Kardinal Müller: „Muslime respektieren kein schwaches Christentum, das sich des Kreuzes schämt“

15. September 2026 in Weltkirche


Emeritierter Präfekt der Glaubenskongregation: Der Westen durchlebt eine tiefe Identitätskrise, weil er sich von seinen christlichen Wurzeln entfernt. Der „innere Glaubensabfall“ des Westens geht mit der „energischen Ausbreitung des Islam“ einher.


Vatikan-Assisi (kath.net/Polnische Katholische Nachrichtenagentur KAI/red) Der Westen durchlebt eine tiefe Identitätskrise, weil er sich von seinen christlichen Wurzeln entfernt, so Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Der emeritierte Präfekt der Glaubenskongregation warnte, dass der „innere Glaubensabfall“ des Westens mit der „energischen Ausbreitung des Islam“ einhergeht. Laut dem Kardinal kann die Antwort auf diesen Prozess weder Relativismus noch Fundamentalismus sein, sondern muss in einer Rückkehr zu Christus und dem missionarischen Charakter des Christentums liegen. Diese Thesen präsentiert Kardinal Müller in einer Rede, die er für die Konferenz „Tavole di Assisi 2026“ vorbereitet hatte, die am 5. und 6. September in Assisi stattfand. Der dem „Catholic Herald“ vorliegende Text der Rede behandelte unter anderem die Säkularisierung des Westens, die christlich-muslimischen Beziehungen und die Bedeutung der Mission der Kirche. Darüber berichtet die polnische Katholische Nachrichtenagentur KAI anhand der Darstellung im britischen „Catholic Herald“.

Der „innere Glaubensabfall“ des Westens

Laut dem deutschen Kurienkardinal erlebt der Westen eine „beispiellose Identitätskrise“. Diese sei, so betonte er, nicht allein auf äußere Bedrohungen zurückzuführen.

„Der christliche Westen ist nicht länger nur von äußeren Kräften bedroht, sondern wird durch einen inneren Glaubensabfall untergraben“, erklärte er.

Kardinal Müller verwies auf den Aufstieg des Posthumanismus, den er als „nihilistische Ideologie“ bezeichnete. Seiner Ansicht nach führt der Versuch, die Menschheit von Gott zu befreien, letztlich zur Aushöhlung der menschlichen Natur selbst. Der Mensch werde zu „manipulierbarer Materie“ und „einem Algorithmus unter Algorithmen“ reduziert, anstatt als Ebenbild Gottes wahrgenommen zu werden.

Dieser Prozess gehe einher mit der „kräftigen Ausbreitung des Islam“ in einer Zeit, in der westliche Gesellschaften die religiösen Überzeugungen aufgeben, die die europäische Kultur über Jahrhunderte geprägt haben.

„Muslime respektieren kein schwaches Christentum“

Kardinal Müller betonte, dass der Islam – anders als der säkularisierte Westen – sich weder Gottes noch der Transzendenz schäme. Gleichzeitig merkte er an, dass Christentum und Islam radikal unterschiedliche Auffassungen von Offenbarung und Menschlichkeit vertreten.

„Muslime respektieren kein schwaches Christentum, das sich des Kreuzes schämt und sich auf eine Wohltätigkeitsorganisation oder einen Umweltschutzwächter reduziert. Sie respektieren diejenigen, die glauben“, stellt er fest.

Laut dem Kardinal kann die spirituelle Leere des Westens den Islam für manche wie einen „festen Felsen“ erscheinen lassen, insbesondere angesichts der Versuche, die menschliche Natur, Ehe, Leben und Tod neu zu definieren.

Kardinal Müller wies jedoch die Vorstellung zurück, der Islam könne die Antwort auf die Krise im Westen sein. „Die Antwort auf den Nihilismus ist nicht Fundamentalismus, sondern Christus, der menschgewordene Logos“, betonte er.

Der heilige Franziskus und der Sultan: Mehr als nur Dialog

Während der Konferenz wurde der Begegnung zwischen dem heiligen Franz von Assisi und Sultan al-Malik al-Kamil im Zuge des Fünften Kreuzzugs große Aufmerksamkeit gewidmet.

