen wir uns einen Namen.“ Es klingt zunächst beeindruckend: Aufbruch, Kraft, Organisation, menschliche Größe. Aber tief darunter liegt eine gefährliche Versuchung: der Mensch will ohne Gott groß sein. Er will sich selbst genügen. Er will seinen eigenen Namen verherrlichen, statt Gottes Namen zu ehren.

Und was entsteht daraus? Nicht Einheit, sondern Verwirrung. Nicht Friede, sondern Misstrauen. Nicht Gemeinschaft, sondern Zerstreuung.

Babel ist keine ferne Geschichte. Babel geschieht auch heute. Babel geschieht dort, wo Menschen zwar dieselben Worte benutzen und sich doch nicht mehr verstehen. Babel geschieht, wenn Sprache verletzt, statt heilt, wenn Wahrheit verdreht wird, wenn Härte stärker wird als Barmherzigkeit. Babel geschieht dort, wo Menschen nur noch nebeneinander leben, aber nicht mehr miteinander.

Wie viele Menschen tragen heute Angst in sich. Wie viele Familien sind verwundet. Wie viele Herzen sind müde geworden. Wie viele sehnen sich nach Frieden — im eigenen Leben, in der Kirche, in unserer Welt.


Denn wo Gott aus dem Herzen verschwindet, wird auch der Mensch dem Menschen fremd.

II. Pfingsten – Gottes Antwort auf die Verwirrung der Welt
Und genau darauf antwortet Gott mit Pfingsten. Die Apostel sitzen im Obergemach. Die Türen sind verschlossen. Die Herzen wahrscheinlich auch. Sie haben Angst vor der Zukunft, Angst vor den Menschen, Angst vor dem eigenen Versagen.

Da geschieht plötzlich etwas Gewaltiges: Ein Brausen erfüllt das Haus. Feuerzungen lassen sich auf jeden einzelnen nieder. Der Heilige Geist kommt herab. - Und nun geschieht das eigentliche Wunder: Die Apostel reden nicht mehr über sich selbst. Sie verkünden die großen Taten Gottes.

In Babel sagten die Menschen: „Wir wollen uns einen Namen machen.“ An Pfingsten verkünden die Apostel: „Groß ist Gott.“ Und darum entsteht plötzlich Verständigung. Menschen aus vielen Völkern hören die Botschaft in ihrer eigenen Sprache. Der Heilige Geist löscht die Unterschiede nicht aus. Er macht nicht alle gleich. Aber er schenkt Einheit mitten in der Verschiedenheit.

Das ist das Wunder von Pfingsten bis heute: Der Geist Gottes verbindet, ohne zu zerstören. Er eint, ohne gleichzumachen. Er schafft Gemeinschaft dort, wo Menschen aus eigener Kraft nur Grenzen sehen.

Der heilige Irenäus von Lyon sagte einmal: Der Sohn und der Heilige Geist seien die beiden Hände des Vaters. Durch Christus erlöst Gott die Welt — und durch den Geist berührt und verwandelt er das Herz des Menschen. Darum ist Pfingsten nicht nur Erinnerung an ein vergangenes Ereignis. Pfingsten geschieht immer neu — wenn ein Mensch vergibt, wenn Hoffnung zurückkehrt, wenn einer den Mut findet, neu anzufangen, wenn ein kaltes Herz wieder lieben lernt.

III. Der Heilige Geist – der Tröster des menschlichen Herzens
Im Glaubensbekenntnis nennen wir den Heiligen Geist: „Herr und Lebensspender.“ Er ist nicht bloß ein Symbol. Nicht nur eine fromme Stimmung. Nicht religiöse Dekoration. Er ist Gottes Atem in uns.

Schon am Anfang der Schöpfung schwebte der Geist Gottes über den Wassern. Wo Gottes Geist wirkt, wird Chaos zu Ordnung, Dunkelheit zu Licht und Angst zu Hoffnung.

Die byzantinische Kirche betet bis heute vor beinahe jedem Gottesdienst: „Himmlischer König, Tröster, Geist der Wahrheit, der du überall bist und alles erfüllst, komm und nimm Wohnung in uns.“

Welch tiefer Trost liegt in diesen Worten: Gott will nicht fernbleiben. Er will Wohnung nehmen im Menschenherz. Der Heilige Geist kennt unsere Müdigkeit, unsere Sorgen, unsere Wunden und unsere Sehnsucht. Aber er kennt uns nicht, um uns bloßzustellen — sondern um uns zu heilen. Darum nennt ihn Jesus den Parakleten — den Beistand, den Anwalt, den Tröster.

