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| ![]() Der blinde Fleck: Wieviel Epstein steckt in uns?vor 3 Stunden in Spirituelles, 1 Lesermeinung Es ist zu bequem, das Böse nur bei den Mächtigen zu verorten. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, was „die da oben“ an Üblem anrichten, sondern was das mit uns selbst zu tun hat - Gastkommentar von Michael W. Busch Wien (kath.net) Der Fall Epstein hat die Welt erschüttert, ist dann aber schnell wieder aus dem Blick verschwunden. Es ist allerdings zu bequem, das Böse nur bei den Mächtigen zu verorten. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, was „die da oben“ an Üblem anrichten, sondern was das mit uns selbst zu tun hat und wie viel davon in uns angelegt ist. Im vorliegenden Beitrag wird die These vertreten, dass die Reinigung des Systems bei der Reinigung des Einzelnen beginnt. Dunkle Kräfte über uns Der Epstein-Skandal war am Siedepunkt, Trump in Bedrängnis, das Ehepaar Clinton wurde durch den Kongress befragt, Obama fantasierte in den Medien über die Existenz von Aliens … dann kam der Iran-Krieg und seitdem sorgen sich alle nur mehr um die Höhe der zu zahlenden Benzinpreise oder die Gefährdung ihres Sommerurlaubs aufgrund knapper werdenden Kerosins. Epstein war damit von der Bildfläche verschwunden. Die Aufmerksamkeit auf „wichtigere“ Themen gelenkt. Abgesehen von einem wirren Prinzen Andrew, der gerade einmal für einen Tag massenmedientauglich verhaftet wurde („Ich bin der Sohn der Queen!“), einigen Botschaftern und Diplomaten, die zurücktraten, hat bisher noch keine nennenswerte strafrechtliche Verfolgung der übrigen, nicht wenigen Täter aus den höchsten Kreisen stattgefunden. Tahir Chaudhry, ein investigativer deutscher Journalist, hat das Buch „Wem diente Jeffrey Epstein?“ geschrieben und das zu einem Zeitpunkt, als in der öffentlichen, besser gesagt: der veröffentlichten Meinung noch kaum die Rede von Epsteins bösen Machenschaften und Verbindungen war. Nach Chaudhry haben die meisten Menschen durch berufliche und familiäre Verpflichtungen überhaupt nicht die Zeit, sind zu oberflächlich oder einfach zu bequem, sich intensiver mit tagespolitischen Themen, in dem Fall mit der Ausleuchtung der Epsteinschen Abgründe auseinanderzusetzen. Außerdem vergessen wir sehr schnell, weil immer wieder neue Informationen in immer schnellerer Abfolge durch den Äther schießen („Flood the zone with shit“ (Steve Bannon)). Es tauchen zwar einzelne Mosaiksteinchen, die der Wahrheit entsprechen, in den Medien auf, doch bleibt das Gesamtbild letzten Endes verschwommen, undurchsichtig. Alles bleibt fragmentiert. Die Verbindungslinien werden nicht gezogen. Die Menschen sind in einem Zustand neuronalen Nebels (brain fog) paralysiert. Fest steht jedenfalls, dass nach Veröffentlichung der Hintergründe zum Epsteinskandal das Wort Verschwörungstheorien überdacht werden sollte. Im Grunde sollte es nicht mehr vorschnell verwendet werden, da die Wirklichkeit weitaus schlimmere Grausamkeiten offenbart hat, als in manchen Verschwörungstheorien gemutmaßt wurde. Ich selbst habe 2022 einen Beitrag über dieses Thema geschrieben, weil es mich schlicht genervt hat, dass während der Corona-Pandemie Kritik gegen die von der Politik als einzig richtig eingestufte Impfstrategie eingeschränkt und Kritiker als Aluhutträger, Schwurbler oder gleich als Nazis diffamiert wurden. Doch es soll im folgenden Beitrag nicht um Epstein und Verschwörungstheorien gehen, sondern ich möchte den Buchtitel Chaudhrys aufgreifen, aber in eine andere Richtung lenken. Die Frage „Wem diente Epstein?“ ist zweifellos mehr als berechtigt. Ihr im Sinne des „follow the money“ nachzugehen, ist nicht ungefährlich, da dadurch Strukturen oberhalb offizieller staatlicher Institutionen offengelegt werden, bei denen viele glauben, dass für sie keine demokratischen, verfassungsrechtlich verankerten Regeln und Kontrollmechanismen zu gelten scheinen. Und die Rede ist hier nicht vom World Economic Forum, den Bilderberger-Konferenzen, dem Chatham House, dem Council on Foreign Relations oder der Trilateralen Kommission. Das sind in letzter Konsequenz auch nur ausführende, wenn auch sehr einflussreiche informelle, der Politik vorgelagerte Unterorganisationen. