„Jesus verschweigt nicht die Unordnung, die das Leben der Frau prägt“

11. März 2026 in Aktuelles


Norwegischer Bischof Erik Varden in Auslegung des Sonntagsevangeliums von der Samaritanerin am Jakobsbrunnen: Es sei beachtenswert, „wie Jesus diese Begegnung der Ungleichen einleitet: Er bittet um einen Gefallen“.


Trondheim (kath.net/pl) „Menschen können ohne Wasser nicht leben. Dessen sind wir uns heute schmerzlich bewusst, da der Klimawandel die Niederschlagsmuster verändert und große Gebiete der Erde für Landwirtschaft und sogar für menschliche Besiedlung ungeeignet macht. Wasserknappheit ist eine wichtige Ursache für Migration. Manche Strategen befürchten, dass in Zukunft große Konflikte um den Zugang zu Brunnen entstehen werden. Daher ist es naheliegend, dass Brunnen in der biblischen Geschichte eine wichtige Rolle spielen.“ Das notierte Bischof Erik Varden (siehe Link) auf seinem Blog „Coram Fratribus“. Varden ist der Prälat von Trondheim, der Apostolische Administrator von Tromsø und auch der aktuelle Präsident der Skandinavischen Bischofskonferenz. Der Trappistenmönch, ein Konvertit aus dem lutherisch geprägten Christentum, ist ein gesuchter geistlicher Lehrer und Autor vieler spiritueller Bücher und leitet die diesjährigen Fastenexerzitien des Papstes und der Kurie auf persönliche Einladung von Papst Leo XIV. Der norwegische Bischof veröffentlichte seine Gedanken zum Dritten Fastensonntag des Lesejahrs A und ging dabei von folgenden Bibelstellen aus: Exodus 17,3–7: Du sollst an den Felsen schlagen, und es wird Wasser fließen; Römer 5,1–8: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen; Johannes 4,5–42: Das Wasser, das ich geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden.

Varden führte aus, dass das menschliche Leben an einem Brunnen im Garten Eden beginne, „wo eine Quelle entsprang, die die Erde mit Wasser versorgte (Gen 2,10ff.). Adam erwachte aus dem Schlaf und erblickte Eva nahe diesem Brunnen – ein Sinnbild für die Fruchtbarkeit, zu der sie aufgerufen waren: ‚Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde‘ (1. Mose 1,28). Abraham verbrachte sein Leben damit, im ganzen verheißenen Land Brunnen zu graben, um seinen Nachkommen ein gutes Leben zu ermöglichen. Feinde verstopften sie, um ihnen das Leben unmöglich zu machen; doch Isaak, Abrahams Sohn, erinnerte sich an die Stellen der Brunnen und konnte sie wieder graben (1. Mose 26,17f.). Isaaks Hochzeit mit Rebekka, die die Erfüllung der Abraham verheißenen Verheißungen besiegelte, wurde an einem Brunnen geschlossen (1. Mose 24,12ff.). Auch Mose, Israels Gesetzgeber, fand seine Frau Zippora an einem Brunnen, als sie Wasser schöpfte (2. Mose 2,16ff.).“

Diese „Erinnerungen“ bildeten den Hintergrund des Evangelienabschnitts der Samaritanerin am Jakobsbrunnen, „das mehr ist als nur die Geschichte eines Mannes, der nach einem langen Morgenspaziergang in der gleißenden Sonne durstig ist.“

Varden spann den Bogen erneut sehr weit und erläuterte, dass „die Begegnung am Brunnen von Sychar, die ausdrücklich mit dem Patriarchen Jakob, also Israel, in Verbindung gebracht wird (Gen 32,28)“, „sich ein in eine Reihe von Begegnungen an Brunnen“ einreihe, „die die historische Erfüllung des Bundes Gottes mit der Menschheit prägen – geleitet vom Gesetz, gemildert von Barmherzigkeit“.

