
11. März 2026 in Aktuelles
Leo XIV.: die Kirche als Volk Gottes im Licht von Lumen gentium. Ursprung, Einheit und Sendung der Kirche aus Christus. Die universale Berufung der Menschheit in das Volk Gottes. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) „So wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe - Spruch des Herrn: Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein“ (Jer 33).
Im Rahmen des Katechesenzyklus bei den Generalaudienzen zu den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzil setzte Papst Leo XIV. die Betrachtung der dogmatischen Konstitution Lumen gentium fort und richtete den Blick auf das zweite Kapitel, das dem Volk Gottes gewidmet ist.
Die Katechese nahm ihren Ausgang bei der Frage nach dem Handeln Gottes in der Geschichte. Gott, der die Welt und die Menschheit erschaffen habe und jeden Menschen retten wolle, vollziehe sein Heilswerk innerhalb der Geschichte, indem er ein konkretes Volk erwähle und in seiner Mitte wohne. Aus diesem Grund habe Gott Abraham gerufen und ihm eine Nachkommenschaft verheißen „so zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand“ (vgl. Gen 22,17–18). Mit den Kindern Abrahams habe Gott nach ihrer Befreiung aus der Knechtschaft einen Bund geschlossen, sie auf ihrem Weg begleitet, sich ihrer angenommen und sie immer wieder gesammelt, wenn sie sich verloren hätten. Die Identität dieses Volkes ergebe sich daher aus dem Handeln Gottes und aus dem Glauben an ihn. Dieses Volk sei dazu berufen, Licht für die anderen Nationen zu werden, gleichsam ein Leuchtfeuer, das alle Völker und die ganze Menschheit anziehe (vgl. Jes 2,1–5).
Von dort führte der Papst zur Aussage des Konzils, dass diese Geschichte des Bundes auf ihre Erfüllung hin geordnet gewesen sei. In der Konstitution werde festgehalten: „Dies alles aber wurde zur Vorbereitung und zum Vorausbild jenes neuen und vollkommenen Bundes, der in Christus geschlossen, und der volleren Offenbarung, die durch das Wort Gottes selbst in seiner Fleischwerdung übermittelt werden sollte“ (Lumen gentium, 9). In Christus finde dieses Volk seine endgültige Sammlung, denn in der Hingabe seines Leibes und seines Blutes habe er das Volk Gottes in sich selbst geeint. Dieses Volk bestehe nun aus Menschen aus allen Nationen. Es werde geeint durch den Glauben an ihn, durch die Zugehörigkeit zu ihm und durch das Leben aus seinem Leben, getragen vom Geist des Auferstandenen.
Die Kirche sei daher das Volk Gottes, das aus dem Leib Christi hervorgehe und zugleich selbst Leib Christi sei. Sie sei kein Volk unter anderen Völkern, sondern das Volk Gottes, von ihm gerufen und aus Männern und Frauen aus allen Völkern der Erde gebildet. Ihr einigendes Prinzip sei weder Sprache noch Kultur noch Herkunft, sondern der Glaube an Christus. Das Konzil habe diese Wirklichkeit mit einer Formulierung beschrieben, nach der die Kirche „die Versammlung derer ist, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und des Friedens glaubend aufschauen“ (Lumen gentium, 9). In dieser Perspektive sei das Volk Gottes als messianisches Volk zu verstehen, weil Christus, der Messias, sein Haupt sei. Die Glieder dieses Volkes verfügten über keine eigenen Verdienste oder Titel, sondern lebten allein aus dem Geschenk, in Christus und durch ihn Söhne und Töchter Gottes zu sein.
Noch vor jeder Aufgabe oder Funktion bestehe die grundlegende Wirklichkeit der Kirche darin, in Christus eingegliedert zu sein und aus Gnade Kinder Gottes zu werden. Darin liege auch der einzige Titel, der für Christen Bedeutung habe. Das Leben in der Kirche bedeute, fortwährend das Leben vom Vater zu empfangen und als seine Kinder sowie als Brüder und Schwestern miteinander zu leben. Deshalb bilde die Liebe das Gesetz, das die Beziehungen innerhalb der Kirche ordne, so wie sie in Jesus empfangen und erfahren werde. Das Ziel dieses Weges sei das Reich Gottes, auf das die Kirche gemeinsam mit der ganzen Menschheit zugehe.
Die Einheit in Christus, dem Herrn und Retter jedes Menschen, öffne die Kirche auf alle hin. Sie könne nicht in sich selbst verschlossen bleiben, sondern sei auf alle ausgerichtet und für alle bestimmt. Das Konzil habe daran erinnert: „Zum neuen Gottesvolk werden alle Menschen gerufen. Darum muß dieses Volk eines und ein einziges bleiben und sich über die ganze Welt und durch alle Zeiten hin ausbreiten. So soll sich das Ziel des Willens Gottes erfüllen, der das Menschengeschlecht am Anfang als eines gegründet und beschlossen hat, seine Kinder aus der Zerstreuung wieder zur Einheit zu versammeln“ (Lumen gentium, 13). Auch diejenigen, die das Evangelium noch nicht empfangen hätten, stünden in gewisser Weise auf dieses Volk Gottes und die Kirche hin orientiert. Die Kirche sei daher gerufen, an der Sendung Christi mitzuwirken, das Evangelium überall zu verkünden und allen Menschen zugänglich zu machen (vgl. Lumen gentium, 17), damit jeder mit Christus in Berührung kommen könne.
Aus dieser Sendung folge, dass in der Kirche Platz für alle sei und dass jeder Christ berufen sei, das Evangelium zu verkünden und in den Lebensbereichen, in denen er stehe, Zeugnis zu geben. Auf diese Weise zeige das Volk Gottes seine Katholizität, indem es die Reichtümer der verschiedenen Kulturen aufnehme und zugleich die Neuheit des Evangeliums einbringe, das diese Kulturen reinige und erhöhe (vgl. Lumen gentium, 13).
Da Konzil beschreibe in diesem Sinn die Kirche als eine Wirklichkeit, die alle einschließe. Ein großer Theologe habe diese Wirklichkeit mit einem Bild veranschaulicht: „Die einzige Arche des Heils muss in ihrem weiten Raum alle menschlichen Verschiedenheiten aufnehmen. Der einzige Saal des Mahles reicht Speisen dar, die aus der ganzen Schöpfung stammen. Das nahtlose Gewand Christi ist zugleich das Gewand Josefs mit den vielen Farben“ (H. De Lubac, Glauben aus der Liebe [„Catholicisme“]). So erscheine die Kirche als Volk, in dem Menschen verschiedener Nationen, Sprachen und Kulturen durch den Glauben zusammenlebten. Inmitten einer von Konflikten geprägten Welt werde diese Wirklichkeit zu einem Zeichen innerhalb der Menschheit selbst und zu einem Hinweis auf jene Einheit und jenen Frieden, zu denen Gott, der Vater, alle seine Kinder rufe.
Die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:
Liebe Brüder und Schwestern deutscher Sprache, nutzen wir die Fastenzeit, um aufmerksamer auf die Stimme des Herrn zu hören und ihr zu folgen. So wachsen wir im Glauben an Christus, der uns in seinem mystischen Leib, der Kirche, vereint und zum Heil führt.
Foto (c) Vatican Media
© 2026 www.kath.net