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer hat seine Wahrnehmung als Politiker einmal resignierend in einem Interview auf den Punkt gebracht, die diesen Eindruck zu bestätigen scheint: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“ Es bleibt ein Unbehagen, ein mehr als schaler Beigeschmack zurück, wenn man an die neuen globalen „Feudalherren“ denkt, die durch die Veröffentlichung der Epstein-Akten ans Tageslicht gelangt sind und offenbar ungeschoren davonkommen beziehungsweise unbeirrt weitermachen können. Doch selbst wenn all diese Spekulationen über im Hintergrund wirkende Machtstrukturen (militärisch-industrieller Komplex (MIK), Deep State, Geheimdienste) zuträfen – selbst wenn die Welt tatsächlich von dunklen Netzwerken durchzogen wäre – bliebt eine Frage, die weit unbequemer ist und die wir daher nur allzu gerne vermeiden. Auch diese Frage ist mehr als beunruhigend, denn sie betrifft nicht die anderen, sondern uns selbst. Wir dürfen keiner Selbsttäuschung unterliegen, indem wir den Blick nach oben richten, uns selbst aber exkulpieren oder als Opfer korrupter Systeme stilisieren. Es ist ein zu einfacher Reflex, nur über die „da oben“ zu schimpfen. Bevor wir vermeintlich böse Kräfte und deren Handlanger kritisieren, sollten wir den Blick nach innen richten, mit uns selbst beginnen. Die Reinigung des Systems beginnt bei der Reinigung des Einzelnen. Das ist eine urchristliche Vorstellung. Die eigentlich entscheidende Frage lautet demnach: „Wieviel Epstein steckt in uns?“. Genau dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden. Dunkle Kräfte in uns Wir müssen unsere eigene Person kritisch prüfen und klären, was alles an dunklen Strebungen in uns steckt, uns ehrlich eingestehen, dass auch wir selbst anfällig für Versuchungen, Süchte und übertrieben irdische Anhänglichkeiten sind. Wir haben vor unserer eigenen Tür zu kehren, unser eigenes Haus in Ordnung zu bringen beziehungsweise unseren eigenen Stall auszumisten, ansonsten fehlt die Berechtigung, abwertend auf andere zu blicken. Es braucht Selbstanalyse, keine Selbstgefälligkeit, Selbstzerknirschung, keine Selbstgerechtigkeit. In religiöse Worte gefasst: Es braucht echte Reue, Umkehr (metanoia), Herzenswandel. Wie viele zum Beispiel schauen sich abends auf Netflix beziehungsweise entsprechenden Internetseiten Gewalt- oder Pornofilme an? Wie viele betrachten Unkeuschheit und gelegentliche Untreue als lässliche, ja selbstverständliche Abirrungen unserer Zeit? Es mag schon sein, dass es enorme Abstufungen zwischen Pädophilie, Insiderhandel im großen Format, satanischen Ritualen oder Erpressung und unseren dagegen vergleichsweise harmlosen Handlungen gibt, dass ein deutlicher Unterschied zwischen einer Sünde und einem Verbrechen besteht, aber letztlich fängt im Kleinen an, was sich im Großen spiegelt und fortsetzt (vgl. Lukas 16, 10), das heißt jedes Volk hat am Ende die Regierung, die es verdient, wie es Joseph de Maistre einst formulierte. Wie oben so unten, wie unten so oben heißt das alte hermetische Prinzip der Mikro-Makro-Entsprechung. Wenn die Basis durch Abstumpfung oder moralische Kompromisse korrumpiert ist, kann das System an der Spitze (die Regierung oder Figuren wie Epstein) nicht besser sein, auch wenn die Abgründe, die sich hier aufgetan haben, zweifellos bestürzend sind. Wir bekommen nicht die Regierung, die wir uns wünschen, sondern die, die unser kollektives Inneres widerspiegelt. Wer den Fisch am Kopf kurieren will, darf selbst nicht in vergiftetem Wasser schwimmen. Wenn sich etwas ändern soll, muss jede/r Einzelne daran arbeiten, sich zum Besseren zu wandeln, muss kontinuierlich darum ringen, zu einer aufrichtigeren Erscheinung zu werden, einen tadellosen Charakter zu entwickeln, die Selbstvervollkommnung anzustreben, auch wenn wir immer wieder an dieser Aufgabe, letztlich an unserer eigenen Schwäche scheitern werden. Aber der Umstand des Scheiterns ist wichtig. Er stattet uns mit der notwendigen Demut aus und vermittelt uns die Gewissheit, dass wir es im Alleingang nicht schaffen können, sondern auf Gottes Hilfe in unserem gesamten Dasein angewiesen sind und bleiben. Veränderung beginnt in der kritischen Selbstanalyse Es ist letztlich zu bequem, auf die Monstrosität eines Jeffrey Epstein oder anderer böser Herrschergestalten zu deuten, weil man sich dadurch Fragen nach der eigenen moralischen Laxheit entledigt. