Der ‚reaktionäre‘ Islam und die Herausforderung für den liberalen Verfassungsstaat

28. Mai 2026 in Deutschland


Wenn der Islam sich nicht grundlegend ‚verwestlicht‘ – also seine totalitären und machtpolitischen Ansprüche aufgibt –, steuert Europa auf eine unruhige Zukunft zu, schreibt Gideon Böss in einem Beitrag für die WELT.


Berlin (kath.net/jg)
Während Europa immer säkularer wird, tritt der Islam mit dem umfassenden Anspruch auf, alle Lebensbereiche zu durchdringen und letztlich zu dominieren. Diese Entwicklung stellt eine ernste Herausforderung für die liberalen Gesellschaften des Westens dar, die den organisierten Islam lange Zeit unterschätzt haben, schreibt Gideon Böss in einem Beitrag für die Zeitung WELT.

Am 12. Oktober 2024 demonstrierten in Hamburg etwa 1.500 Islamisten an der Kreuzung Steindamm/Kreuzweg offen für die Errichtung eines Kalifats und gegen Israel. Die Versammlung stand offiziell unter dem Motto „Stoppt den Genozid gegen unsere uigurischen Geschwister in Ostturkistan“, wurde von der Polizei streng überwacht und mit Auflagen versehen. Solche Bilder junger Islamisten, die ein Kalifat fordern, verdeutlichen eine Haltung, die weit über bloße Religionsausübung im westlichen Verständnis hinausgeht.

Ob „der Islam zu Deutschland gehört“, ist für Böss, der Religionen aus aufklärerisch-liberaler Position beurteilt, keine relevante Frage mehr. Mit schätzungsweise sechs Millionen Muslimen ist er faktisch ein Bestandteil der Gesellschaft. Entscheidend sei vielmehr, welche Rolle der organisierte Islam einnimmt und welche gesellschaftliche Zukunft daraus erwächst.

Anders als das Christentum hat der Islam keinen vergleichbaren Reform- und Säkularisierungsprozess durchlaufen. Das Christentum sei über Jahrhunderte hinweg durch Aufklärung, Kritik und gesellschaftlichen Druck gezähmt worden. Es verlor sein Bildungsmonopol, seinen direkten politischen Einfluss und akzeptierte schließlich die Trennung von Kirche und Staat. Heute ist selbst die entschiedene Ablehnung von Gott und Kirche gefahrlos möglich.

Der Islam hingegen kam zu einer Zeit in den Westen, als dieser Prozess bereits weitgehend abgeschlossen war. Er kennt keine vergleichbare historisch-kritische Auseinandersetzung mit seinen heiligen Texten und reagiert bis heute aggressiv auf Kritik. Islamkritiker wie Geert Wilders benötigen Polizeischutz – etwas, das bei Kritik am Christentum undenkbar ist.

Ein zentrales Problem sieht Böss im unkritischen Umgang mit Mohammed, der im Islam als „perfektes Vorbild“ gilt. Historisch werden ihm die Hinrichtung von Gefangenen, der Besitz von Sklaven und die Ehe mit Aisha (verheiratet mit sechs, vollzogen mit neun Jahren) zugeschrieben – Handlungen, die nach heutigem deutschem Recht schwere Straftaten darstellen würden. Eine offene, kritische Debatte darüber findet in der islamischen Welt kaum statt.

Ähnlich problematisch seien bestimmte Koranverse, die zur Tötung von Ungläubigen und Apostaten aufrufen. In zahlreichen islamischen Ländern wird der Abfall vom Islam bis heute mit dem Tod bestraft.

Der Islam tritt mit dem Anspruch auf, auf Dauer zu herrschen. Viele Muslime sehen in der Scharia das ideale Gesellschaftssystem – ein System, das Geschlechterungleichheit festschreibt, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen unterscheidet und Toleranz nur begrenzt kennt. Immer wieder kündigen muslimische Prediger an, die liberalen Verfassungen des Westens durch die Scharia ersetzen zu wollen, sobald die demografischen Verhältnisse es erlauben. Umfragen zeigen, dass fast die Hälfte junger Muslime solchen Vorstellungen zustimmt.

Böss warnt: Wenn der Islam sich nicht grundlegend „verwestlicht“ – also seine totalitären und machtpolitischen Ansprüche aufgibt –, steuert Europa auf eine unruhige Zukunft zu. Dann würde ein alterndes, säkulares Europa der Aufklärung einem jungen, „reaktionären“ Europa des politischen Islams gegenüberstehen. Aus der Mitte der Gesellschaft erwüchse eine ideologische und politische Konkurrenz zum liberalen Verfassungsstaat.

 


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