
28. Juli 2026 in Weltkirche
Nach Ansicht des emeritierten Kurienkardinals sollte der Heilige Stuhl mit gleicher Entschiedenheit auf die lehrmäßigen Abweichungen des deutschen Synodalen Weges reagieren, sagte Müller dem „Catholic Herald“.
Warschau-London (kath.net/ Katolicka Agencja Informacyjna KAI/red) Kardinal Gerhard Ludwig Müller begrüßte die Entscheidung von Papst Leo XIV., wieder regelmäßige Konsistorien abzuhalten, kritisierte jedoch deren Durchführung. In einem Interview mit „The Catholic Herald“ erklärte der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation, dass die angewandte Methodik – inspiriert vom synodalen Prozess – keine tiefgehende Diskussion über die wichtigsten Herausforderungen der Kirche gefördert habe. Das berichtet die polnische Katholische Nachrichtenagentur KAI.
Der Kardinal wies darauf hin, dass die traditionelle Debatte im Plenum weitgehend durch Kleingruppenarbeit zu vorab ausgearbeiteten Fragen ersetzt wurde. Es sei eher eine Brainstorming-Sitzung als ein durchdachtes Gespräch gewesen, lautete sein Urteil.
Kardinal Müller betonte, dass das Verhältnis zwischen dem Papst und den Kardinälen zwar gut sei, das Kardinalskollegium jedoch nicht bloß eine Ansammlung von Einzelpersonen darstelle, sondern ein kollegiales Gremium, das dazu eingesetzt sei, den Nachfolger Petri bei der Leitung der Kirche zu unterstützen. Aus diesem Grund plädiert er für Debatten im Plenum, die seiner Ansicht nach dem Wesen dieses Gremiums besser entsprechen.
Die FSSPX und der Synodale Weg
Dem Kardinal zufolge widmete sich ein wesentlicher Teil der Beratungen der Enzyklika von Papst Leo XIV. sowie Fragen zu Frieden, künstlicher Intelligenz und Menschenwürde. Er bemängelte jedoch, dass es an Gelegenheit gefehlt habe, andere wichtige Probleme zu erörtern, darunter die Situation der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX).
Der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation erläuterte, er habe in seiner Ansprache eine gemeinsame Stellungnahme des Kardinalskollegiums zu jenem Glaubensbekenntnis gefordert, das die Bruderschaft dem Papst und den Kardinälen vorgelegt hatte. Er räumte jedoch ein, dass dieses Thema keine breitere Diskussion ausgelöst habe. Weiterhin erinnerte er an seinen früheren Vorschlag, eine Struktur nach dem Vorbild der ehemaligen Kommission „Ecclesia Dei“ zu schaffen, die Klerikern und Laien, welche die Piusbruderschaft (FSSPX) im Falle eines endgültigen Schismas verlassen würden, seelsorgliche Betreuung bieten könnte. Mit Blick auf die am 1. Juli in Écône vollzogene Bischofsweihe erklärte der Kardinal: Die Weihe eines Bischofs ohne Gemeinschaft mit dem Papst ist in sich ein schismatischer Akt.
Gleichzeitig merkte er an, dass der Streit mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. klar von der Diskussion über die nach dem alten Ritus gefeierte Liturgie unterschieden werden müsse.
Die Wahrheit ist entscheidend
Nach Ansicht des deutschen Kurienkardinals sollte der Heilige Stuhl mit gleicher Entschiedenheit auf die – wie er es formulierte – lehrmäßigen Abweichungen des deutschen Synodalen Weges reagieren. Diplomatische Lösungen seien bis zu einem gewissen Punkt gut. Entscheidend sei aber die Wahrheit, sagte er und argumentierte weiter, dass Fragen der lehrmäßigen Integrität nicht allein durch pastorale Kompromisse gelöst werden könnten.
Kardinal Müller warf den Befürwortern des deutschen Synodalen Weges vor, sich in unzulässiger Weise auf das Konzept der Dogmenentwicklung zu berufen. Er betonte, dass die Entwicklung der Lehre eine Vertiefung des Verständnisses der Offenbarung bedeute, nicht eine Änderung ihres Inhalts. Seiner Ansicht nach könne dies nicht als Grundlage dienen, um Änderungen an der sakramentalen Struktur der Kirche oder am Priestertum zu rechtfertigen.
Zudem bekräftigte er seine frühere Kritik an Vorschlägen, Laien das Halten von Predigten während der Heiligen Messe zu gestatten, und warf der Führung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) vor, eine andere Kirche aufbauen zu wollen, die von Woke-Ideologie und Feminismus inspiriert sei.
Die Notwendigkeit einer stärkeren Rolle des Kardinalskollegiums
Kardinal Müller betonte, dass Konsistorien ein Forum für die echte Unterscheidung in entscheidenden Fragen des Glaubens und der Einheit der Kirche sein sollten, anstatt lediglich eines Meinungsaustauschs.
„Unser Ziel ist es nicht, von der heutigen Presse akzeptiert oder gelobt zu werden. Wenn sie uns loben, bedeutet das, dass wir auf dem falschen Weg sind“, erklärte er.
Seiner Ansicht nach verdeutlichen Fragen im Zusammenhang mit der FSSPX, dem deutschen Synodalen Weg und dem richtigen Verständnis der Lehrentwicklung die Notwendigkeit von Konsistorien, die eine eingehende Debatte im gesamten Kardinalskollegium ermöglichen. Nur auf diese Weise, so seine Einschätzung, könnten die Kardinäle den Papst wirksam dabei unterstützen, die bedeutendsten lehrmäßigen und pastoralen Herausforderungen zu bewältigen, vor denen die Kirche der Gegenwart steht.
Archivfoto: Kardinal Müller beim Konklave 2025 (c) Vatican Media
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