
21. April 2026 in Aktuelles
Leo XIV. zur Einweihung eines neuen Universitätscampus. Zwischen Erkenntnis und Demut: Der Auftrag der Universität. Aufruf zur ganzheitlichen Bildung der kommenden Generationen. das Kreuz als Maß und Heilung der Erkenntnis. Von Armin Schwibach
Malabo (kath.net/as) Bei der Begegnung mit Vertretern aus dem Bereich der Kultur auf dem Universitätscampus „Leo XIV.“ in Malabo brachte Papst Leo XIV. seine Dankbarkeit für diese Einladung zum Ausdruck und würdigte die Benennung des Campus als eine Geste, die „über die Person hinausgeht“ und auf gemeinsame Werte verweist. Die Einweihung eines Universitätsstandortes, so führte er aus, sei „mehr als ein Verwaltungsakt“. Sie stelle vielmehr „eine Geste des Vertrauens in den Menschen“ dar und bekräftige die Überzeugung, dass es sich lohne, „auf die Bildung der kommenden Generationen“ zu setzen sowie auf die Aufgabe, „nach der Wahrheit zu suchen und das Wissen in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen“. Der Papst betonte, dass hier nicht nur Gebäude eröffnet worden seien, sondern „ein Raum für Hoffnung, für Begegnung und für Fortschritt“. Bildung verstand er dabei als einen lebendigen Prozess, der über bloße Strukturen hinausgehe.
Zur Veranschaulichung griff Leo XIV. das Bild des Baumes auf, insbesondere der für Äquatorialguinea symbolträchtigen Ceiba. Wie ein Baum tief verwurzelt sei und zugleich in die Höhe wachse, so müsse auch eine Universität fest verwurzelt sein: im ernsthaften Studium, im Gedächtnis eines Volkes und im Streben nach Wahrheit. Nur so könne sie wachsen, ohne den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren, und den jungen Menschen nicht nur berufliche Fähigkeiten, sondern auch einen Sinn im Leben und Kriterien zur Unterscheidung vermitteln.
In einem weiteren Schritt wandte sich Leo XIV. der biblischen Dimension der Erkenntnis zu. Er erinnerte daran, dass im Buch Genesis neben dem Baum des Lebens auch der Baum der Erkenntnis stehe. Dies bedeute jedoch keine Ablehnung des Wissens: Der Mensch sei vielmehr befähigt, „zu erkennen, zu benennen, zu unterscheiden“ und nach dem Sinn der Wirklichkeit zu fragen. Problematisch werde Erkenntnis erst dann, wenn sie sich von der Wahrheit löse und beginne, die Wirklichkeit „nach den eigenen Maßstäben zurechtzubiegen“. Dann werde Wissen nicht mehr Offenheit, sondern Besitz und führe in die Selbstgenügsamkeit. Dem stellte der Papst den „Baum des Kreuzes“ gegenüber. Dieser sei nicht die Verneinung der Vernunft, sondern deren „Erlösung“. Am Kreuz offenbare sich eine Wahrheit, die sich nicht aufdränge, sondern sich „aus Liebe hingibt“. Der Mensch sei eingeladen, sein Verlangen nach Erkenntnis reinigen zu lassen und neu zu entdecken, dass die Wahrheit nicht gemacht oder besessen werde, sondern „in Demut gesucht“ und verantwortet werden müsse. In diesem Zusammenhang wies Leo XIV. auch eine falsche Gegenüberstellung von Glaube und Vernunft zurück. In Christus werde vielmehr „der tiefe Einklang von Wahrheit, Vernunft und Freiheit sichtbar“. Der Glaube beende die Suche nicht, sondern reinige und öffne sie für eine größere Wirklichkeit. Schließlich erinnerte der Papst daran, dass sich eine Universität nicht primär an Zahlen oder Strukturen messe, sondern an den Früchten, die sie hervorbringe. Entscheidend sei die Qualität der Menschen, die sie für das Leben der Gemeinschaft forme. Ziel müsse eine ganzheitliche Bildung sein, die über den bloßen Erfolg hinausgehe.
Zum Abschluss richtete der Papst den Blick erneut auf das Bild der Ceiba: Dieser Baum sei berufen, Früchte eines Fortschritts hervorzubringen, der den Menschen in seiner ganzen Würde fördere - Früchte „der Intelligenz und Redlichkeit, der Sachkenntnis und Weisheit. Er vertraute alle Anwesenden dem Schutz Mariens an und erbat den Segen Gottes, damit diese Früchte „nicht nur reichlich, sondern auch sehr gut“ seien.
kath.net veröffentlicht die Ansprache von Papst Leo XIV. bei der Begegnung mit Vertretern aus dem Bereich der Kultur, Malabo, Universitätscampus „Leo XIV.“ der Nationaluniversität
Herr Präsident, Herr Rektor, verehrte Autoritäten aus dem akademischen Bereich, meine Damen und Herren!
