Login




oder neu registrieren?


Suche

Suchen Sie im kath.net Archiv in über 70000 Artikeln:







Top-15

meist-diskutiert

  1. Wie die Piusbrüder - Linker belgischer Bischof plant weiterhin verbotene Weihen
  2. Ist der Islam ‚eine alternative Form des byzantinischen Christentums‘?
  3. Vatikan genehmigte 2025 in 34 Diözesen die Feier der Alten Messe in Pfarrkirchen
  4. Gefeuert wegen AfD-Kandidatur: Deutsche Caritas-Erzieherin zieht vor Gericht
  5. Antwerpens Bischof Bonny droht jetzt dem Papst
  6. 'Amoris Laetitia' oder das Lehramt, das sich selbst abschafft
  7. Asymmetrisch blinder Blick auf die deutsche Landschaft
  8. Die Deutsche Bischofskonferenz will keine 'Demontage' des deutschen Staatsfunks
  9. Wort-Gottes-Feier in katholischer Kirche mit Liedern von Taylor Swift
  10. ‚Der Segen für Marie-Garance war auch ein Segen für ihre biologischen Eltern‘
  11. Papst versetzt umstrittenen Kurienkardinal Gambetti vom Petersdom in die Provinz
  12. US-Diözese führt Rosenkranzwochenende ein
  13. Einbürgerung als Wahlstrategie? Linke profitiert massiv von muslimischen Wählern in Berlin
  14. Vatikan bestätigt Sexualverbrechen des toten Ordensgründers Buela
  15. Das Houellebecq-Szenario: Wenn die politische „Mitte“ die Ränder großfüttert

Zehn Jahre ‚Amoris laetitia‘ – Die Kunst, eine Lehre zu ändern, ohne sie zu ändern

vor 49 Minuten in Aktuelles, keine Lesermeinung
Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden


Von einer Familiensynode zur Kommunionfrage: Ein Streit, der nie wirklich beendet wurde. ‚Amoris laetitia‘: Wie eine Fußnote zur Lehramtsfrage wurde. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Vom 7. bis zum 14. Oktober 2026 hat Papst Leo XIV. die Oberhäupter der orientalischen Kirchen sowie die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aus aller Welt in den Vatikan eingeladen. Anlass ist der zehnte Jahrestag von „Amoris laetitia“, jenem Apostolischen Nachsynodalen Schreiben, mit dem Papst Franziskus im Jahr 2016 die beiden Familiensynoden von 2014 und 2015 abschloss.

Damit rückt erneut ein Dokument in den Mittelpunkt, das die katholische Kirche seit einem Jahrzehnt (mehr oder minder) beschäftigt. Denn hinter der Debatte über „Amoris laetitia“ stand von Anfang an eine grundlegende Frage: Kann ein Katholik, der nach einer gültigen sakramentalen Ehe eine neue zivile Verbindung eingegangen war, unter bestimmten Voraussetzungen zur Eucharistie zugelassen werden? Die Frage war nicht neu. Neu war vielmehr die Intensität, mit der sie während der Familiensynoden auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Die Auseinandersetzung reichte tief in das Bischofskollegium und in das Kardinalskollegium hinein. Es ging dabei nicht lediglich um eine pastorale Einzelfrage, sondern um das Verhältnis von Ehe, Eucharistie, Sünde, Buße und kirchlicher Lehre.

Bereits beim vorbereitenden Kardinalskonsistorium im Februar 2014 hatte Franziskus (vermittelt durch die berühmt gewordene Rede von Kardinal Walter Kasper und die darin vollzogene Analyse) erkennen lassen, dass er einer Öffnung gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen zugeneigt war. Zugleich zeigte sich während der Synoden, dass eine solche Öffnung keineswegs unumstritten war. Zahlreiche Kardinäle und Bischöfe widersetzten sich einer Änderung der bisherigen Praxis und verwiesen auf die überlieferte Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe und die Voraussetzungen für den würdigen Empfang der Eucharistie.

