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„Es gibt Augenblicke, die ein ganzes Leben verändern“

vor 5 Stunden in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„‚Jesus sah einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen.‘ Es ist ein kurzer Satz. Doch in ihm verbirgt sich bereits die ganze Frohe Botschaft.“ Sonntagspredigt von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Predigt zum 10. Sonntag im Jkr. A., Von Jesus angesehen, geheilt und berufen (Mt 9,9–13):

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt Augenblicke, die ein ganzes Leben verändern. Oft sind sie unscheinbar. Keine großen Wunder geschehen. Keine langen Gespräche werden geführt. Manchmal genügt ein Blick, ein Wort, eine Begegnung.

So beginnt das heutige Evangelium: „Jesus sah einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen.“ Es ist ein kurzer Satz. Doch in ihm verbirgt sich bereits die ganze Frohe Botschaft.

I. Jesus sieht den Menschen
Matthäus sitzt am Zoll. Für seine Mitmenschen ist damit eigentlich schon alles gesagt. Er ist Zöllner. Ein Mann, der mit der römischen Besatzungsmacht, dem Feind, zusammenarbeitet. Ein Mann, der Geld eintreibt und davon lebt. Einer, über den die Menschen längst ihr Urteil gefällt haben. Für die Frommen seiner Zeit ist er ein öffentlicher Sünder, ein Ausgestoßener, einer, mit dem man nichts zu tun haben möchte.
Doch Jesus sieht anders. Er sieht nicht nur den Zöllner. Er sieht den Menschen. Er sieht nicht nur die Schuld, sondern auch die Sehnsucht. Er sieht nicht nur die Vergangenheit, sondern die Zukunft. Er sieht nicht nur das Verfehlte, sondern das von Gott Verheißene.

Der hl. Beda Venerabilis (+735) beschreibt diesen Augenblick mit den berühmten Worten, die auch der bischöfliche Wahlspruch von Papst Franziskus sind: „Miserando atque eligendo“ – „Er sah ihn mit Erbarmen an und erwählte ihn.“ 

Welch wunderbare Beschreibung des Blickes Christi! Jesus schaut Matthäus nicht mit Verachtung an. Er blickt nicht auf ihn wie auf einen hoffnungslosen Fall. Sein Blick ist voller Erbarmen und voller Hoffnung.

Vielleicht ist genau das die große Not vieler Menschen unserer Zeit. Wir leben in einer Welt voller Bewertungen und Urteile. Menschen werden gemessen an ihrer Leistung, ihrem Erfolg, ihrem Aussehen, ihrer Herkunft oder ihrem Versagen. Oft wird einer auf seine Fehler reduziert. Nicht wenige tragen das Gefühl mit sich herum, längst festgelegt und abgestempelt zu sein. Wie viele Menschen sehnen sich danach, wirklich gesehen zu werden! Nicht nur wahrgenommen. Nicht nur beurteilt. Sondern verstanden.

Das Evangelium sagt uns heute: So schaut Christus auf uns. Er kennt die Geschichten, die niemand kennt. Er kennt die Wunden, die wir verbergen. Er kennt die Sorgen, die wir verschweigen. Er kennt die Schuld, die uns belastet. – Aber er sieht zugleich das Gute, das oft verschüttet ist. Er sieht die Sehnsucht nach Liebe, Frieden und Versöhnung.


Wir Menschen schauen oft auf das, was einer geworden ist. Christus schaut auf das, was einer werden kann. Wir sehen manchmal das Scheitern. Christus sieht die Berufung. Wir sehen Grenzen. Christus sieht Möglichkeiten. Wir sehen den Sünder. Christus sieht das geliebte Kind Gottes.

Vielleicht beginnt deshalb die Heilung eines Menschen nicht erst dort, wo sich sein Leben verändert, sondern dort, wo er erfährt: Ich bin gesehen. Ich bin angenommen. Ich bin nicht aufgegeben. Noch bevor Jesus sagt: „Folge mir nach“, schenkt er Matthäus sein Ansehen. Und gerade dadurch gewinnt Matthäus seine Würde zurück.

II. Jesus heilt den Menschen
Dann geschieht etwas noch Erstaunlicheres. Jesus setzt sich mit Matthäus und seinen Freunden an einen Tisch. Viele Zöllner und Sünder kommen hinzu. Für die Pharisäer ist das ein Skandal. Wie kann ein Mann Gottes mit solchen Menschen Gemeinschaft haben? Wie kann ein Prophet mit ihnen essen?

Die Antwort Jesu gehört mit zu den schönsten und tröstlichsten Worten des Evangeliums: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Mit diesem Satz erklärt Jesus seine ganze Sendung: Er ist gekommen, um zu heilen. Er ist gekommen, um aufzurichten. Er ist gekommen, um Verlorene heimzuführen.

Jesus sieht sich selbst als Arzt. Ein Arzt geht nicht dorthin, wo alle gesund sind. Er geht dorthin, wo Menschen leiden. Er fragt nicht zuerst: Wer hat Schuld? Er fragt zuerst: Wo tut es weh?

So handelt Christus. Er sieht die Krankheiten des Herzens. Er sieht Bitterkeit, Angst, Einsamkeit, Neid, Stolz und Hoffnungslosigkeit. Er sieht die Verwundungen, die Menschen einander zufügen. Er sieht auch jene verborgenen Wunden, die niemand wahrnimmt. Und er kommt nicht, um zu verurteilen, sondern um zu heilen.

