„Fürchtet euch nicht!“ – Vom Mut des Glaubens und der Freiheit der Kinder Gottes

21. Juni 2026 in Spirituelles


„Es gibt Worte Jesu, die wie ein Lichtstrahl in die Dunkelheiten unseres Lebens fallen.“ Sonntagspredigt von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 12. Sonntag im Jahreskreis A (Mt 10,26–33)

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt Worte Jesu, die wie ein Lichtstrahl in die Dunkelheiten unseres Lebens fallen. Worte, die wir nicht nur hören, sondern die wir immer wieder hören müssen. Zu diesen Worten gehört auch jener Satz, den wir heute im Evangelium gleich dreimal vernehmen: 

1. „Fürchtet euch nicht!“
Dreimal spricht Jesus diese Worte aus. Das ist kein Zufall. Denn Jesus kennt das menschliche Herz. Er weiß, wie leicht sich Angst in unserem Inneren einnistet. Er kennt die Sorgen, die uns den Schlaf rauben, die Unsicherheiten, die uns lähmen, die Fragen, die wir oft niemandem erzählen.

Und wenn wir ehrlich sind, leben wir in einer Zeit, in der viele Menschen von Ängsten begleitet werden. Da ist die Angst vor Krankheit und Leid. Die Angst vor Krieg und Gewalt. Die Sorge um die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Die Angst vor Einsamkeit, vor dem Altwerden, vor dem Sterben. Und nicht zuletzt die Angst, mit seinem Glauben anzuecken oder nicht mehr verstanden zu werden.

Gerade deshalb klingt das heutige Evangelium erstaunlich aktuell. Jesus sagt nicht: „Es gibt nichts zu befürchten.“ Er sagt auch nicht: „Alles wird leicht werden.“ Er verschweigt weder die Härte des Lebens noch die Schwierigkeiten der Nachfolge. Im Gegenteil. Er spricht offen von Ablehnung, Verfolgung und Bedrängnis. Aber mitten in diese Wirklichkeit hinein spricht er sein großes Wort: „Fürchtet euch nicht!“ Denn die Angst darf nicht das letzte Wort haben. Das letzte Wort gehört Gott.

2. Der Glaube ist kein Geheimnis
Das Evangelium beginnt mit einer überraschenden Aufforderung: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht; und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern.“

Jesus will keine Geheimreligion gründen. Sein Evangelium soll nicht im Verborgenen bleiben. Die Frohe Botschaft ist nicht für geschlossene Räume bestimmt, sondern für die Welt.

Viele Menschen sagen heute: „Mein Glaube ist Privatsache.“

Natürlich ist der Glaube etwas zutiefst Persönliches. Er lebt von der Begegnung des Menschen mit Gott. Aber er darf nicht zur bloßen Privatsache werden. Denn wer Christus begegnet ist, wer seine Liebe erfahren hat, der kann diese Erfahrung nicht einfach einschließen wie einen wertvollen Gegenstand in einem Tresor.

Die ersten Christen haben das verstanden. Sie hatten keine Kirchengebäude, keine gesellschaftliche Macht und keine privilegierte Stellung. Aber sie hatten eine innere Gewissheit: Christus lebt. Er ist auferstanden. Er hat den Tod besiegt. Und deshalb konnten sie nicht schweigen.

Der heilige Johannes Chrysostomos (+407) sagt: „Das Licht wird nicht angezündet, damit es verborgen bleibe. So ist auch der Christ berufen, durch sein Leben Zeugnis zu geben.“

Vielleicht braucht unsere Zeit heute weniger große Worte und mehr glaubwürdige Zeugen. Menschen, die nicht ständig über den Glauben reden, aber aus ihm leben. Menschen, deren Freundlichkeit, Geduld, Hoffnung und Barmherzigkeit erkennen lassen, dass Christus in ihrem Leben einen Platz hat.

3. Die Angst vor den Menschen
Warum fällt uns das oft so schwer? – Weil wir Menschenfurcht kennen.

Wir brauchen bei uns keine Angst vor Gefängnis oder Verfolgung haben, wie sie viele Christen weltweit bis heute erleben müssen. Wir haben oft einfach Angst vor dem Urteil anderer.

Wer sich heute öffentlich zum Glauben bekennt, wird nicht selten belächelt. Christliche Überzeugungen gelten rasch als rückständig oder weltfremd. Viele ziehen sich deshalb in die Stille zurück.

Jesus kennt diese Versuchung. Darum sagt er: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können.“ Mit diesen Worten erinnert er uns daran, dass der Mensch mehr ist als seine äußere Existenz. Er besitzt eine Seele. Er lebt nicht nur für einige Jahrzehnte auf dieser Erde, sondern ist auf die Ewigkeit hin geschaffen.