Ich möchte meine Dankbarkeit für die Einladung zu dieser Veranstaltung zum Ausdruck bringen, mit der ein neuer Campus der Nationaluniversität von Äquatorialguinea eingeweiht wird. Ich danke Ihnen zudem für die freundliche Geste, diesen Ort nach mir benannt zu haben, in dem Bewusstsein, dass eine solche Ehre über die Person hinausgeht und vielmehr auf die Werte verweist, die wir gemeinsam vermitteln möchten.
Die Einweihung eines Universitätsstandorts ist mehr als ein Verwaltungsakt und als eine bloße Erweiterung der Infrastruktur und der für das Studium bestimmten Räumlichkeiten. Diese Einweihung ist eine Geste des Vertrauens in den Menschen: eine Bekräftigung der Tatsache, dass es sich lohnt, weiterhin auf die Bildung der kommenden Generationen und auf jene ebenso anspruchsvolle wie edle Aufgabe zu setzen, die darin besteht, nach der Wahrheit zu suchen und das Wissen in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen.
Daher hat dieser Moment eine Bedeutung, die weit über die materiellen Grenzen des Ortes und der Gebäude hinausgeht. Heute wird auch ein Raum für Hoffnung, für Begegnung und für Fortschritt eröffnet. Denn jedes echte Bildungswerk ist dazu berufen, nicht nur strukturell zu wachsen, sondern als lebendiger Organismus.
Vielleicht eignet sich deshalb das Bild des Baumes besonders gut, um über den Auftrag der Universität zu sprechen. Für die Bevölkerung Äquatorialguineas hat die Ceiba, der Nationalbaum, eine große symbolische Bedeutung. Ein Baum schlägt tiefe Wurzeln, reckt sich geduldig und kraftvoll in die Höhe und birgt in sich eine Fruchtbarkeit, die nicht um ihrer selbst willen besteht.
Durch seine Größe, die Festigkeit seines Stammes und die Weite seiner Äste erscheint dieser Baum als Gleichnis für das, was eine Hochschule sein soll: fest verwurzelt in der Ernsthaftigkeit des Studiums, im lebendigen Gedächtnis eines Volkes und im beharrlichen Streben nach der Wahrheit. Nur so kann sie stabil wachsen; nur so wird sie in der Lage sein, sich zu erheben, ohne den Kontakt zu der geschichtlichen Wirklichkeit zu verlieren, in der sie steht, und den neuen Generationen neben den Werkzeugen für den beruflichen Erfolg auch einen Sinn im Leben, Kriterien zur Unterscheidung und Beweggründe zum Dienen zu vermitteln.
Die Geschichte des Menschen lässt sich auch anhand der Symbolik einiger biblischer Bäume deuten. Im Garten des Buches Genesis steht neben dem Baum des Lebens auch der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (vgl. Gen 2,9), dessen Früchte Gott dem Mann und der Frau zu essen verbietet. Es muss betont werden, dass es sich dabei nicht um eine Verurteilung der Erkenntnis an sich handelt, als ob der Glaube die Intelligenz fürchtete oder dem Wissensdrang mit Misstrauen begegnete. Der Mensch hat die Fähigkeit erhalten, zu erkennen, zu benennen, zu unterscheiden, angesichts der Welt ins Staunen zu geraten und nach ihrem Sinn zu fragen (vgl. Gen 2,19).
Das Problem liegt also nicht in der Erkenntnis selbst, sondern in ihrer Abwandlung zu einer Intelligenz, die nicht mehr versucht, der Wirklichkeit zu entsprechen, sondern diese nach den eigenen Maßstäben zurechtzubiegen und sie nach dem Belieben derer zu beurteilen, die behaupten, sich auszukennen. Dann hört das Wissen auf, Offenheit zu sein, und es wird zu Besitz; es hört auf, ein Weg zur Weisheit zu sein, und verwandelt sich in eine hochmütige Behauptung der Selbstgenügsamkeit, wodurch es den Weg für Verirrungen ebnet, die bis zur Unmenschlichkeit führen können.