„Auf den ersten Blick könnte die Begegnung konfliktreich verlaufen“, räumte Varden ein, und „als die Jünger schließlich eintreffen, sind sie erstaunt, dass sie überhaupt stattgefunden hat. Die beiden, die zusammenkommen, repräsentieren so unterschiedliche Welten. Der eine ist ein Mann, die andere eine Frau. Der eine ist ein Israelit, die andere eine Samariterin. Der eine ist ein Rabbi, ein Gesetzeslehrer, die andere eine Sünderin. Der eine ist vollkommen rein, die andere fühlt sich beschmutzt, weshalb sie in der Mittagshitze Wasser holt, wenn alle anderen drinnen bleiben und sie den verächtlichen Blicken der Nachbarn entgehen kann. Die eine ist ein verletzter Mensch, die Bedauern und Enttäuschungen, aber auch die Hoffnung auf einen Neuanfang in sich trägt – ein Mensch wie du und ich; der andere ist ‚Gott von Gott‘.“

Es sei beachtenswert, „wie Jesus diese Begegnung der Ungleichen einleitet: Er bittet um einen Gefallen. Wenn wir vor Gott stehen, haben wir vielleicht das Gefühl, nichts geben zu können. Gerade jetzt in der Fastenzeit, wenn wir unser Leben überdenken, sind wir uns möglicherweise der verpassten Gelegenheiten, ungenutzten Gnaden und begangener Sünden derart bewusst, dass wir uns wie gelähmt fühlen, wie die armen, gelähmten Mitmenschen auf Tragen, denen Jesus im Evangelium begegnet. Doch er sagt zu uns wie zu ihnen: ‚Steht auf! Ich habe eine Aufgabe für euch. Ich brauche eure Hilfe‘.“

Varden wies eigens auf die „kleinen Gelegenheiten zum Dienen“ hin. Beispielsweise „eine kleine Geste der Freundlichkeit, sei es auch nur das Einschenken eines Glases Wasser, können uns auf wundersame Weise erkennen lassen, dass wir trotz all unserer Fehler etwas zu geben haben. Achten wir darauf, diese Gelegenheiten nicht zu verpassen, denn sie können uns unser Gefühl von Würde und Sinn im Leben zurückgeben.“

Es gehe aus dem Evangelium „deutlich hervor, dass Jesus die bewegte Geschichte der Samariterin kennt: ihre vielen zerbrochenen Beziehungen, die Unvollkommenheit ihrer jetzigen Ehe. Doch darüber spricht er nicht mit ihr. Nachdem er ihr Vertrauen gewonnen hat, indem er sie um Hilfe bat, spricht er stattdessen von den wunderbaren Gaben, die Gott ihr schenken möchte. Der Brunnen, an dem sie sitzen, sagt er, sei ein Symbol für das, was sie selbst werden kann: In ihr verbirgt sich eine Quelle lebendigen Wassers, die, einmal gefunden, bis zum ewigen Leben sprudeln kann.“

Damit erinnere Jesus daran, „wie die menschliche Natur am Anfang war, als Adam und Eva am Brunnen im Garten Eden mit dem Leben Gottes erfüllt wurden. Er erinnert an das Beispiel Isaaks, der neue Quellen guten, frischen Wassers grub, die von den Philistern mit Unrat verschüttet worden waren. Er erinnert an den Ehebund, der an solchen Brunnen, Quellen des Glücks und des neuen Lebens, geschlossen werden kann“, so Varden.

Dabei verschweige Jesus „nicht die Unordnung, die das Leben der Frau prägt. Doch er zeigt ihr und uns, dass wir, um wieder in Ordnung zu kommen, ein Vorbild brauchen, ein Ziel, das wir erreichen können. Jesus ruft uns aus unserer Komplizenschaft mit der Sünde, aus unseren Kompromissen und unserer Lauheit heraus, indem er uns zeigt, was wir werden können. Er ist unser Vorbild und unser Ziel. Er reicht uns die Hand, bietet uns seine Freundschaft an und spricht: ‚Steht auf! Warum seid ihr unfrei? Warum seid ihr unglücklich? Zerbrecht eure Fesseln und kommt zu meinem Hochzeitsmahl, wo die Kirche meine geliebte Braut ist!‘“

Man wisse nicht, „was danach mit der Samariterin geschah; aber wir wissen, dass die Begegnung mit Jesus sie entwaffnete und ihr Herz erweichte, ihr ein neues Leben ermöglichte und ihre innere Quelle wieder zum Fließen brachte. Das kann auch uns widerfahren“, schloss Varden seine Gedanken.

Archivfoto (c) Blog Coram Fratribus


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