Wo der Ungeist den Menschen niederdrückt, richtet der Geist Gottes ihn wieder auf. Wo Schuld lähmt, schenkt er Vergebung. Wo Dunkelheit herrscht, entzündet er Licht.

Vielleicht trägt an diesem Pfingsttag jemand von uns eine schwere Sorge im Herzen. Vielleicht eine Krankheit. Vielleicht Einsamkeit. Vielleicht Angst um die Zukunft. Vielleicht Müdigkeit im Glauben.

Pfingsten sagt uns: Du bist nicht allein. Gott kennt dein Herz. Und Gott hat dich nicht vergessen.

IV. Das Feuer des Heiligen Geistes
Über den Aposteln erscheinen Feuerzungen. Feuer kann zerstören. Doch das Feuer des Heiligen Geistes zerstört nicht. Es wärmt, reinigt und verwandelt. Origenes überliefert ein Wort Christi: „Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe.“ Ja – wer Christus begegnet, bleibt nicht kalt.

Der Heilige Geist nimmt uns nicht unsere Persönlichkeit. Er macht uns nicht farblos. Vielmehr entzündet er in jedem Menschen das, was Gott selbst hineingelegt hat: Liebe, Güte, Wahrheit, Mut, Hoffnung und Freude.

Vielleicht meinen manche von uns: „Mein Glaube ist klein geworden.“ Vielleicht ist nur noch Glut da. Ein kleines Gebet. Eine leise Sehnsucht. Ein schwacher Hoffnungsschimmer. Aber auch Glut genügt, wenn Gottes Geist hineinbläst.

In diesem Glauben und Vertrauen betet die Kirche in der Pfingstsequenz: „Ohne dein lebendig Wehn - kann im Menschen nichts bestehn.“

Und dann: „Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält.“
Wie tröstlich diese Worte sind.

Der Heilige Geist ist nicht gegen unser Leben. Er ist die tiefste Kraft unseres Lebens.

V. Pfingsten heute – Haben wir noch Feuer?
Es gibt eine kleine Karikatur: Die Apostel sitzen im Obergemach, über ihnen Feuerzungen. Da kommt jemand von der Straße herein und fragt in die entgeisterte und verstummte Runde: „Entschuldigung — hätte vielleicht einer von Ihnen Feuer für mich?“

Man lächelt darüber. Und doch trifft diese Frage mitten ins Herz. Haben wir noch Feuer? Können Menschen bei uns noch etwas von Christus spüren? Wärme? Hoffnung? Barmherzigkeit? Trost?

Pfingsten bedeutet nicht, daß die Kirche im Obergemach sitzen bleibt. Pfingsten heißt: Türen auf. Herzen auf. Hände auf.

In manchen Pfingstikonen des Ostens sitzt unten eine alte Gestalt mit einer Krone. Sie heißt „Kosmos“ — die Welt. Sie hat zwölf Rollen im Schoß – „Chronos“ – die Zeit. Damit wollen die Ikonen sagen:

Der Heilige Geist wird nicht nur für einen kleinen frommen Kreis geschenkt. Er wird für die ganze Welt für jede Zeit geschenkt.

Kein Mensch ist ausgeschlossen. Kein Volk. Kein Suchender. Kein Kranker. Kein Einsamer. Der Geist Gottes will das Antlitz der Erde erneuern — und er möchte damit bei uns und mit uns beginnen.

VI. Komm, Heiliger Geist
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist die schönste Pfingstübung ganz einfach diese: Beginnen und beschließen wir jeden Tag mit den Worten: Komm, Heiliger Geist.

Wenn wir nicht mehr weiterwissen: Komm, Heiliger Geist.
Wenn Angst unser Herz eng macht: Komm, Heiliger Geist.
Wenn Streit Familien belastet: Komm, Heiliger Geist.
Wenn unsere Welt wieder Babel zu werden droht: Komm, Heiliger Geist.

Denn der Heilige Geist ist stärker als Angst. Stärker als Müdigkeit. Stärker als Verwirrung. Stärker als Hass.
Er ist Gottes Atem. Er ist das Feuer der Liebe. Er ist der Tröster. Er ist der Lebensspender.

Und darum dürfen wir an diesem Pfingstfest getrost sein und glauben: Gott hat seine Kirche nicht verlassen. Gott hat die Welt nicht aufgegeben. Und Gott hat auch keinen von uns aufgegeben. - Er schenkt uns seinen Geist. Amen.

 


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