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt bekanntlich mit allen anderen auf sich selbst – davon unabhängig muss fremdes Unrecht selbstredend schonungslos benannt und aufgedeckt werden (dürfen). Wenn wir wirklich ehrlich sind, ist die Grenze zwischen dem Oben und dem Unten fließender als uns vielleicht lieb ist beziehungsweise als wir bereit sind, uns einzugestehen. In jedem Menschen stecken unkontrollierte Triebe nach Macht und Sex, steckt ein oft ungezügeltes Verlangen nach Geld und Geltung, das wie Salzwasser wirkt und uns umso durstiger werden lässt, je mehr wir davon trinken. Epstein und seine Kreise sind keine einsamen Inseln. Sie sind die giftigen Früchte eines Bodens, den wir alle durch unsere täglichen kleinen Kompromisse und unseren dunklen Konsum düngen. Die Mächtigen sind nicht die Schöpfer unserer Moral, sie sind lediglich der Verstärker dessen, was wir im Privaten an Üblem flüstern, im Verborgenen an Verbotenem praktizieren. Wer Veränderung will, darf nicht auf schärfere Gesetze oder bessere Strukturen hoffen, darf nicht glauben, dass es lediglich einer Anpassung von Anreizsystemen bedarf, um all die korrupten Seiten der Politik und der darüber liegenden Sphären in den Griff zu bekommen, sondern muss die Hoheit über seine eigene Seele, seine eigene Gedankenwelt und seine eigenen vielen kleinen Gewohnheiten zurückgewinnen, muss einen Bewusstseinswandel in sich herbeiführen und sich Stück für Stück von lasterhaften Konditionierungen, Aggressionen, Süchten und sündhaften Verstrickungen lösen und an deren Stelle tugendhafte Handlungen setzen, um letztlich ein wirklich freier, neuer Mensch zu werden. Der Neuanfang beginnt nicht an der Wahlurne, sondern in uns – bei der bewussten Wahl dessen, was wir in unseren tagtäglichen Entscheidungen zulassen oder von uns weisen, konsumieren oder ignorieren. Solange sich viele von uns durch Gewalt und Entwürdigung unterhalten lassen, solange wir jede freie Minute durch Ablenkungen, Vergnügungen und Sinnlosbeschäftigungen zubetonieren, solange wir Integrität gegen einen schnellen Kick eintauschen, legen wir das Fundament für Systeme, die genau darauf basieren. Das Brot-und-Spiele-Angebot funktioniert nur bei entsprechender Brot-und-Spiele-Nachfrage. Goethe formulierte in seinem Faust, als dieser Auerbachs Keller aufsuchte, den berühmten Satz: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.“ Auerbachs Keller steht für das oberflächliche, rein lustbetonte Leben. Mephisto will Faust vom Studium zum Genuss verführen, von der tiefgründigen Wissenssuche in die plumpe, geisttötende Geselligkeit und Vergnügungssucht. Die Leugnung der (Erb)Sünde In dem Zusammenhang ist die Erbsünde zweifellos eine der wichtigsten, zugleich aber auch am häufigsten missverstandenen Lehren der katholischen Kirche. Die menschliche Natur wurde durch den Fall von Adam und Eva verwundet. Ein Keil wurde zwischen die Einheit Gottes mit dem Menschen getrieben. Die Erbsünde ist der Grund dafür, warum der Mensch überhaupt auf die „Hand der Barmherzigkeit“ Gottes in der Beichte angewiesen ist. Ohne diesen defekten Ausgangszustand, die teuflische „Einfälschung“ des Urzustands bräuchte es keine Erlösung. Die Evangelikalen gehen davon aus, dass mit der Bekehrung, dem öffentlichen Bekenntnis zu Jesus Christus, die Seele im Grunde gerettet ist, weil Jesus für all unsere Sünden am Kreuz gestorben ist und dafür gesühnt hat, ein für allemal. Ist also mit der Bekehrung unser Lebenswandel nicht mehr entscheidend, solange wir nur Christus als den Herrn anerkennen? Genügt allein unser Ja zum Herrn? Mitnichten! „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut“ (Mt. 7, 21). Wir bleiben auch nach unserer Bekehrung, leider selbst nach unserer Taufe anfällig für teuflische Versuchungen, für sämtliche Sünden, die sich im Beichtspiegel aufgelistet finden, besonders für die Todsünden. Allen Todsünden soll man sich daher exponieren (aussetzen), um sich von ihnen zu befreien: freigebig sein, um Geiz und Gier zu überwinden; Zornesausbrüche in uns im Sinne der Emotionsregulation rechtzeitig erkennen, um nicht von ihnen übermannt zu werden, Trägheit durch Disziplin ersetzen, Völlerei durch gelegentliches Fasten und das Einüben des Verzichts, Neid durch eine grundsätzlich wohlwollende Haltung dem anderen gegenüber von sich weisen, durch Dankbarkeit über das, was man hat, und dadurch, dass man das Vergleichsdenken aufgibt, Stolz durch Selbstbescheidung und helfende Handlungen. Einzig im Hinblick auf die ungeordnete Wollust soll man ein Feigling sein und die Gelegenheiten fliehen, sonst wird der Funke zum lodernden Feuer. Nicht nur das echte Gewand nimmt Schaden, wenn ein überspringender Funke nicht sofort abgeschlagen wird, sondern im übertragenen Sinne auch das Seelengewand, das an Glanz und Leuchtkraft verliert. Speziell bei der heute weit verbreiteten und verharmlosten Pornosucht muss das Übel mit der Wurzel ausgerissen werden. Ganz oder gar nicht. Es reicht nicht nur ein bisschen: ein bisschen weniger, ein bisschen seltener. Wer im Garten Unkraut, welches immer sehr tief wurzelt, nicht bis zum letzten Rest entfernt, wird sich wundern, mit welcher Gewalt es nach dem nächsten Regen erneut aus dem Boden sprießt. „Wenn