Das Ergebnis von „Amoris laetitia“ war deshalb in dieser Frage bemerkenswert indirekt. Eine ausdrückliche allgemeine Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion enthielt das Schreiben nicht. Die entscheidenden Hinweise fanden sich vielmehr in den Fußnoten 336 und 351. Dort war von der „Hilfe der Sakramente“ die Rede, wobei ausdrücklich auch die Eucharistie genannt wurde. Sie sei „nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen“.


Damit war die Frage allerdings nicht beantwortet, sondern in eine neue Phase eingetreten. Denn nun begann der Streit über die Auslegung von „Amoris laetitia“. Die einen sahen in dem Schreiben keine Veränderung der bisherigen Lehre und Praxis. Andere verstanden insbesondere die beiden Fußnoten als Öffnung für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie unter bestimmten Voraussetzungen. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Interpretationen ließ sich auch nach der Veröffentlichung des Schreibens nicht auflösen. Erst im September 2016 griff Franziskus selbst in die Auseinandersetzung ein. Er richtete ein Schreiben an die Bischöfe der Kirchenprovinz Buenos Aires und bestätigte deren pastorale Auslegung von „Amoris laetitia“, nach der unter bestimmten Bedingungen auch wiederverheiratete Geschiedene Zugang zu den Sakramenten erhalten konnten. Die päpstliche Bestätigung ging dabei über eine bloße Kenntnisnahme hinaus. Franziskus bezeichnete die Auslegung der argentinischen Bischöfe als die einzig mögliche Interpretation: „No hay otras“ – „Andere gibt es nicht.“ Damit erhielt eine Frage, die „Amoris laetitia“ selbst nur in den Fußnoten angesprochen hatte, eine neue lehramtliche Gewichtung. Das Schreiben an die argentinischen Bischöfe wurde später in den „Acta Apostolicae Sedis“veröffentlicht und dort ausdrücklich als „authentisches Lehramt“ bezeichnet.

Gerade darin liegt der bleibende Konflikt um „Amoris laetitia“: Die entscheidende Veränderung erfolgte nicht durch eine ausdrückliche Neufassung der bisherigen Lehre über Ehe und Eucharistie. Sie wurde gleichsam unterhalb der Schwelle einer förmlichen Lehränderung vollzogen. Das Verfahren war von bemerkenswerter Raffinesse: Was im eigentlichen Text nicht ausdrücklich gesagt wurde, wurde zunächst in zwei Fußnoten angedeutet; was dort nur angedeutet war, erhielt durch eine bestimmte Interpretation seinen konkreten Sinn; diese Interpretation wurde anschließend päpstlich bestätigt – und schließlich in den Acta Apostolicae Sedis als „authentisches Lehramt“ qualifiziert. So konnte sich die Sache vollziehen, ohne dass die bisherige Lehre in einem förmlichen Lehrsatz neu formuliert werden musste. Die Tür wurde nicht sichtbar geöffnet. Man erklärte vielmehr, dass sie längst offenstehe. Aus der Fußnote wurde die Interpretation, aus der Interpretation die päpstliche Bestätigung und aus dieser Bestätigung schließlich „authentisches Lehramt“. Nicht die Lehre wurde frontal geändert, sondern ihre Reichweite wurde über die Auslegung erweitert. Nicht der bisherige Satz wurde widerrufen, sondern ein neuer Anwendungsbereich wurde ihm durch Interpretation erschlossen. Das Ergebnis war praktisch von erheblicher Tragweite, während der Weg dorthin die Form einer hermeneutischen Operation behielt.

Zehn Jahre nach „Amoris laetitia“ steht deshalb nicht nur die Frage im Raum, wie einzelne pastorale Situationen zu beurteilen sind. Wir werden sehen, was im mittlereisel neu entstandenen „synodalen“ Umfeld des Treffens besprochen werden wird und wie sich dies vollzieht. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: Wie verhält sich die Entwicklung pastoraler Praxis zur Kontinuität des kirchlichen Lehramtes? Und wie weit reicht die Autorität einer Interpretation, wenn sie eine bisherige sakramentale Praxis berührt, die ihrerseits auf einer langen lehramtlichen und kanonischen Tradition beruht?

