Das Gebet Jesu und unser Beten

17. Mai 2026 in Spirituelles


„Bevor wir überhaupt gelernt haben zu beten, hat Christus schon für uns gebetet. Noch bevor wir unsere Angst in Worte fassen können, trägt er sie bereits vor den Vater.“ Predigt von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 7. Ostersonntag – Lesejahr A (Joh 17,1–11a). 

Liebe Schwestern und Brüder, zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten liegt eine stille, spannungsvolle Zeit. Der Herr ist den Augen der Jünger entzogen, und die Kraft des Heiligen Geistes hat sich noch nicht sichtbar offenbart. Die Apostel leben zwischen Abschied und Verheißung, zwischen Verunsicherung und Hoffnung.

Und vielleicht erkennen wir uns darin wieder. Auch unser Leben kennt solche Zwischenzeiten: offene Fragen, Sorgen, innere Müdigkeit, die Unruhe der Welt, Spannungen in der Kirche, manchmal auch Dunkelheit im eigenen Herzen. Vieles bleibt unfertig und ungeklärt.

Gerade hinein in diese Erfahrung schenkt uns die Kirche heute keine Strategie und kein Programm, sondern etwas Tieferes: das Gebet Jesu.

Es ist bemerkenswert: In seiner letzten Stunde organisiert Jesus nicht, er verteidigt sich nicht und macht keine Vorwürfe. Er betet. „Jesus erhob seine Augen zum Himmel.“ Mitten in dieser Welt öffnet sich damit ein Fenster in das Herz Gottes.

I. Christus trägt die Seinen im Gebet
Wenn Menschen Abschied nehmen, sprechen sie gewöhnlich nicht mehr über Nebensächlichkeiten. Dann kommt das Wesentliche zur Sprache. So ist es auch hier. Jesus steht vor Leiden, Kreuz und Tod. Und woran denkt er? Nicht zuerst an sich selbst. Sein Herz bleibt bei den Seinen. „Für sie bitte ich.“ Welch tröstliches Wort.

Bevor wir überhaupt gelernt haben zu beten, hat Christus schon für uns gebetet.

Noch bevor wir unsere Angst in Worte fassen können, trägt er sie bereits vor den Vater. Noch bevor wir Gott suchen, hat Gott uns längst angesehen.

Der heilige Augustinus sagt einmal: „Er betet für uns als unser Priester, er betet in uns als unser Haupt, und wir beten zu ihm als unserem Gott.“ - Das bedeutet: Christliches Beten beginnt nicht zuerst mit unserer Leistung. Es beginnt damit, dass Christus uns in sein eigenes Gebet hineinzieht.

Darum ist Beten niemals ein einsames Reden in einen leeren Himmel hinein. Der auferstandene Herr selbst trägt uns vor den Vater. Und gerade das schenkt Trost: Wir sind nicht vergessen. Wir sind nicht allein. Wir sind getragen.

Der heilige Johannes Chrysostomus sagt: „Das Gebet ist ein Hafen für den vom Sturm bedrängten Menschen.“ - Wie viele Menschen sehnen sich heute nach einem solchen inneren Hafen. Die Welt wird immer schneller, lauter und nervöser. Und oft wird auch das Herz des Menschen unruhig.

II. Das Gebet als Heimat der Seele
Wenn wir auf Jesus schauen, sehen wir: Das Gebet war für ihn nicht bloß religiöse Pflicht. Es war die Quelle seines Lebens. Immer wieder zieht er sich zurück — auf den Berg, in die Nacht, in die Stille. Nicht weil er vor den Menschen flieht, sondern weil seine Seele im Vater ruht.

Die Jünger müssen etwas von dieser inneren Kraft gespürt haben. Deshalb bitten sie ihn eines Tages nicht: „Herr, lehre uns Wunder wirken.“ Nicht: „Herr, lehre uns predigen.“ Sondern: „Herr, lehre uns beten.“ Denn sie ahnten: Dort liegt das Geheimnis seines Lebens.

Vielleicht liegt genau hier auch unsere große Not. Wir wissen unendlich viel — aber wir kommen innerlich kaum noch zur Ruhe. Darum ist das Gebet keine Nebensache des Glaubens. Das Gebet ist der Ort, an dem die Seele wieder atmen lernt.