ein unreiner Geist aus einem Menschen ausfährt, durchwandert er wasserlose Gegenden, um eine Ruhestätte zu suchen, findet aber keine. Dann sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe. Und er kommt und findet es leer, sauber und geschmückt. Dann geht er und nimmt sieben andere Geister mit sich, die noch schlimmer sind als er selbst. Sie ziehen dort ein und lassen sich nieder. Und die letzten Dinge jenes Menschen werden schlimmer sein als die ersten“ (Mt. 12, 43-45). Mit der Taufe sind wir zu Kindern Gottes geworden, haben eine besondere Würde verliehen bekommen. Doch dieser Würde müssen wir uns als würdig erweisen – aus einem Gefühl tiefer Dankbarkeit, Ehrfurcht und Anbetung unserem Schöpfer gegenüber. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, das heißt der Umstand, dass wir zum Bilde Gottes hin geschaffen wurden, macht korrupte oder entwürdigende Verhaltensweisen (z.B. das Betrachten gewaltverherrlichender oder pornografischer Filme) zu einer Schändung dieses Bildes im Mitmenschen und in uns selbst. Das verliehene „Erbrecht“ auf den Himmel als Kinder Gottes geht mit einer Verpflichtung einher, damit das Erbe wirksam werden kann. Die uns geschenkte Liebe haben wir in unserem ganzen Sein zu spiegeln. Es besteht heute bei nicht wenigen die Tendenz, alles zu sehr durch die rosarote Brille zu sehen oder zu relativieren – stellvertretend hierfür steht die inzwischen inflationär gebrauchte „Alles gut!“-Floskel. Es ist aber nicht alles gut, weder bei uns noch in der Gesellschaft. Bei vielen ist das Schamgefühl schlicht verloren gegangen. Sie lügen, betrügen und manipulieren, ohne rot zu werden. Und genau hier setzt sich die religiöse Kausalkette in Gang, die zwar von Atheisten geleugnet, aber in ihren Konsequenzen nicht ignoriert werden kann: Ohne Scham kein Schuldempfinden. Ohne Schuldempfinden kein Sündenbewusstsein. Ohne Sündenbewusstsein keine Reue. Ohne Reue keine Barmherzigkeit Gottes. Ohne Barmherzigkeit Gottes keine Rettung der Seele, kein Eingehen in des „Herrn Herrlichkeit“. Wer nur an ein Diesseits glaubt, bei dem bricht die Kette bereits beim Lügen, Betrügen und Manipulieren ab. Es geht ihm am Ende nur um die Befriedigung seiner eigenen irdischen Gelüste. Um diese zu erlangen, nimmt er auch den Einsatz unlauterer Methoden auf Kosten anderer in Kauf. Selbsterlösungsphantasien Viele wollen heutzutage nichts mehr von Schuld und Sünde hören, stattdessen wollen sie selbst bestimmen, was sie tun, stellen sich einen Freibrief für amoralisches Verhalten jeglicher Art aus. „Niemand hat mir etwas zu sagen!“ „Ich bin selbst meines Glückes Schmied!“ Das Karma, der Kosmos, die Gesetze des Lebens, des Schicksals, der Astrologie, der Resonanz oder der Polarität, der Weltenplan oder irgendeine andere abstrakte Vorstellung unpersönlich wirkender Kräfte unterstützen hierbei, so glauben sie. Für einen persönlichen Gott bleibt da kein Platz mehr. Seine Gebote werden nicht als Befreiung, sondern als unnötige Knechtung und Einschränkung menschlicher Selbstbehauptung angesehen, nicht als Grundlage eines ordentlichen Lebens, das durch Selbstbeherrschung ein ruhiges Gewissen schafft und den Weg in den Himmel ebnet. Diejenigen, häufig fernöstlich oder esoterisch angehauchten Menschen, die noch an den Himmel glauben, meinen, er stünde ihnen ohnehin zu, denn wenn es Gott überhaupt gibt, dann ist er ja die reine Liebe, muss unendlich barmherzig sein und wird mir schon alle meine allzu menschlichen irdischen Vergehen freimütig verzeihen – sonst wäre er nicht Gott, denn ich bestimme, wie er zu sein hat, nicht die Bibel aus einer weit zurückliegenden Zeit, aus einem anderen, rückständigen Kontext, mit dem völlig antiquierten Bild eines zürnenden und gerechten, uns schreckliche Zwänge auferlegenden Gottes. „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Warum Bravsein uns nicht weiterbringt“ lautet der Titel eines Bestsellers aus den 1990er Jahren, der all diese die kirchliche Lehre ignorierenden, nach eigenen Vorstellungen zurechtbiegenden, durch Hohn und Spott gekennzeichneten Privatreligionen, besser gesagt: Blendwerke bündelt. Doch Gott lässt seiner schlussendlich nicht spotten, auch wenn er uns in unserem Erdenleben unendliche Langmut entgegenbringt, geduldig auf einen jeden von uns wartet. Gegenüber Faustyna Kowalska äußerte Jesus einmal: Entweder ihr fallt im Diesseits in meine goldene Hand der Barmherzigkeit oder im Jenseits in meine eherne Hand der Gerechtigkeit. Das Diesseits ist somit die Zeit der Gnade, der Umkehr, des Lernens und des Wachstums. Sie ist dazu da, Gottes Barmherzigkeit anzunehmen. Wer dieses Angebot