Das ist eine ungeheure Botschaft des Trostes. Denn viele Menschen tragen schwere Lasten. Manche leiden an Schuldgefühlen. Andere an zerbrochenen Beziehungen. Wieder andere an Einsamkeit, Enttäuschung oder innerer Leere. Nicht wenige erleben ihr Leben als verwundet und unheil.

Gerade ihnen sagt Christus: „Du musst nicht erst gesund sein, um zu mir zu kommen. Komm zu mir, damit du gesund wirst.“ Wie oft denken Menschen: Wenn ich besser wäre, dann könnte ich zu Gott kommen. Jesus sagt das Gegenteil. Komm mit deiner Bedürftigkeit. Komm mit deinen Wunden. Komm mit deinem Scheitern. Komm mit deiner Armut. Denn gerade dort wartet meine heilende Liebe auf dich.

Darum darf die Kirche niemals ein Verein der Perfekten sein. Sie ist das Krankenhaus Gottes für verwundete Menschen. Hier muss niemand seine Schwäche verstecken. Hier darf einer sagen: Ich brauche Vergebung. Hier darf einer sagen: Ich brauche Hilfe. Hier darf einer sagen: Ich brauche Christus. Denn nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Und wenn wir ehrlich sind: Wir alle gehören zu diesen Kranken. Wir alle leben von der Barmherzigkeit Gottes.

III. Jesus beruft den Menschen
Doch Jesus heilt nicht nur. Er ruft. Darum sagt er zu Matthäus: „Folge mir nach!“

Und Matthäus steht auf. Dieses Aufstehen ist eine kleine Auferstehung. Er bleibt nicht sitzen in seiner Vergangenheit. Er bleibt nicht sitzen in seinen Bindungen. Er bleibt nicht dort, wo andere ihn festgelegt haben. Er wagt einen Neuanfang.

Und gerade darin liegt die Hoffnung dieses Evangeliums. Niemand ist auf seine Vergangenheit festgelegt. Niemand ist endgültig bestimmt durch seine Schuld. Niemand muss bleiben, wie er ist. Die Gnade Gottes hat die Kraft zu verwandeln.

Aus einem Zöllner wird ein Apostel. Aus einem Ausgestoßenen wird ein Evangelist. Aus einem Menschen mit dunkler Vergangenheit wird ein Zeuge Christi.

Darum fügt Jesus hinzu: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“(vgl. Hos 6,6). Das ist eine zentrale Aussage seines Evangeliums. Nicht religiöse Leistung steht an erster Stelle. Nicht äußerliche Korrektheit. Nicht die Selbstgerechtigkeit der Frommen. 

Er will ein Herz, das lieben kann. Ein Herz, das vergeben kann. Ein Herz, das den anderen nicht abschreibt. Denn Barmherzigkeit ist die Sprache Gottes. Barmherzigkeit ist die Handschrift Jesu. Barmherzigkeit ist die Seele der Kirche.

Wo Menschen einander aufrichten, wird Christus sichtbar. Wo Menschen einander vergeben, beginnt das Reich Gottes. Wo Menschen einander ansehen, wie Christus Matthäus angesehen hat, dort wird die Welt heller.

Schluss
Liebe Schwestern und Brüder, das heutige Evangelium ist nicht nur die Geschichte eines Zöllners vor zweitausend Jahren. Es ist die Geschichte jedes Menschen, der sich nach Annahme, Heilung und einem neuen Anfang sehnt.

Matthäus sitzt am Zoll. Jeder von uns hat seinen eigenen „Zolltisch“ – Orte und Situationen, an denen wir festgeworden sind, an denen uns Schuld, Enttäuschung, Gewohnheit oder Angst gefangen halten. Doch gerade dorthin kommt Christus. Er wartet nicht, bis wir vollkommen sind. Er wartet nicht, bis wir uns selbst geheilt haben. Er kommt, wie er zu Matthäus gekommen ist.

Er sieht uns. Er sieht tiefer, als wir selbst sehen können. Er sieht nicht nur unsere Fehler, sondern auch die Möglichkeiten seiner Gnade. Er sieht nicht nur unsere Vergangenheit, sondern die Zukunft, die Gott mit uns noch vorhat. Und dann spricht er sein Wort: „Folge mir nach!“

Dieses Wort gilt auch heute. Es gilt den Suchenden und den Zweifelnden. Es gilt den Verwundeten und den Gescheiterten. Es gilt den Müden und Enttäuschten. Es gilt jedem von uns.

Darum dürfen wir diesen Gottesdienst mit großer Hoffnung verlassen. Denn unser Leben steht nicht unter dem letzten Urteil unserer Mitmenschen und nicht einmal unter dem Urteil unserer eigenen Vergangenheit. Es steht unter dem Blick Christi.

Und dieser Blick ist ein Blick der Barmherzigkeit. Der Blick, der Matthäus zum Apostel machte. Der Blick, der Petrus nach seiner Verleugnung aufrichtete. Der Blick, der den Christenverfolger Paulus zum Völker-Apostel machte. Der Blick, der den Schächer am Kreuz ins Paradies führte. Der Blick, der bis heute Menschen verwandelt.

Mögen auch wir den Mut haben, uns von diesem Blick treffen zu lassen. Denn wer sich von Christus ansehen lässt, wird aufgerichtet. Wer sich von Christus heilen lässt, wird frei.

Wer seinem Ruf folgt, entdeckt, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als alle Schuld und seine Liebe stärker als alles, was uns niederdrückt.

So dürfen wir voll Vertrauen unseren Weg gehen. Denn Christus sieht uns mit Erbarmen an und erwählt uns - „miserando atque eligendo.“ Amen.


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