
28. Mai 2026 in Weltkirche
In zwei Jahrzehnten werde die Kirche in Deutschland ganz anders aussehen als heute, sagt der Schriftsteller im Interview mit der Welt am Sonntag. Sie werde kleiner sein, aber ein klareres katholisches Profil haben.
Berlin (kath.net/jg)
In einem ausführlichen Gespräch mit der Welt am Sonntag zieht der konservative Schriftsteller und Katholik Martin Mosebach Bilanz zur aktuellen Lage der katholischen Kirche. Der Büchner-Preisträger äußert sich kritisch zum Erbe von Papst Franziskus, hoffnungsvoll, aber vorsichtig zu Papst Leo XIV. und erklärt, warum er trotz des offensichtlichen Niedergangs in Europa auf eine Erneuerung setzt.
Mosebach betont, dass ein Jahr unter dem neuen Papst noch kein abschließendes Urteil erlaube. Die Kirche sei eine „Rieseninstitution“ mit weitgehend unverändertem Personal aus der Ära Franziskus. Dennoch spüre man in Rom bereits eine gewisse Erleichterung: Die „launische Diktatur“ und das von Franziskus erzeugte Chaos seien einer größeren Beständigkeit und Rechtlichkeit gewichen.
Scharfe Kritik übt Mosebach an Papst Franziskus. Dessen Regierungsstil sei von Ambivalenz und „autoritärem Relativismus“ geprägt gewesen. Er habe mit „Versuchsballons“ Unsicherheit gestiftet und den Eindruck erweckt, alles stehe zur Disposition. Besonders der Umgang mit dem deutschen Synodalen Weg sei typisch gewesen: zunächst Ermutigung („Geht ihr voran“), dann wirkungslose Bremsversuche. Für Mosebach steht fest: Papst Leo muss diesen deutschen Sonderweg mit seiner Gleichberechtigung von Laien und Bischöfen und der drohenden Laienmehrheit klar unterbinden, da er die hierarchische Struktur der Kirche zu sprengen drohe.
Mosebachs Ideal des Papstamtes orientiert sich an Petrus – dem unzuverlässigen Fischer, der den Herrn verriet und dennoch zum Felsen der Kirche wurde. Der Papst müsse kein theologisches Genie oder charismatischer Visionär sein. Gerade Genialität im Papstamt sei gefährlich. Die eigentliche Aufgabe liege in der Bewahrung der Kontinuität, der passiven Repräsentation Christi und der Entscheidung in Streitfällen nach traditionellem Maßstab.
Leo XIV. sei selbst ein Geschöpf Franziskus’. Dieser habe Robert Prevost erst kurz vor seinem Tod zum Kardinal erhoben. Leo verkörpere bislang diesen Wunsch nach Kontinuität statt Disruption. Mosebach hofft, dass er diesem Weg treu bleibt.
Für die Fehlentwicklungen in der Kirche sieht der Schriftsteller nicht allein Franziskus verantwortlich. Sie seien vielmehr eine konsequente Fortsetzung eines Zersetzungsprozesses, der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Theologie, Universitäten und Seminaren eingesetzt habe. Dennoch beobachtet er mit Staunen eine neue „Lust am Katholizismus“, besonders unter jungen Menschen, die oft ohne familiären oder kulturellen Hintergrund konvertieren.
„Ich war von Jugend an darauf eingestellt, als Katholik auf verlorenem Posten zu stehen“, sagt Mosebach. Das habe ihn aber nie irritiert. Er erklärt dies mit der Enttäuschungsresistenz des Katholizismus, der durch den Glauben an die Erbsünde keine falschen Erwartungen an die Welt stelle. Umso erstaunlicher sei es, dass „die Nichtnagetiere das sinkende Schiff“ betreten.
Mosebach prognostiziert eine deutlich geschrumpfte Kirche, die aber ein wesentlich klareres katholisches Profil aufweisen werde. Der aktuelle „Amtskatholizismus“, besonders in Deutschland, stehe diesem Phänomen ratlos gegenüber. Während die Hierarchie weiter auf Reformen wie das Frauenpriestertum setze, tendierten die wenigen jungen Priester bereits wieder zur Tradition. „In zwei Jahrzehnten wird die Kirche viel kleiner sein, aber ganz anders aussehen – katholisch eben.“
Als positives Beispiel nennt er die koptische Minderheitskirche in Ägypten, die trotz Verfolgung eine große innere Kraft entwickelt habe. Die amerikanische Kirche sieht er als derzeit stärkste im Westen, während die afrikanische am schnellsten wachse.
Der Schriftsteller bleibt ein entschiedener Gegner jeder Geschichtsphilosophie, ob es sich um Fortschritts- oder Verfallsnarrative handelt. Weder Apokalypse-Spekulationen noch lineare Deutungen der Gegenwart überzeugen ihn. Zur geplanten Enzyklika von Papst Leo über Künstliche Intelligenz mahnt er, die Kirche solle vor allem durch Erziehung wirken: Gedächtnisschulung, Sprachkompetenz, Rechnen ohne Hilfsmittel und Wirklichkeitssinn, damit der Mensch seine innere Freiheit gegenüber der Technik bewahre.
© 2026 www.kath.net