ausschlägt, begegnet Gott nach dem Tod im Jenseits zwangsläufig als dem „gerechten Richter“. Was zuvor geheim gehalten, im Verborgenen oder schlimmer noch öffentlich und unverhohlen, unter Verkennung der göttlichen Gebote praktiziert wurde, steht nun in aller Blöße dar, wird von den Dächern gebrüllt (vgl. Lk. 12, 2-3). Die einlullenden zeitgeistigen Einflüsse, die falschen, häufig durch Medien, Werbung und Filme vermittelten Versprechungen und die vielen suggestiven Beschwichtigungen in Gestalt selbstgeschaffener, mantraartig wiederholter Lebensskripte, Glaubenssätze und Affirmationen, die uns selbst passen, angenehm sind, keine unnötige Last auferlegen und all unser Verhalten rechtfertigen beziehungsweise rationalisieren, sind zu Ende. Niemand kann sich dann mehr herauswinden. Die eigene Wahrheit steht plötzlich im Licht der gewaltigen, ewigen, göttlichen Wahrheit. Mensch, es ist dir gesagt worden, was gut ist und was der Herr von dir erwartet hat (vgl. Micha 6, 8)! Umkehr und innere Erneuerung Wer in die rein hedonistische, diesseitsorientierte Falle tritt, erstickt in sich die Bereitschaft, sich wesentlichen, existenziellen Fragen seines Lebens zuzuwenden: Der Suche nach dem tieferen Sinn, dem eigenen Seelenheil, dem höchsten Gut (summum bonum), dem eigentlichen Ziel unseres Lebens, dem Aufbau und der Vertiefung einer echten, innigen Beziehung zum dreifaltigen Gott. Wer den „Schatz im Acker“, die „kostbare Perle“ (vgl. Mt. 13, 44-46) gefunden hat, wird alles andere verkaufen, das heißt für ihn haben alle irdischen beziehungsweise vergänglichen Versprechen nur noch einen relativen oder instrumentellen, keinen absoluten Wert mehr. Dankbar sein für alles, was uns Gott gibt und sich daran erfreuen – ja, sich dabei aber immer auch fragen: Wie kann ich das, was mir an Talenten, Besitz und Beziehungen geschenkt wurde, zum Segen für mich und für andere einsetzen? Zum Segen für andere werden In meiner Beschäftigung mit dem Thema „Der eigenen Berufung nachspüren“, bin ich in einer Fernsehpredigt „zufällig“ auf folgende, sehr bewegende Geschichte gestoßen, wobei es im Grunde egal ist, ob sie einen realen Hintergrund hat oder erfunden ist. Ein Bischof inspizierte einmal den Unterricht einer Volksschulklasse und fragte die Kinder, was sie denn einmal werden wollten, sobald sie groß seien. Ein Bub sagte Polizist, ein anderer Tischler, ein Mädchen wollte Lehrerin, ein anderes Tierärztin werden. Nur ein Mädchen in der letzten Bankreihe meldete sich nicht, so dass sich der Bischof zum Schluss diesem Mädchen zuwandte und es direkt ansprach. „Und du, was willst du werden?“ Das Mädchen errötete, stand auf, wirkte zunächst unsicher und lächelte etwas verlegen, sagte dann aber mit fester Stimme: „Ich? Ich will ein Segen werden!“ „Das ist die beste Antwort, die ich heute und je in meinem Leben gehört habe!“, sagte daraufhin der Bischof. Egal welcher (ehrlichen) Tätigkeit wir nachgehen, um unser täglich Brot zu verdienen, egal wieviel Einfluss wir haben und auf welcher hierarchischen Stufe wir stehen, ob wir uns im Beruf, in der Freizeit, der Familie oder im Urlaub befinden – überall gibt es Gelegenheiten in Hülle und Fülle, ein Segen für andere zu werden (ja, wir sollten eigentlich jeden Tag Gott darum bitten: „Lass mich ein Segen für andere werden, um Deine Herrlichkeit zu vermehren!“). In jeder zwischenmenschlichen Begegnung, in jedem neudeutsch gesprochen „Touchpoint“ mit unserem Nächsten – ob Nachbar, Arbeitskollege oder flüchtiger Bekannter – sollten wir für diesen zum Segen, nicht zur Last werden, sollten für ihn einen Nutzen erbringen, nicht aber uns selbstsüchtig an ihm bereichern. Wollen wir Geld, Macht und Einfluss nur, um uns über andere zu erheben, sie für eigene Zwecke auszubeuten, um allein zu besitzen und zu genießen, um unser Leben wie es heißt voll auszukosten? Jeder hat jeden Tag mannigfaltige Möglichkeiten, anderen zum Segen zu werden und damit Gottes Willen zu erfüllen, seine überquellende Liebe aufzunehmen und an andere weiterzugeben. Alles, was wir geben, haben wir schließlich zuvor selbst empfangen. Hierzu müssen wir uns aber öffnen, uns von inneren Zwängen lösen, von egoistischer Gier befreien. Selbst ein Kranker kann durch die Art, wie er die Krankheit trägt, ob er geduldig ist oder sich nur beklagt, ob er sein Leid für gute Zwecke, zur Sühnung seiner eigenen Sünden im Gebet aufopfert oder einfach nur dahinsiecht, für seine Umwelt zum segensreichen Vorbild werden. „In der Krankheit lernt man viel, wenn man nur recht will“ (Bruder Konrad von Parzham). Beispielhaft hierfür steht Anna Schäffer aus Mindelstetten, die fast 25 