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Der Glaube, der Gott nicht loslässtvor 3 Stunden in Spirituelles, 1 Lesermeinung Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden
Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer zum 20. Sonntag im Jahreskreis – A (Mt 15,21–28).
Eichstätt (kath.net)
1. Wenn Gott schweigt – und der Mensch dennoch bleibt
Liebe Schwestern und Brüder, manchmal beginnt der tiefste Glaube dort, wo unsere Worte aufhören. Das heutige Evangelium erzählt von einer solchen Stunde. Eine Mutter kommt zu Jesus. Ihre Tochter leidet. Ihren Namen kennen wir nicht, über ihr Leben erfahren wir fast nichts. Matthäus nennt sie eine Kanaaniterin – eine Fremde, eine Frau außerhalb Israels. Aber eines wissen wir: Sie liebt ihr Kind. Und diese Liebe macht sie mutig. „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“, ruft sie Jesus nach.
Es ist bemerkenswert: Sie bittet für ihre Tochter und sagt doch: „Erbarme dich meiner.“ Denn die Not eines geliebten Menschen wird zur eigenen Not. Wer am Bett eines Kranken gesessen, um ein Kind gebangt oder einen Menschen durch schwere Tage begleitet hat, kennt diese Erfahrung. Man würde dem anderen die Last abnehmen, wenn man nur könnte. Diese Frau kann es nicht. Darum trägt sie ihre Ohnmacht zu Christus.
Und Christus? Er schweigt. Vielleicht ist das das Erschütterndste an diesem Evangelium. Gerade er, der sonst die Kranken sieht, die Ausgestoßenen berührt und den Verlorenen nachgeht, antwortet ihr zunächst „kein Wort“.
Auch unserem Glauben ist diese Erfahrung nicht fremd. Menschen beten um Heilung, um Frieden, um Versöhnung, um einen Weg aus einer Not – und scheinbar geschieht nichts. Dann kann aus dem Gebet die bedrängende Frage werden: Herr, hörst du mich? Wo bist du?
Die alten Mönche wussten um solche Zeiten, in denen jeder fühlbare Trost schwindet. Evagrios Pontikos versteht das Gebet deshalb nicht zuerst als religiöses Gefühl, sondern als ein Stehen des Menschen vor Gott. Der Beter bleibt in seiner Gegenwart, auch wenn er nichts empfindet und nichts in Händen hält.
Genau das tut diese Frau. Sie bleibt. Jesu Schweigen vertreibt sie nicht. Auch seine Antwort: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“, bringt sie nicht von ihm ab. Ihre Hoffnung reicht tiefer als die Erfahrung des Augenblicks. 
2. „Herr, hilf mir!“ – das Gebet des leeren Herzens
Schließlich fällt sie vor Jesus nieder. Nun werden ihre Worte ganz einfach. Keine Erklärung, keine Rechtfertigung, keine lange Bitte mehr. Nur: „Herr, hilf mir!“
Vielleicht gehört dieser kurze Ruf zu den tiefsten Gebeten, die ein Mensch sprechen kann. Wenn die Kräfte schwinden, wenn wir Gott nicht verstehen, wenn selbst das Beten schwerfällt, kann ein einziges Wort genügen: Herr, hilf mir.
Die Mönchsväter kannten die geistliche Kraft solcher kurzen Gebete. Johannes Cassian empfiehlt dem bedrängten Herzen, sich an ein einziges Schriftwort zu halten und es so lange zu wiederholen, bis es gleichsam mit dem Atem verbunden ist. Nicht die Fülle unserer Worte öffnet den Weg zu Gott. Manchmal ist es der schlichte Ruf eines Herzens, das nichts mehr vorzuweisen hat.
Doch noch einmal erfährt die Frau Widerstand. Jesus spricht vom Brot der Kinder und von den kleinen Hunden. Das Wort bleibt hart; seine Schärfe lässt sich nicht einfach auflösen. Aber die Frau antwortet auf erstaunliche Weise. Sie widerspricht Jesus nicht, sondern nimmt sein Bild auf und führt es weiter: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“
Hieronymus erkennt darin die Demut dieser Frau. Sie fordert nichts ein, sondern vertraut auf die Güte dessen, vor dem sie steht. Ihre Antwort enthält deshalb eine tiefe geistliche Einsicht: Sie denkt größer von Gottes Barmherzigkeit als von ihrer eigenen Not.
Ein Krümel genügt ihr. Denn wo Gott gibt, ist auch das Kleine nicht gering. Ein Wort kann einen Menschen aufrichten, ein Zeichen der Nähe neue Hoffnung wecken, ein Strahl der Gnade eine Dunkelheit durchbrechen. Die Frau glaubt: Wo Gottes Güte den Tisch deckt, reicht seine Gabe weiter, als Menschen es berechnen können.
