Denn sie wissen nicht, was sie fordern

20. Juli 2026 in Kommentar


Immer wieder der Zölibat. Dabei würde die einfache Abschaffung mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Probleme schaffen als lösen. Verheiratete Priester zu weihen führt nicht zu mehr Berufungen. Der Montagskick von Peter Winnemöller


Linz (kath.net)

Der Zölibat soll weg. Das fordert nicht nur das umstrittene „ZdK“. Auch der neu ernannte Bischof von Eichstätt stellt es zur Disposition. Der Erzbischof von Mechelen-Brüssel, Luc Terlinden, sagt: "Für mich wären verheiratete Priester eine Bereicherung für die Kirche." Bis 2028 will der Antwerpener Bischof Johann Bonny verheiratete Männer zu Priestern weihen, kündigte dieser jüngst an. Und auch ein Kommentar auf dem Nachrichtenportal, das die kna im Auftrag der deutschen Bischöfe betreibt, war die klare Ansage: Das Ding muss weg. Also soll jedenfalls weg in seiner Gestalt als Zwangszölibat. Ganz sicher sitzen Tausende junger Männer heulend und zähneknirschend in Zwangszölibatseinrichtungen und werden brutal am Heiraten gehindert. Das ist natürlich Unsinn. Niemand wird zu diesem Versprechen gezwungen. Und es ist ebenfalls eine urbane Legende, dass diese Pflicht Berufungen verhindert. Der Mangel an evangelischen Pastoren ist noch einmal drastisch höher als bei katholischen Priestern. Aber das ist kein Kriterium. Es ist in dem Zusammenhang wohl auch nur eine Fußnote, dass der evangelische Pastor der Beruf mit der höchsten Scheidungsrate ist. Der verstorbene frühere Osnabrücker Generalvikar Heinrich Heitmeyer pflegte zu sagen, mit Zölibat habe man sich eine Menge eingehandelt. Mit der Abschaffung des Zölibats allerdings würde man diese um den Preis lösen, sich eine weitaus größere Zahl anderer Probleme einzuhandeln.

Zu Frage der Verhinderung von Berufungen ist zu bedenken, dass eine Berufung immer ein Dreischritt aus Neigung, Eignung und Annahme durch die konkrete Gemeinschaft ist. Werden der erste und der zweite Schritt oft schon locker übergangen, findet der dritte Schritt zumeist gar kein Erwähnung. Ein Kandidat, der zum Beispiel Priester werden möchte, sollte Freude daran haben, sich mit theologischen Fragen zu befassen, dies allerdings nicht aus reinem Eigeninteresse, sondern mit dem Ziel, sich für die Seelsorge und für sein angestrebtes sakramentales Amt zu qualifizieren. Das ist die Neigung, die natürlich sehr individuell geprägt sein kann und darf. Diese festzustellen ist zuerst ein sehr persönlicher Akt, wird aber später auch ein Aspekt, der in den Gesprächen mit den für die Priesterausbildung zuständigen Personen angemessen kommuniziert werden muss. Es gilt, sich über seine Neigung Klarheit zu verschaffen und schon da kommt die Lebensform der Ehelosigkeit ins Spiel.

Der nächste Punkt ist die Eignung. Neben der intellektuellen Fähigkeit zu einem akademischen Studium gehören immer charakterliche Fragen dazu. Auch dabei steht die Frage im Raum, ob der Betreffende in der Lage ist, ein Leben ohne Ehe- und damit auch ohne Sexualpartner zu führen. Ein guter Orientierungspunkt sind die evangelischen Räte der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams. Das sind harte Nüsse, die man nicht en passant knackt. Vieles davon wird sich erst auf dem Weg entscheiden, doch vor der Weihe sollte man auch in diesem Punkt Klarheit haben. Dann nämlich kommt der dritte Aspekt, die Annahme durch die konkrete Gemeinschaft. Man darf den Bistümern angesichts des Missbrauchsskandals und anderer Aspekte für die vergangenen Jahrzehnte hier eine gewisse Leichtfertigkeit vorwerfen. Das gilt auch für die Einübung in die ehelose Lebensform. Wenn ein Bistum zulässt, dass ein junger Mann das Studium als Priesteramtskandidat beginnt und noch eine Beziehung zu einer jungen Frau lebt, ist etwas gewaltig im Argen. Fakt aber ist, dass es für die Annahme als Priester in der römisch-katholischen Kirche erforderlich ist, die Bereitschaft zu Zölibat zu versprechen. Ohne dies Versprechen keine Annahme, ohne diese Annahme keine Berufung. Dann kann man sich immer noch berufen fühlen, doch es ist ein Akt der persönlichen Reifung, zur Einsicht zu kommen, was die wahre Natur der Berufung ist. Es ist weder ein Makel noch eine Schande, nicht zum Priester berufen zu sein. Es ist tatsächlich eher eine Ausnahme. Klerus bedeutet herausgerufen zu sein. Das ist nun einmal nicht beliebig und das ist nicht machbar.