Jahre ihres Lebens unterleibsgelähmt im Bett verbringen musste. Sie wurde 1999 von Johannes Paul II. selig, 2012 von Benedikt XVI. heilig gesprochen. Von ihr ging eine ganz außergewöhnliche, segensreiche Wirkung aus, ja ihr kleines Krankenzimmer wurde zu einem regelrechten spirituellen Zentrum. Sie spendete ihren Besuchern Trost und Rat, war unermüdlich in ihrem Gebet für andere, betrieb mit ihren Briefen Seelsorge und war ein Vorbild im geduldig ertragenen Leid. Durch ihre unerschütterliche Fröhlichkeit trotz aussichtsloser Lage machte sie einen tiefen Eindruck in der Dorfgemeinschaft und weit über die Grenzen ihres Dorfes hinaus. Ein lebendiges Glied der Kirche sein Die Änderung geht also nicht vom System, sondern vom Einzelnen aus. Jeder Versuch, über die Systemänderung (z.B. Kommunismus, Nationalsozialismus) eine Menschenänderung herbeizuführen, ist bisher gescheitert, weil die Ambivalenz des Menschen bestehen bleibt. In der Persönlichkeitsentwicklung ist sie Chance und Risiko zugleich. Anders ausgedrückt: In jedem System – ob diktatorisch oder freiheitlich – kann der einzelne Mensch immer alles werden: ein Heiliger oder ein Ruchloser, eine menschliche oder unmenschliche Erscheinung, ein Diener Gottes oder ein Werkzeug Satans. Selbst unter den übelsten Bedingungen eines Konzentrationslagers gab es Häftlinge, die ihr karges Brot mit anderen teilten, und solche, die ihr Brot horteten, ja selbst vor Kameradendiebstahl nicht zurückschreckten. Es gab unmenschlich handelnde Lagerälteste (Capos) und menschlich handelnde SS-Wachen, wie Viktor Frankl in seinem 1946 erschienen Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ eindrücklich schildert und es waren nicht immer die Gläubigen, die positiv auffielen, sondern häufig Menschen, die in der „normalen“ Gesellschaft als Randständige galten. Im kirchlichen Kontext gibt es ebenfalls den Reflex, alles Schlechte auf das System, die starre Hierarchie, auf ausufernden Klerikalismus und Machtmissbrauch zu schieben. Fraglos müssen Missstände benannt, offengelegt und geahndet werden, doch auch dieses Argument verkennt die Rolle der Basis, der Laien. Es ist nicht nur das kirchliche „Bodenpersonal“, das dem Corpus der Kirche (sie ist der Leib Christi und zu ihr gehören die streitende, um Vervollkommnung ringende irdische Kirche, die leidende Kirche im Purgatorium und die triumphierende Kirche im Himmel) zusetzt, sondern es ist die Gesamtheit ihrer Glieder, die durch ihren Lebenswandel, ihr Gebets- und Glaubensleben das Kirchenschiff tragen oder in Seenot geraten lassen. Der Apostel Paulus verwendet ja im Römerbrief (12, 4-5) das Bild des einen Leibs, in dem jeder aufgrund seiner jeweiligen Berufung eine spezifische Funktion zu erfüllen hat. Wenn man für die Kirche die Metapher einer Kathedrale wählt, dann ist das Kirchenvolk der Mörtel, der die Steine zusammenhält oder brüchig werden lässt. Die Bibel verwendet hierfür das Bild vom Salz der Erde. Wenn dieses seine Würze verliert, wenn das Salz „dumm“ wird, wie Luther übersetzte (was damals nicht nur töricht, sondern auch fad, kraft- und wirkungslos bedeutete), dann besitzt es keinen Nutzen mehr, kann „abgehauen“ werden (vgl. Lk. 13, 6-9). Andere Bilder sind der Sauerteig, der alles durchsäuert – im Guten wie im Schlechten, das winzige Senfkorn, das zu einer beachtlichen Pflanze heranwächst, die Stadt auf dem Berg oder das Licht, das auf einen Leuchter, nicht unter den Scheffel gestellt werden soll. Die Qualität der Kirche hängt somit vom Stand heiligmachender Gnade jedes einzelnen Gläubigen ab, wobei eine heilige Seele eine ganze Gemeinde hochziehen, ein bösartiger Pfarrer das Glaubensleben hingegen zerstören kann. Als Johannes Maria Vianney, der Pfarrer von Ars, starb, hinterließ er in Ars ein Dorf voller Heiliger. Als er ankam, waren noch viele der Spiel- oder Trunksucht verfallen, Nachrede und Fluchen gehörten zum Alltag genauso wie das Schimpfen über die Kirche. Der Pfarrer wurde anfänglich belächelt und verspottet. Es gibt eine andere Geschichte, in der ein Landpfarrer, der kaum mehr Gläubige hatte, beschloss, die Kirche zu Grabe zu tragen. Er ließ sie zuvor in einem Sarg in der Kirche aufbahren. Darauf bildete sich eine lange Schlange vor dem Sarg, denn selbst die ehemals Gläubigen in der Dorfgemeinschaft wollten noch einmal einen letzten, neugierigen Blick in den Sarg werfen: Wie schaut er wohl aus, der Leichnam der Kirche? Was ist noch übriggeblieben? Im Sarg befand sich jedoch ein großer Spiegel, in dem sich alle nur selbst erblickten, das heißt die Gesundung oder Korrumpierung der Institution Kirche nimmt in jedem einzelnen Gläubigen