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Der stumme Gott unserer Zeit

11. März 2026 in Spirituelles, 15 Lesermeinungen
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Warum das Verstummen des Gebets kein Zeitproblem ist, sondern ein falsches Gottesbild und ein verlorenes Gegenüber. Von Diakon Ulrich Franzke


Essen (kath.net) Haben Sie sich schon einmal fünf Minuten auf die Bettkante gesetzt und nichts getan – wirklich nichts? Kein Handy, kein Buch, kein Geräusch. Nur sitzen und sich selbst beim Sitzen zusehen. Und haben Sie es auch gemerkt? Plötzlich wird alles dringend: eine Nachricht könnte gekommen sein, eine Mail müsste beantwortet werden, ausgerechnet jetzt braucht der Kaktus Wasser. Alles ist wichtiger als diese Stille. Vielleicht ist das kein Zufall. Denn Stille ist nicht leer. Stille stellt eine Frage: Ist da jemand, zu dem ich sprechen könnte? Wenn diese Frage unbeantwortet bleibt, wird sie unerträglich. Und vielleicht beten wir genau deshalb so wenig – nicht weil uns Zeit fehlt, sondern weil uns das Gegenüber fehlt.

Heute heißt es oft: „Ich kann nicht beten.“ Als wäre Beten eine Technik, als fehlte nur die richtige Methode oder ein geistlicher Trick. Aber Gebet ist kein Verfahren. Gebet ist Gespräch. Gebet ist Beziehung. Und ein Gespräch geht nur mit einem Du – einem personalen Du. Man kann einer Energie nichts erzählen. Man dankt keinem Universum. Einer „höheren Macht“ klagt man nichts. Man spricht nur mit jemandem. Wenn dieses Gegenüber verschwindet, verstummt das Gebet automatisch – nicht aus Rebellion, sondern aus Gleichgültigkeit. Man bittet nicht mehr. Man dankt nicht mehr. Man klagt nicht mehr. Man sagt einfach nichts.


Gott wird nämlich selten geleugnet. Das wäre wenigstens klar. Er wird entschärft. Aus dem Vater wird „das Göttliche“, aus dem Herrn der Geschichte eine „Kraft“, aus dem Gegenüber eine „kosmische Macht“. Das klingt modern und harmlos. Ist aber das sichere Ende jedes Gebets. Mit einer Macht spricht man nicht. Man arrangiert sich höchstens mit ihr. Ein Gott, der nichts verlangt, stört nicht – und wird genau deshalb überflüssig.

Die Heilige Schrift kennt so einen Gott nicht. Die Psalmen sind kein frommes Wohlfühlbuch. Dort steht nicht nur Dank, dort steht das ganze Leben. Da heißt es: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch.“ Oder: „Rette mich, Gott, denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.“ Oder: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und sogar: „Wach auf! Warum schläfst du, Herr?“ Und manchmal wird es erschreckend direkt: „Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund.“ „Tilge sie aus dem Buch des Lebens.“ „Selig, wer deine Kinder am Felsen zerschlägt.“ (Ps 137,9, von den Kindern Babylons) „Lass seine Tage wenige werden, sein Amt empfange ein anderer.“ Das sind keine Handlungsanweisungen, sondern die Schmerzenssprache eines verwüsteten Volkes, das seine Wut vor Gott ausschüttet.

Solche Sätze würde heute kein Liturgiekreis mehr drucken – und doch stehen sie in der Bibel. Weil Gebet kein Theater ist. Gebet heißt: alles vor Gott!

Nicht nur das Schöne. Auch die Wut. Der Hass. Die Verzweiflung. Alles. Gott weiß es doch sowieso. Wir informieren ihn nicht – wir hören nur auf, uns vor ihm zu verstecken. Besser Gott die Wut hinwerfen, als sie am Mitmenschen auslassen. Psychologen sagen nüchtern: Was in der Phantasie keinen Raum bekommt, sucht sich irgendwann einen Weg in der Wirklichkeit. Wer vor Gott nicht klagen und schreien darf, trägt es nach außen. Besser Gott anschreien, als innerlich verstummen. Man darf Gott alles sagen. Nur eines nicht: gar nichts.

Auffällig ist dabei etwas anderes: Zwischen diesen Schreien steht immer wieder Dank. „Deine Huld ist besser als das Leben; darum preisen dich meine Lippen.“ Dank mitten im Chaos. Dank macht ruhig. Er macht demütig. Wer dankt, steht nicht im Anspruch, sondern im Empfangen. Bitten und Fordern zeigen den Mangel – Danken zeigt die Beziehung. Denn danken kann man nur jemandem. Nicht einer Energie. Nicht einer Macht. Nicht dem Universum. Nur einer Person. Vielleicht stirbt deshalb mit dem personalen Gott zuerst der Dank – und kurz danach das ganze Gebet. Maria hat in Fatima immer wieder schlicht zum Dank aufgerufen: weniger fordern, weniger in Gegenleistungen rechnen, mehr danken. Auch in der christlichen Volksfrömmigkeit taucht dieser einfache Kern immer wieder auf. Nicht, weil Gott etwas bräuchte, sondern weil der Mensch im Danken weich wird und Beziehung lernt.

Jesus betet genau so. Er zieht sich in die Nacht zurück. Er dankt. Er bittet. Und am Kreuz schreit er. Nicht zu einer Energie. Zum Vater. Dieses Wort entscheidet alles. Vater. Wenn Gott kein Vater mehr ist, sondern Prinzip, wird Beten zur Farce. Dann bleibt bestenfalls stille Selbstbesinnung, Meditation – hilfreich vielleicht, aber weit entfernt vom Beten, vom Gespräch mit Gott. Man redet mit sich selbst und nennt es Spiritualität. Aber das ist kein Gebet. Das ist Einsamkeit.

Der Pfarrer von Ars erzählte von einem Bauern, der täglich lange still vor dem Tabernakel saß. Kein Rosenkranz. Keine Worte. Keine Methode. Auf die Frage, was er dort mache, sagte er nur: „Ich schaue ihn an, und er schaut mich an.“ Mehr nicht. Kontemplation. Bei Gott sein! Vielleicht beginnt Gebet genau dort wieder – nicht bei Techniken oder Programmen, sondern dort, wo Gott wieder jemand ist. Ein Gegenüber. Ein Du. Und wo wir den Mut haben, fünf Minuten lang einfach da zu sein – selbst wenn in dieser Zeit der Kaktus ungegossen bleibt. 


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