
30. April 2026 in Buchtipp
„Auch eine Einordnung des ‚Synodalen Wegs‘ fehlt nicht, dies sollten vor allem manch neunmalkluge Redakteure aufmerksam lesen, die den Nuntius in den letzten Jahren gerne mal als ‚Roms Aufpasser‘ abzuwerten versuchten“. Rezension von Holger Doetsch
Berlin (kath.net) Der Apostolische Nuntius in Deutschland, Dr. theol. Nikola Eterović, ist kein impulsgesteuerter oder wortgewaltiger Mann. Gottlob!, mag man ausrufen, denn hierzulande ist ja der Bedarf an entbehrlichen Lautsprechern auch in Teilen der Katholischen Kirche durchaus gedeckt. Des Papstes Botschafter schlägt keine Türen zu, er lehnt sie allenfalls an. Doch ein Spalt, mal ist er schmaler, mal breiter, bleibt. Typisch Diplomat? Eine solche Simplifizierung wäre unzulässig, das lässt sich etwa in Eterovićs Werk „Die leise Macht. Die Diplomatie des Heiligen Stuhls“ (2023) nachlesen. Schon der Buchtitel ist Programm. Ja, Macht kann durchaus auch leise sein, und Nikola Eterović war nicht nur als Nuntius in der Ukraine und in Deutschland, sondern auch in seinem Wirken im diplomatischen Dienst an der Elfenbeinküste, in Spanien, Nicaragua sowie in Rom ein Meister darin. Lesenswert erläutert der Kurienerzbischof in „Die leise Macht ...” die Struktur der Katholischen Kirche, beschreibt verständlich den Heiligen Stuhl im Kontext der Internationalen Gemeinschaft sowie das System der Zusammenarbeit von Kirche und Staat.
In diesen Tagen kehrt der am 20. Januar 1951 geborene Nikola Eterović – er übte als Nuntius die Vertretung des Heiligen Stuhls in Deutschland seit 2013 aus – in sein Heimatland Kroatien zurück. Der Papst hat sein Rücktrittsgesuch aus Anlass des 75. Geburtstages angenommen. Doch er geht nicht, ohne den deutschen Katholiken ein kostbares Geschenk zu hinterlassen: „Stärke deine Brüder. Impulse für eine lebendige Kirche in Deutschland“ heißt sein neues Buch, eine Zusammenfassung der wichtigsten Ansprachen von Nikola Eterović während seiner Amtszeit bei den Vollversammlungen der Deutschen Bischofskonferenz von 2013 bis heute. Dem Nuntius war in seinem Wirken immer wichtig, seine Mission als Verstärker des Glaubens zu erfüllen. Als Vertreter des Heiligen Vaters hat er diesem dabei stets „seine Stimme gegeben”. Und so spürt man bei der Lektüre dieses Buches, dass seine Treue zu den Päpsten, denen er gedient hat, unverbrüchlich war und wohl sicher auch bleiben wird. Eterović wird verinnerlicht haben, wie groß der Wert von Loyalität (nicht nur) in der Katholischen Kirche ist.
Seine Exzellenz spannt auf 263 Seiten thematisch einen großen Bogen. Er legt dabei päpstliche Lehrschriften und Bibelstellen aus und verwebt ab und an diese Themen geschickt. Auch unangenehme Aspekte spart der Nuntius dabei nicht aus, etwa den Missbrauch von Minderjährigen in der Kirche oder das Verhalten der Katholischen Kirche in der Covid-Zeit. Für kirchliche Wohlfühlseminare ist dieses Buch somit nur bedingt geeignet. Weiterhin finden sich in „Stärke deine Brüder ...” Auslegungen und gar Plädoyers zu Themen wie Säkularisierung und Neuevangelisierung, das Innenleben priesterlichen Wirkens (dies verbunden mit einem herzlichen Dank an die Priester), Barmherzigkeit, die Notwendigkeit der Stärkung des Glaubens und Gelegenheiten zum Erstarken in einer Krise. Alle Kapitel beginnen mit Worten aus der Heiligen Schrift, die durchaus der Kontemplation dienen (können) und enden teilweise mit zusammenfassenden Anmerkungen und/oder näheren Informationen zum vorherigen Text. Schon dies macht das Buch auch für theologische Laien überaus lesenswert. Der gute Geist dieses Buches lässt sich auch darin spüren, wenn der Apostolische Nuntius an einer Stelle wohltuend nicht nur die der Katholischen Kirche zugehörigen Menschen würdigt, sondern auch „Personen (...), die sich kulturell mit dem Christentum identifizieren, aber keiner Kirche oder christlichen Gemeinschaft angehören.”
Einen breiten Raum in diesem Buch, wen mag das verwundern, nimmt die synodale Kirche und ihre Strukturen ein. Auch eine Einordnung des sogenannten „Synodalen Wegs” fehlt nicht, und dieses Kapitel sollten vor allem manch neunmalkluge Redakteure in einer großen Zeitung aufmerksam lesen, deren Zielgruppe Menschen mit klugen Köpfen sind. Redakteure etwa, die den Nuntius in den letzten Jahren ärgerlicherweise gerne mal als „Roms Aufpasser” abzuwerten versuchten ...
Der Nuntius hebt in seinem Buch hervor, dass Papst Franziskus mit Blick auf den sogenannten „Synodalen Weg” die Katholische Kirche in Deutschland stets ernstgenommen hat. Nikola Eterović beschreibt in einem eigenen Kapitel, wie er aus Anlass eines Arbeitstreffens im Vatikan vom 12. bis zum 15. Juni 2019 nach einer Eucharistiefeier vom Heiligen Vater zu einem Vieraugengespräch in die päpstliche Sakristei des Peterdoms gebeten wurde: „(...) Nach einer herzlichen Begrüßung begann der Heilige Vater Franziskus über die Situation der Kirche in Deutschland zu sprechen, die ihm große Sorgen bereitete. Seiner Ansicht nach gab es zahlreiche Forderungen, sogar von einigen Bischöfen, die über das zulässige Maß hinausgingen (...)”. Infolgedessen ließ der Papst dem Nuntius dann einen Hirtenbrief „An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ zukommen, und wenn man diesen (er ist in Eterovićs Buch vollumfänglich abgedruckt) liest, dann bleibt man etwas verwirrt zurück. Denn nach der Lektüre wird klar, warum sich damals sowohl die Befürworter, als auch die Gegner des sogenannten „Synodalen Wegs” von Rom in ihrem Wirken bestätigt fühlten. Wer den Hirtenbrief heute (nach)liest, wird ihn aber gewinnend lesen. Schade, dass er damals schlechterdings kaum wahrgenommen worden ist.
kath.net-Buchtipps:
„Stärke deine Brüder. Impulse für eine lebendige Kirche in Deutschland”.
Von Nikola Eterović
2026, Adlerstein Verlag Braunschweig
Gebundene Ausgabe, 263 Seiten
Preis Deutschland: 23,90 Euro
Die leise Macht. Die Diplomatie des Heiligen Stuhls
Von Nikola Eterović
2023 Herder Verlag
Gebundene Ausgabe, 383 Seiten,
Preis: 50 Euro
Holger Doetsch war 1990 Sprecher in der letzten DDR-Regierung unter Ministerpräsident Lothar de Maizière. Heute ist er Buchautor, freier Journalist und als Dozent in der Erwachsenenbildung tätig.
Foto rechts: Autor Holger Doetsch und Nuntius Eterović in der Apostolischen Nuntiatur (c) Apostolische Nuntiatur Berlin
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