seinen Ursprung. Er ist für den Zustand der Kirche (mit)verantwortlich, nicht allein der „stinkende Kopf“, der Klerus, wie so oft behauptet wird. Der Erkenntniswert dieser Anekdote ist verallgemeinerbar und fügt sich in das obige Argumentationsmuster ein: Erkaltet und korrumpiert das Herz eines einzelnen Menschen, so wirkt sich dies auf sein gesamtes Umfeld, auf seine Familie genauso wie auf das Unternehmen, in dem er arbeitet, ja auf die gesamte Gesellschaft, in der er lebt, aus. Dasselbe gilt, wenn der Geist der Gläubigen erleuchtet ist und ihre Herzen durchglüht sind. Sich dem eigenen moralischen Verfall, dem bequemen Sich-Gehen-Lassen entgegenzustemmen, stellt eine fortwährende innere Herausforderung dar. In Anlehnung an John F. Kennedys Ausspruch ließe sich formulieren: Frag nicht danach, was die Kirche für dich, sondern was du für die Kirche tun kannst: durch dein Gebet, deinen Dienst an Gott, an den Mitmenschen und durch die ungezählten anderen kleinen Beiträge, seien sie auch noch so unscheinbar. Imitatio Christi: Ein Abbild des Urbilds werden Charakter ist am Ende speziell das, was wir tun, wenn niemand zusieht. Als religiöse Menschen sollten wir uns bei all unserem Tun und Unterlassen immer in die Gegenwart Gottes versetzen: Wie sieht Gott mein aktuelles Tun, meine verborgenen Herzensregungen oder das, was ich vor meinen Mitmenschen am liebsten geheimhalte? Die Antwort auf die Frage: Wieviel Epstein steckt in uns? kann nur lauten: Prüfe und läutere dich selbst! Jemand, der sich selbst bezwingt, hat mehr erreicht, als ein Feldherr, der eine Stadt erobert (vgl. Sprüche 16, 12). In der Nachfolge Christi (Thomas von Kempen) sollten wir uns regelmäßig fragen: Wie würde Christus in dieser Situation an meiner Stelle sehen, hören, fühlen, denken oder handeln? Das sollte unser Ideal sein. Unser Blick sollte nicht auf die vermeintlich bösen Mächte über uns fixiert sein, sondern sich auf die Einflusszone (circle of influence) in unserem direkten Umfeld richten, in der wir tatsächlich etwas bewirken können. Im Übrigen sei darauf verwiesen, dass sich Christus selbst über das Thema der Mächtigen geäußert hat: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt. 20, 25-28). All sein Streben galt der Not, dem Leid und den Sehnsüchten der Menschen, denen er auf seinen Wanderungen begegnete. Er ging auf jeden Einzelnen zu: vollkommen präsent, verständnisvoll, lösungsorientiert, heilend und zukunftsverheißend. Jesus wollte die Menschen aus den Niederungen ihrer irdischen Gelüste, ihrer Knechtschaft in der Sünde befreien und sie in die Höhe spiritueller Freiheit, in Gottes ewiges Reich führen. Diese Ausrichtung sollte in jeder zwischenmenschlichen Begegnung auch unser tiefster Herzensantrieb sein. Es ist ein konkretes, kein abstraktes, ein persönliches, kein strukturelles Anliegen. Es erscheint auf den ersten Blick als „kleiner Weg“ (Theresia von Lisieux), erweist sich aber im Hinblick auf unser Seelenheil als Königsweg. Ein solches Verhalten, eine solche unvoreingenommene Zuwendung zu unserem Mitmenschen zieht dann automatisch Kreise, wie es in dem bekannten neuen geistlichen Lied heißt: „Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise, und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise. Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsre Welt.“ Der große Sinnsucher und -forscher Viktor Frankl hat diesen Gedanken in folgenden Satz gebündelt: „Die Rettung der Menschen liegt in der Liebe und kommt durch die Liebe.“ Fangen wir damit an! Epilog Es ist mir aus wissenschaftlicher Perspektive schon klar, dass wir uns als Individuen immer in einem Spannungsfeld zwischen Eigenverantwortung (agency) und strukturellen Zwängen (structure) bewegen, dass sowohl organisationale als auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen unser Handeln lenken, indem sie zugleich ermöglichend (enabling) und beschränkend (constraining) wirken. Lewin hat daher das Verhalten in seiner klassischen Gleichung V = f (P, U) als ein dynamisches Zusammenspiel von Person und Umwelt, von Verhalten und Verhältnissen konzipiert, in dem mal der einen, mal der anderen Seite mehr Gewicht zukommt. Genauso wie es toxische Bedingungen geben kann, die das Schlechteste im Menschen zum Vorschein kommen lassen, kann es Situationen geben, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Mensch heroisches Verhalten an den Tag legt. Philip Zimbardo, der das berühmte Stanford-Prison-Experiment durchführte, nannte das eine den Luzifer-Effekt, das andere die Heldenformel. Es gibt auch einen großen argumentativen Strang, der den „neoliberalen Diskurs“, alle