Wir leben heute in einer Kultur, die sich fast ausschließlich um das Sichtbare dreht: Gesundheit, Leistung, Besitz, Erfolg, Ansehen. All das hat seinen Platz. 

Aber Jesus fragt nach dem Eigentlichen. Was trägt den Menschen wirklich? Was bleibt, wenn Besitz, Gesundheit und Sicherheit wegfallen? Was bleibt, wenn wir eines Tages vor Gott stehen?

Der heilige Augustinus (+430) hat diese Wahrheit in einem berühmten Satz zusammengefasst: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Alles Irdische bleibt vorläufig. Gott allein bleibt.

Darum lädt uns Jesus ein, unsere Maßstäbe neu zu ordnen. Nicht alles, was uns Sorge macht, ist wirklich entscheidend. Und manches, was wirklich entscheidend ist, vergessen wir allzu leicht.

4. Unter dem Blick Gottes
Dann folgt eine wunderbare und tröstliche Aussage des Evangeliums: Jesus spricht von den Spatzen: „Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne euren Vater.“

Und er fährt fort: „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.“

Das ist eines der vielen zärtlichen Bilder der Heiligen Schrift.

Jesus möchte uns damit sagen: Kein Mensch ist Gott gleichgültig. Kein Leben ist bedeutungslos. Kein Schicksal bleibt unbeachtet.

Viele Menschen fühlen sich heute oft übersehen. Viele erleben vielleicht gerade eine Krankheit, stehen in einer Enttäuschung oder sind in einer bedrückenden Einsamkeit. Und sie fragen sich, ob ihr Leben überhaupt noch wichtig ist.

Gerade ihnen gilt dieses Wort des Evangeliums. Denn Gott kennt nicht nur die Menschheit im Allgemeinen. Er kennt jeden Einzelnen. Er kennt unsere Freuden und Sorgen. Er kennt unsere Hoffnungen und unsere Tränen. Er kennt unsere Wunden und unsere Sehnsucht.

Der Wüstenvater Abba Poimen (+ um 450) sagte: „Der Mensch ist kostbar vor Gott, weil Gott ihn niemals aus seinen Augen verliert.“ Das bedeutet nicht, dass Gott uns jedes Leid erspart.

Auch Spatzen fallen vom Dach. Auch Christen werden krank. Auch Gläubige sterben. Aber niemand fällt aus Gottes Hand.

Der Herr verspricht nicht ein leidfreies Leben. Er verspricht seine Gegenwart mitten im Leid.

Darin liegt der Unterschied.

5. Der Mut des Bekenntnisses
Am Ende des Evangeliums wird Jesus noch einmal sehr deutlich: „Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.“

Christsein bedeutet nicht nur, etwas für wahr zu halten. Es bedeutet Beziehung.

Wer einen Menschen liebt, wird sich nicht schämen, zu ihm zu gehören. Wer Christus liebt, wird sich nicht dauerhaft verstecken können.

Natürlich geschieht dieses Bekenntnis nicht zuerst durch große Reden. Oft geschieht es durch kleine Gesten des Alltags: durch Ehrlichkeit, wo andere täuschen; durch Vergebung, wo andere nachtragen; durch Hoffnung, wo andere resignieren; durch Mitgefühl, wo andere wegsehen.

So wird das Evangelium sichtbar.

Der selige Oscar Romero (+1980), der für seinen Glauben und seinen Einsatz für die Armen ermordet wurde, sagte einmal: „Ein Evangelium, das niemanden herausfordert, ist nicht das Evangelium Jesu Christi.“

Christlicher Glaube wird niemals völlig bequem sein. Aber gerade deshalb verändert er die Welt.

6. Schluss
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht können wir das heutige Evangelium in einem einzigen Satz zusammenfassen: Die Angst hat nicht das letzte Wort – Gott hat das letzte Wort.

Darum dürfen wir mit Zuversicht leben.

Nicht weil alles leicht wäre. Nicht weil wir vor Leid bewahrt blieben. Nicht weil wir stärker wären als andere. Sondern weil Christus stärker ist als unsere Angst.

Er kennt uns. Er liebt uns. Er begleitet uns. Er hält unser Leben in seinen Händen. Und deshalb spricht er auch heute jedem von uns sein großes Wort zu: „Fürchte dich nicht!“

Fürchte dich nicht vor der Zukunft. Fürchte dich nicht vor den Menschen. Fürchte dich nicht vor den Fragen und Lasten deines Lebens. Denn du bist in Gottes Hand.

Und wer in Gottes Hand ist, kann manches verlieren – aber niemals die Hoffnung.
Amen.


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