Der ehemalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre kritisierte Interpretationen, die dieses Ereignis vor allem als Vorläufer des heutigen interreligiösen Dialogs und des Pazifismus darstellen. Seiner Ansicht nach verkennt ein solcher Ansatz eine grundlegende Dimension der Mission des Heiligen.

„Die sentimentale und relativistische Strömung hat den heiligen Franziskus als Vorläufer des modernen Synkretismus, als Propheten des pazifistischen Dialogs als Selbstzweck dargestellt, in dem alle Religionen gleichwertig sind und keine die Wahrheit besitzt“, erklärte der Kardinal.

Er nannte eine solche Interpretation eine „historische und theologische Verfälschung“. Er betonte, dass Franziskus nicht zu diplomatischen Gesprächen zum Sultan gegangen sei, sondern aus „Liebe zu den Seelen“ und aus Überzeugung von der Heilsmission Jesu Christi.

Dialog ohne Verleugnung des Glaubens

Kardinal Müller betonte, dass authentischer interreligiöser Dialog nicht bedeutet, die eigene Identität aufzugeben.

„Ein authentischer und die Menschenwürde achtender interreligiöser Dialog kann nicht auf der Verleugnung der eigenen Identität beruhen“, sagte er.

Seiner Ansicht nach zeigt die Haltung des heiligen Franziskus, dass Respekt vor Anhängern anderer Religionen mit einem klaren Bekenntnis zum eigenen Glauben vereinbar ist.

Der Kardinal rief daher zu einer Wiederentdeckung der missionarischen Dimension des Christentums auf. Dies sei seiner Meinung nach „nicht nur richtig, sondern heute dringend notwendig“.

„Der Westen hat den Glauben verloren, weil er die Vernunft verloren hat.“

Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation brachte die Säkularisierung mit einer Krise des westlichen Menschenverständnisses in Verbindung. „Der Westen hat den Glauben verloren, weil er die Vernunft verloren hat“, stellte er fest.

Seiner Ansicht nach geht die Abkehr vom Christentum mit einer Infragestellung fundamentaler Wahrheiten über die menschliche Natur einher. In einer Situation spiritueller Leere können Religionen, die klare Antworten und feste Überzeugungen bieten, attraktiv erscheinen.

Der deutsche Kurienkardinal warnte jedoch davor, im Fundamentalismus eine Lösung zu suchen. Die Alternative zum Nihilismus müsse, betonte er, ein in Christus verwurzelter und mit der Vernunft im Einklang stehender Glaube sein.

„Der Westen wird sich vor dem Posthumanismus bewahren und nicht von anderen Religionen vereinnahmt werden, wenn er sich wieder auf Christus besinnt.“

Der deutsche Kurienkardinal warnte jedoch davor, eine Lösung im Fundamentalismus zu suchen. Eine Alternative zum Nihilismus müsse – so betonte er – ein in Christus verwurzelter und mit der Vernunft im Einklang stehender Glaube sein. 

„Der Westen wird sich vor dem Posthumanismus retten und nicht von anderen Religionen vereinnahmt werden, wenn er den Wert der Mission wiederentdeckt“, erklärte er.

„Außerhalb von Jesus Christus gibt es kein Heil“

Im Schlussteil seiner Ansprache rief Kardinal Müller die Christen dazu auf, Christus und die Einzigartigkeit des christlichen Heils offen zu verkünden.

Seiner Ansicht nach könne die Antwort sowohl auf den westlichen Nihilismus als auch auf die Ausbreitung anderer Religionen nicht darin bestehen, die Anforderungen des Glaubens aufzuweichen. Die Kirche solle sich ihrer Mission wieder bewusst werden und Christus erneut in den Mittelpunkt ihrer Botschaft stellen.

In diesem Zusammenhang bekräftigte der Kardinal den Grundsatz, dass es „außerhalb von Jesus Christus kein Heil“ gebe. Sein Appell richtete sich vor allem an die Christen selbst sowie an Europa, das sich – seiner Einschätzung nach – zunehmend von seinen christlichen Wurzeln löst. 

„Nur wenn der Westen Gott wieder in den Mittelpunkt stellt, wird der Mensch wieder wahrhaft menschlich“, fasste er zusammen.


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