Verantwortung auf das Individuum abzuwälzen, vehement kritisiert und als ideologisches Täuschungsmanöver der Mächtigen zu entlarven versucht. Demnach gehe es eigentlich nur um die Verschleierung und Sicherung bestehender Herrschaftsverhältnisse. Die ungleichen Entwicklungsmöglichkeiten aufgrund der Herkunft, die ungleiche Verteilung von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital (speziell den Zugang zu einflussreichen Netzwerken) würden dadurch heruntergespielt, obwohl sie entscheidende Erfolgsfaktoren für Chancenteilhabe und Karriere seien. Zentrale Ideengeber hierfür waren etwa Pierre Bourdieu und Raymond Boudon. Und natürlich spielt neben der Herkunft auch die Persönlichkeit eines Menschen eine zentrale Rolle für seinen Lebenserfolg, etwa sein Optimismus, seine Offenheit, Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, seine kognitive und emotional-soziale Intelligenz, sein IQ und EQ. Mir ging es im diesem Beitrag aber nicht um eine abwägende Analyse aller Kräfte, die innerhalb und außerhalb von uns auf uns einwirken, sondern um das zugegebenermaßen zugespitzte Aufzeigen unserer eigenen, ganz persönlichen Verantwortung, unsere autonome Handlungs- und Entscheidungsmacht, so wie sie auch Reinhard Sprenger in seinem 1997 erstveröffentlichten Buch „Die Entscheidung liegt bei dir! Wege aus der alltäglichen Unzufriedenheit“ beschrieben hat, an dessen Grundlogik ich mich ein wenig orientiert habe. Über den deutsch-schweizerischen Psychoanalytiker Arno Gruen, der sich intensiver und tiefgründiger mit der Frage von Konformität gegenüber gesellschaftlichen Zwängen und Ideologien, der Bewahrung oder Aushöhlung der eigenen Identität auseinandergesetzt hat, schreibt seine Biografin Monika Schiffer in ihrem 2008 veröffentlichten Buch „Arno Gruen: Jenseits des Wahnsinns der Normalität“: „Nicht alle Menschen werden zu Unmenschen, wenn sie in Not geraten. Selbst unter den mörderischen Bedingungen des Nationalsozialismus gab es Menschen, die ihre Autonomie bewahrten, die dem gesellschaftlichen Druck widerstanden und an ihren eigenen Gefühlen und ihrem Moralempfinden festhielten (…) Was zeichnet solche Menschen aus? Was unterscheidet sie von all den anderen, die sich gehorsam unterwerfen und die Menschlichkeit verraten? »Hier finden wir die Antwort auf die große Frage: Was ist der Mensch?«, so Arno Gruen. Der »heilige Rest« steht dafür ein, dass auch etwas anderes möglich ist als das, was das Schreckbild des »Homo homini lupus« glauben macht. »Dabei ist es nicht wichtig, wie viele Menschen dieses Verhalten wählen. Und wäre es nur einer, belegte diese Ausnahme die Lüge«“ (S. 109 f.). Als praktizierender Katholik ist es mir wichtig, Jesus Christus als die eigentliche Quelle für Standhaftigkeit, Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit gerade in schwierigen Lebenssituationen ins Zentrum zu rücken. Im kirchlichen Bereich gab es viele leuchtende Beispiele, die aus Christus ihre Kraft schöpften. Moderne Märtyrer, die für uns als Vorbild dienen können, die ihre Würde und damit stellvertretend die Würde der gesamten Menschheit gewahrt haben. Exemplarisch seien hier Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, Rupert Mayer, Maximilian Kolbe, Edith Stein, die Geschwister Scholl, Sr. Maria Restituta (Helene Kafka) und Franz Jägerstätter genannt. Die Beschäftigung mit der Biografie jeder einzelnen dieser Persönlichkeiten, dieser kleinen „Christusse“, allgemeiner gesagt: die Beschäftigung mit den vielen bekannten oder weniger bekannten Heiligen, aber auch mit den in der Öffentlichkeit unbekannten, uns persönlich aber als Vorbild dienenden Menschen ist eine äußerst lohnenswerte Inspirationsquelle, die uns dazu anspornen kann, selbst zu einem besseren Menschen zu werden. Niemand ist vollkommen außer Gott allein, das ist gewiss, aber jeder sollte es als seine wichtigste Lebensaufgabe ansehen, an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten. Im vorliegenden Beitrag zielte mein argumentativer Kern entsprechend darauf ab, dass wir uns nicht auf äußere Umstände herausreden sollten und dass auch das Zeigen auf die kriminellen Machenschaften von Akteuren in den „oberen Etagen“ uns nicht von der Verantwortung entbindet, bei uns selbst anzufangen und all die Möglichkeiten, die uns das Leben bietet, voll auszuschöpfen. „Geliebte, wenn ihr recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes. Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt“ (1. Petrus 2, 20-21). Soli Deo Gloria! Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() Lesermeinungen
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