Die biblische Geschichte erschöpft sich jedoch nicht in diesem Baum. Die christliche Tradition kennt noch einen anderen Baum, den Baum des Kreuzes. Sie betrachtet ihn nicht als Verneinung menschlicher Intelligenz, sondern als Zeichen ihrer Erlösung (vgl. Kol 2,2-3). Während im Buch Genesis von der Versuchung eines von der Wahrheit und dem Guten losgelösten Wissens die Rede ist, offenbart sich am Kreuz hingegen eine Wahrheit, die sich, weit davon entfernt, ihre Herrschaft zu erzwingen, aus Liebe hingibt und den Menschen zu jener Würde erhebt, die ihm von Anbeginn an zugedacht war. Dort ist der Mensch eingeladen, sein Verlangen nach Erkenntnis heilen zu lassen: wiederzuentdecken, dass die Wahrheit nicht hergestellt, nicht manipuliert und nicht wie eine Trophäe besessen wird, sondern dass man sie annimmt, sie in Demut sucht und ihr verantwortungsvoll dient.
Aus christlicher Sicht erscheint Christus daher nicht als ein fideistischer Ausweg angesichts der intellektuellen Anstrengung, als ob der Glaube dort begänne, wo die Vernunft aufhört. Im Gegenteil: In Christus wird der tiefe Einklang von Wahrheit, Vernunft und Freiheit sichtbar. Die Wahrheit erweist sich als etwas, das dem Menschen voraus ist, ihn anspricht und ihn aufruft, aus sich selbst herauszutreten, und deshalb kann sie vertrauensvoll gesucht werden. Der Glaube beendet diese Suche keineswegs, sondern reinigt sie von Selbstgenügsamkeit und öffnet sie für eine Fülle, nach der die Vernunft strebt, auch wenn diese sie nicht vollständig erfassen kann.
Auf diese Weise lenkt der Baum des Kreuzes die Liebe zur Erkenntnis wieder in ihre ursprünglichen Bahnen zurück. Er lehrt uns, dass Erkennen bedeutet, sich der Wirklichkeit zu öffnen, ihren Sinn anzunehmen und ihr Geheimnis zu bewahren. So bleibt die Suche nach der Wahrheit wahrhaft menschlich: demütig, ernsthaft und offen für eine Wahrheit, die uns vorausgeht, uns ruft und uns übersteigt.
Es reicht nämlich nicht aus, dass ein Baum Früchte trägt: Auch die Qualität dieser Früchte zählt, denn an den Früchten erkennt man den Baum (vgl. Mt 7,20). Ebenso misst sich eine Universität eher an der Qualität der Studenten, die sie für das Leben der Gemeinschaft hervorbringt, als an der Zahl der Absolventen oder der Größe ihrer Infrastruktur. Dies ist der aufrichtige Wunsch, den die katholische Kirche mit ihrem jahrhundertelangen Engagement im Bildungsbereich zum Ausdruck bringt: dass die neuen Generationen ganzheitlich gebildet werden, über den bloßen Anschein des Erfolgs hinaus. Die Früchte werden nicht auf sich warten lassen.
Liebe Brüder und Schwestern, hier, in den Räumlichkeiten dieses Hauses, ist die Ceiba Äquatorialguinea dazu berufen, Früchte eines solidarischen Fortschritts zu tragen, einer Erkenntnis, die den Menschen auf ganzheitlich veredelt und fördert. Sie ist dazu berufen, Früchte der Intelligenz und Redlichkeit, der Sachkenntnis und Weisheit, der Exzellenz und des Dienstes hervorzubringen. Wenn hier Generationen von Männern und Frauen heranwachsen, die tief von der Wahrheit geprägt und fähig sind, ihr Leben in ein Geschenk für andere zu verwandeln, dann wird die Ceiba weiterhin als aussagekräftiges Symbol emporragen: verwurzelt im Besten dieses Landes, erhoben durch die Erhabenheit des Wissens und reich an Früchten, die Äquatorialguinea ehren und die gesamte Menschheitsfamilie bereichern können.
In diesem Sinne rufe ich auf Sie alle – die Autoritäten, die Dozenten, die Studenten, das Personal dieser Universität und Ihre Familien – den reichen Segen Gottes herab, des Allmächtigen, der in Jesus Christus, der fleischgewordenen Wahrheit, den Menschen die Wahrheit über sich selbst und seine hohe Würde offenbart hat (vgl. Ökumenisches Konzil Vatikan II, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 22). Und ich vertraue Sie alle dem mütterlichen Schutz der allerseligsten Maria, dem Sitz der Weisheit, an, damit diese Früchte nicht nur reichlich, sondern auch sehr gut sein mögen. Vielen Dank!
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