Der heilige Gregor von Nazianz nennt das Gebet „die Begegnung der Sehnsucht des Menschen mit der Barmherzigkeit Gottes“. - Und die heilige Teresa von Ávila sagt: „Beten heißt Verweilen bei einem Freund, von dem wir wissen, dass er uns liebt.“ - Wie befreiend ist das.

Beten heißt nicht zuerst: perfekte Worte finden. Beten heißt: bei Gott sein. Still werden. Das Herz hinhalten.

Vielleicht müde. Vielleicht leer. Vielleicht ohne große Gedanken. - Auch das ist Gebet.

Der heilige Isaak der Syrer schreibt: „Wenn du vor Gott stehst, sei einfach wie einer, der staunt.“ Ja — vielleicht haben wir das Staunen verlernt. Das stille Verweilen vor Gott. Und doch geschieht gerade dort die Verwandlung des Herzens. Nicht plötzlich. Nicht spektakulär. Aber langsam: Mitten in der Angst kann so wieder Vertrauen erwachsen. Mitten in der Dunkelheit wird wieder ein kleines Licht erkennbar. Mitten in der Unruhe wird allmählich wieder Frieden möglich.

III. Das Obergemach und die betende Kirche
Die Apostelgeschichte zeigt uns heute die junge Kirche im Obergemach von Jerusalem. Dort sind die Apostel, die Frauen und Maria, die Mutter Jesu. Es ist eine kleine, verletzliche Gemeinschaft. Noch besitzt sie keine Macht, keine großen Strukturen, keine Sicherheiten. Aber sie besitzt etwas anderes: Sie verharrt einmütig im Gebet.

Das ist der Anfang der Kirche: Nicht hektische Betriebsamkeit. Nicht Aktionismus. Nicht endlose Diskussionen. - Sondern Sammlung vor Gott. - Wie sehr bräuchten wir das heute wieder.

Gewiss: Die Kirche muss beraten, handeln und Verantwortung übernehmen. Aber sie verliert ihre Seele, wenn sie das Beten verlernt. Denn die Kirche lebt nicht zuerst aus menschlicher Klugheit, sondern aus dem Heiligen Geist. Pfingsten beginnt nicht mit Lärm, sondern mit Gebet.

Und mitten unter den Betenden steht Maria. Still. Hörend. Sammelnd. Sie spricht kaum — und gerade dadurch wird sie zum Bild der Kirche. Sie bewahrt die Worte Gottes im Herzen. Sie hält aus. Sie vertraut. Der heilige Ambrosius sagt: „Maria war der Tempel Gottes — nicht durch äußeren Glanz, sondern durch die Stille ihres Herzens.“

Vielleicht ist genau das heute wichtiger denn je: weniger Lärm, mehr Hören; weniger Härte, mehr Barmherzigkeit; weniger Angst, mehr Vertrauen.

IV. Der Friede des betenden Herzens
Liebe Schwestern und Brüder, am Ende bleibt eine einfache Frage: Was trägt uns wirklich? Nicht alles, worauf wir uns verlassen, hält stand. Gesundheit vergeht. Sicherheiten zerbrechen. Menschen enttäuschen einander. Auch wir selbst werden uns manchmal fremd.

Aber eines bleibt: Christus betet für uns. Das ist der große Trost dieses Sonntagsevangeliums. Wir müssen nicht aus eigener Kraft durchs Leben gehen. Wir dürfen unser Herz hineinlegen in das Gebet Christi. Dort sind wir getragen. Dort sind wir bewahrt.

Vielleicht beginnt wahres Beten genau dort: nicht im vielen Reden, sondern im Vertrauen. Einfach vor Gott da sein. Still werden. Atmen. Warten. - Denn der Heilige Geist kommt nicht in das lärmende Herz, sondern in das hörende. So gehen wir auf Pfingsten zu — nicht resigniert und nicht voller Angst, sondern hoffend.

Christus hat die Seinen nicht verlassen. Er verlässt auch uns nicht. Amen.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.


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