Grösse

8. August 2026 in Kommentar


Unsere Wahrnehmung davon, was Grösse ist, konstituiert vielleicht am stärksten die unversöhnliche Unterschiedlichkeit zwischen dem Reich Jesus und dem, was er als „die Welt” bezeichnet. Gedanken aus dem Auenland von Nikolaus Lobkowicz


Prag (kath.net)

Was die Welt als „gross” wahrnimmt, das kennen wir alle – und ich rede überhaupt nicht von gewissen Hollywoodstars, Künstlern, Big-Tech-Gründern, Spitzensportlern, „Influencern”, manchen Spitzenpolitikern, Wissenschaftlern oder Bestsellerautoren, deren Leistungen uns (völlig zu Recht) zutiefst beeindrucken, und die wir deswegen als „die Grossen” der Welt wahrnehmen. Ich rede viel mehr von diesem gewissen Bedürfnis in uns allen danach, von anderen gesehen und anerkannt zu werden – und davon, wie gerne wir uns von unseren Mitmenschen für das feiern lassen wollen, was wir geleistet haben, wenn wir etwas geleistet haben. Woran ja erstmal, an und für sich, wirklich überhaupt nichts Falsches ist. Tut uns ja gut, eine gewisse Anerkennung, in gewissen Dosen, und tut auch unserer Umwelt gut, weil das sich gegenseitig Feiern und „Gross-Sehen”-Können eine gute und positive Dynamik erzeugt, in der sich die allermeisten Menschen wohlfühlen, abgesehen vielleicht von denen, die tief in sich selbst mit Neid und Missgunst ringen.

Ich war vor Kurzem Zeuge einer Begebenheit, bei der jemand, der seit vielen Jahren ein wirklich bedeutendes und einflussreiches Werk in Österreich aufgebaut hat, dieses Werk an die nächste Generation übergeben hat – indem er ohne grosses Aufheben, aber mit einem flachen Witz, seinem Nachfolger eine etwas alberne (aber besonders vom sehr jungen Publikum heiss geliebte) Handpuppe überreichte und dann in den Hintergrund verschwand, bevor das Publikum überhaupt richtig verstanden hatte, was da gerade eigentlich passiert war. Klar wurde da kurz applaudiert, aber eben nur ganz kurz, weil der Nachfolger sofort im Sinne der grossartigen Mission des besagten Werkes „weiter im Text” machte. Keine Laudatio, keine nicht enden wollende Reihe berührender Reden, keine hochemotionalen Jubelstürme. Und zwar nicht, weil der Gründer sie (meiner persönlichen Meinung nach) nicht durchaus mehr verdient hätte als irgendein anderer aktuell lebender Österreicher, sondern wegen der gelebten Überzeugung, dass die Mission dieses spezifischen Werkes Vorrang hat. Also der Überzeugung, dass es nicht darum geht, in Nostalgie zu verfallen, aus der heraus ja nur allzu leicht auch allerlei Ungutes erwachsen kann, sondern darum, es den Nachfolgern so leicht wie möglich zu machen – damit sie nicht nur das wichtige Werk bestmöglich weiterführen können, sondern damit sie das, was der Gründer begonnen hat, noch bei Weitem übertreffen können. Wer unter euch der Erste sein will, sagt Jesus, der sei der Diener aller. Das ist derselbe Jesus, der prophezeit, dass manche von denen, die ihm nachfolgen, noch Grösseres als Er tun werden. Der Gründer dieses Werkes (und damit meine ich übrigens auch seine wundervolle Frau, ohne die das Ganze sicher viel un-grossartiger wäre!) ist jemand, der seine Bestätigung nur von dem Einen braucht, dem er alles verdankt. Und dieser Eine wiederum ist einer, der sich danach sehnt, noch übertroffen zu werden. Wo findet man so eine Haltung in „der Welt”? Besagter Gründer weiss, wie viel Gnade er bekommen hat, und er weiss auch, wie viel von dem, was er „geschafft” hat, nur durch diese Gnade zustande kommen konnte. Er weiss aber vor allem um das Herz dessen, dem er mit seiner ganzen beachtlichen Schaffenskraft dient. Wenn man ihn also für das grosse Werk lobt, das er geschaffen hat, dann freut er sich sichtlich – so wie es nur jemand kann, dessen Identität zutiefst in dem verwurzelt ist, dem er sein ganzes Leben hingegeben hat, in aller Imperfektion und Schwäche. So jemand hat kein Problem mit falscher Bescheidenheit, weil er in dem Lob an sich das bestätigt sieht, was er in den ihn ansehenden Augen dessen sieht, dem er ganz gehört.

So etwas mitzuerleben ist so selten wie kostbar, und es inspiriert diejenigen, die es erleben dürfen, sich selbst ebenfalls in den Augen des Einzigen zu finden, bei dem es wirklich wichtig ist.


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