3. „Dein Glaube ist groß“ – die überraschende Weite Gottes
Nun fällt der entscheidende Satz Jesu: „Frau, dein Glaube ist groß!“ - Dieses Wort überrascht. Es gilt einer namenlosen heidnischen Frau, einer Fremden. Während Jesus bei seinen eigenen Jüngern mehrfach vom „Kleinglauben“ spricht, erkennt er hier großen Glauben.
Hilarius von Poitiers sieht deshalb in der Kanaaniterin ein Zeichen für die Völker, die von außen kommen und doch Anteil am Heil empfangen. Der Brotkrumen wird zum Bild einer größeren Wirklichkeit: Gottes Gnade erschöpft sich nicht an den Grenzen menschlicher Zugehörigkeit.
Der große Glaube dieser Frau besteht nicht darin, dass sie alles versteht. Er zeigt sich in ihrem Vertrauen auf Christus gerade dort, wo sie ihn nicht versteht. Glaube ist nicht der Besitz aller Antworten. Er ist Beziehung – das Vertrauen, dass Christus auch dort trägt, wo sein Weg verborgen bleibt.
Damit öffnet das Evangelium zugleich unseren Blick. Jesus findet Glauben an einem Ort, an dem ihn seine Umgebung kaum erwartet hätte. Auch heute kann ein Mensch äußerlich fern erscheinen und doch eine tiefe Sehnsucht nach Gott in sich tragen. Christus sieht tiefer als unsere Einteilungen und Zugehörigkeiten.
Schon die erste Lesung weist in diese Weite: „Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt“ (Jes 56,7). Gottes Heil zieht Kreise, die größer sind als unsere Vorstellungen. Die Kirche lebt deshalb nicht aus der Enge des Abgrenzens, sondern aus der Weite des Herzens Christi. Niemand ist für seine Barmherzigkeit „zu weit draußen“.
4. Die stille Kraft der Hoffnung
Die geistliche Tradition kennt für die Haltung dieser Frau ein kostbares griechisches Wort: hypomonē – Ausdauer, Geduld, tragende Hoffnung. Es meint nicht ein verbissenes Durchhalten, sondern jene innere Kraft, die bei Gott ausharrt, ohne bitter zu werden.
Diese Frau besitzt solche Hoffnung. Sie lässt sich weder vom Schweigen noch von der Härte des Augenblicks bestimmen. Ihre Liebe zur Tochter und ihr Vertrauen auf Christus sind stärker. Vielleicht liegt darin etwas vom Geheimnis der Heiligkeit: bei Gott zu bleiben, wenn wir noch nicht sehen, wohin er uns führt.
Manche Bitte tragen Menschen lange im Herzen: die Sorge um einen geliebten Menschen, eine Wunde, die nicht heilt, eine Sehnsucht nach Versöhnung, eine Hoffnung, die mit den Jahren stiller geworden ist. Das Evangelium gibt darauf keine einfache Erklärung. Es stellt uns vielmehr diese namenlose Frau zur Seite.
Sie erinnert daran, dass wir unsere Ohnmacht vor Christus tragen dürfen. Selbst dann, wenn uns keine großen Worte mehr bleiben. Dann genügt vielleicht ihr Gebet:
„Herr, hilf mir!“
Denn Gottes Schweigen muss nicht Gottes Ferne bedeuten. Unsere Ohnmacht ist nicht das Maß seiner Möglichkeiten. Und eine verschlossene Tür muss noch nicht das Ende des Weges sein.
Am Ende dieser Begegnung steht nicht das Schweigen, sondern das Wort Christi: „Dein Glaube ist groß.“
Vielleicht werden auch wir einmal erkennen, dass manches, was uns nur wie ein Brotkrumen erschien, bereits eine Spur jener Fülle war, die Gott bereithält.
Herr, wenn wir dich nicht verstehen, lass uns bei dir bleiben. Wenn wir deinen Weg nicht sehen, bewahre in uns das Vertrauen. Und wenn unsere Hoffnung klein geworden ist, schenke uns etwas vom Glauben dieser Frau – von jenem stillen Vertrauen, das dich nicht loslässt, weil es ahnt:
Deine Barmherzigkeit ist größer als unsere Not. Amen.
Foto: Archiv
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Lesermeinungen| | gebsy vor 2 Stunden | |  | Herr, hilf mir! Kommen uns diese Worte erst in grösster Not über die Lippen und direkt aus dem Herzen?
Wenn uns die Sünde als Abkehr von Gott bewusst ist, fangen wir an, in Versuchungen um Gottes helfende Liebe zu flehen. Dass uns dabei IMMER und ÜBERALL Hilfe zuteil wird, ist die Frucht der Erlösung ...
Sünde zu beschwichtigen ist das AUSSCHLAGEN des Opfers Christi! |  0
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