Die Auseinandersetzung um „Amoris laetitia“ ist deshalb keineswegs nur eine Episode der provozierenden Pontifikatsgeschichte von Franziskus. Sie berührt das Verständnis von Tradition, Lehramt und Entwicklung der Lehre selbst. Und nach fünfzehn Monaten auf dem Stuhl Petri berührt sie in besonderer Weise dessen Nachfolger. Leo XIV. steht damit vor einer Aufgabe, der er auf Dauer nicht ausweichen kann. Als Nachfolger Petri wird er nicht einfach eine vorgefundene Interpretation fortschreiben oder substantielle Konflikte ignorieren können, sondern klären müssen, wie die von „Amoris laetitia“ ausgelöste Entwicklungen zur Kontinuität des kirchlichen Lehramtes stehen. Es geht dabei nicht um eine persönliche Bewertung des Pontifikats seines Vorgängers, sondern um die Frage, ob und in welcher Weise eine durch Fußnoten eröffnete, durch Interpretation konkretisierte und schließlich als „authentisches Lehramt“ bestätigte Praxis mit dem überlieferten Verständnis von Ehe und Eucharistie vereinbar ist. Die Frage nach „Amoris laetitia“ kann  nicht allein pastoral beantwortet werden. Sie verlangt eine Antwort auf der Ebene der Lehre selbst und damit auf die Frage, ob Entwicklung in der Kirche aus der Tradition heraus geschieht oder ob unter dem Namen der Entwicklung ein Bruch mit ihr möglich wird. Die Stunde des Nachfolgers besteht deshalb nicht darin, die Kontroverse einfach weiterlaufen zu lassen oder irgendwie auszusitzen. Sie besteht darin, in Nebeln der Vergessenheit Klarheit zu schaffen.

Foto (c)  GROK

 


Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal!

 





Lesermeinungen

Um selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen.

Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.
kath.net verweist in dem Zusammenhang auch an das Schreiben von Papst Benedikt zum 45. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel und lädt die Kommentatoren dazu ein, sich daran zu orientieren: "Das Evangelium durch die neuen Medien mitzuteilen bedeutet nicht nur, ausgesprochen religiöse Inhalte auf die Plattformen der verschiedenen Medien zu setzen, sondern auch im eigenen digitalen Profil und Kommunikationsstil konsequent Zeugnis abzulegen hinsichtlich Entscheidungen, Präferenzen und Urteilen, die zutiefst mit dem Evangelium übereinstimmen, auch wenn nicht explizit davon gesprochen wird." (www.kath.net)
kath.net behält sich vor, Kommentare, welche strafrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen, zu entfernen. Die Benutzer können diesfalls keine Ansprüche stellen. Aus Zeitgründen kann über die Moderation von User-Kommentaren keine Korrespondenz geführt werden. Weiters behält sich kath.net vor, strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.


Mehr zu








Top-15

meist-gelesen

  1. Ostern 2027 in Rom - Große kath.net-Leserreise!
  2. Thérèse von Lisieux und die ‚Süßigkeit‘ eines Buches über die Apokalypse
  3. Gesetzesvorschlag zum Verbot von Konversionstherapien in Nordirland ist ‚gefährlich‘
  4. 'Jesus macht alles und ich nichts'
  5. UN-Bevölkerungsfonds berichtet über das Leid der Frauen in Gaza
  6. Rosenkranzmonat Oktober steht im Zeichen des Friedens
  7. Asymmetrisch blinder Blick auf die deutsche Landschaft
  8. Reliquien der Kinder von Fatima kommen nach Berlin!
  9. Bekannte US-Influencerin und Mutter von neun Kindern konvertierte zum Katholizismus
  10. Wie die Piusbrüder - Linker belgischer Bischof plant weiterhin verbotene Weihen
  11. Frankreich und das Zeichen der Wiedergeburt
  12. Einbürgerung als Wahlstrategie? Linke profitiert massiv von muslimischen Wählern in Berlin
  13. Verletzter Priester: "Wir vergeben!"
  14. 'Wir sprechen deshalb zurecht hier nicht von Neuevangelisierung, sondern von Erstevangelisierung'
  15. Zehn Jahre ‚Amoris laetitia‘ – Die Kunst, eine Lehre zu ändern, ohne sie zu ändern

© 2026 kath.net | Impressum | Datenschutz