Gerne wird dann ein Gegensatz zur Ostkirche aufgemacht. Das ist doch so toll, dass die verheiratete Priester haben. Dieser Ansicht kann man sein. Doch wer allen Ernstes glaubt, damit fix mal schnell mehr Priester zu bekommen, täuscht sich gewaltig. Doch langsam – die ostkirchliche Praxis ist der unseren ähnlicher als die meisten denken. Die Ostkirche verfolgt das alttestamentliche Motto, es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Daher gibt es zwei Modelle von Priestern. Die einen sind Mönche. Die anderen verheiratet. Es gibt nicht den allein lebenden unverheirateten Pfarrer. Damit muss jeder, der in einer Ostkirche, auch in einer unierten Ostkirche, Priester werden möchte, vor seiner Weihe entweder verheiratet sein oder in ein Kloster eintreten. Tertium non datur. Das hat zur Folge, dass es in den Ostkirchen eine große Zahl junger Männer gibt, die ein Väterstudium abgeschlossen haben, alles erledigt haben, was ihnen ihr Bischof an Wegen zur Ausbildung aufgetragen hat, aber dennoch nicht geweiht werden können, weil sie unverheiratet sind und keine Neigung zeigen, in ein Kloster einzutreten. Teilweise leben diese jungen Männer durchaus unter prekären wirtschaftlichen Verhältnissen, wenn sie keine Familie oder Förderer haben. Mehr Priester durch Abschaffung des Zölibat könnte also gewaltig nach hinten losgehen. Auch im Westen werden die Männer immer älter, bis sie heiraten. Zudem müsste eine Frau bereit sein, das Leben eines Popen zu teilen. Auch das ist eine Herausforderung.

Wir sehen hier vor allem eine Illusion: Geweihte Priester können nicht heiraten. In der gesamten Kirche, also sowohl im Osten als auch im Westen ist die Weihe ein Ehehindernis, die Ehe ist jedoch kein Weihehindernis. Es ist insofern auch im Westen grundsätzlich möglich, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Es ist hingegen im Osten wie im Westen unmöglich, als Priester zu heiraten. Wenn Männer vor der Weihe verheiratet sein müssen, so sie nicht ins Kloster wollen, ist das eine beachtliche Weiheverschiebungsmaschine. Hinzu kommt das Faktum, dass auch in den Ostkirchen die Bischöfe immer unverheiratet sind. Das bedeutet, in der Ostkirche sind Bischöfe grundsätzlich Mönche. Das ist kein Nachteil, sieht man sich unsere Professorenbischöfe an.

Würden wir im Westen mit unserer hohen Scheidungsrate verheiratete Männer zu Priestern weihen, hätten wir ganz fix eine Reihe geschiedener Priester, die allerdings nicht wieder heiraten könnten. Sie könnten auch dann nicht erneut heiraten, wenn sie Witwer würden. Die Weihe ist auch dann ein Ehehindernis. Es benötigt nur wenig Phantasie, sich den ersten Bischof vorzustellen, der mit einem geschiedenen, zivil wiederverheirateten Bischof konfrontiert wäre. Und dann? Sich das Gejaule im deutschen Blätterwald über eine grausame Kirche, die einen Priester deswegen suspendiert, vorzustellen, verlangt nur wenig Fantasie.

Das wäre auch dann der Fall, wenn der Westen eine völlig neue Tradition ginge und den Mönch neben dem verheirateten Popen neben dem priesterlichen Hagestolz akzeptieren würde. Das würde ämtertheologisch die eine oder andere Verrenkung verlangen, aber am Ende wieder in denselben Problemkomplex führen. Dabei hätte man im Westen noch gute Karten, da man die jungen unverheirateten heiratswilligen Priesterkandidaten als Pastoralreferenten beschäftigen könnte. Das wäre zumindest in der Theorie möglich. Die Einführung würde zu sehr viel Ärger führen. Ältere, noch im heiratsfähigen Alter befindliche Priester wären im Zölibat – und zwar in einem tatsächlichen Zwangszölibat – gefangen! Pastoralreferenten, die bisher diese Option nicht gesehen haben, könnten plötzlich um die Weihe bitten, und wer schon längst Vikar oder Pastor sein könnte, würde vielleicht exorbitant lange auf Freiersfüßen in der Warteschleife kreisen.

Es bleibt dabei, dass die Forderung an Priester, sich vor der Weihe zur ehelosen und keuschen Lebensform zu verpflichten, der Kirche eine Menge Probleme bereitet. Es stimmt aber auch, dass die Abschaffung des Zölibats die Probleme verändern und deren Anzahl gar vervielfachen würde. Man kann es nur immer wieder allen sagen, die in Kommentaren, Ansprachen, Aufsätzen, Reformpapieren und vielen anderen Formen die „EndlichAbschaffungdesZölibats“ fordern, doch bitte einmal alle Folgen, von denen auch in diesem Kick längst nicht alle erwähnt sind, zu bedenken und zu berücksichtigen, wenn man solche populistischen Forderungen in die Welt stellt. Denn wer ernsthaft glaubt, eine Ehe sei leichter zu leben als ein keusches eheloses Leben, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

 

Bild oben: Vor der Weihe haben die Kandidaten lange genug Zeit, sich auf die Lebensform einzustellen, für die sie sich entscheiden. Foto: unsplash


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