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Die Grundfrage an Europa. Kultur, Dialog und die Würde des Menschen

vor 3 Stunden in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Leo XIV. - Die entscheidende Frage bleibt dieselbe: Was bedeutet es, wahrhaft menschlich zu sein? Kultur, Wirtschaft, Kunst und Sport müssen die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Die geistigen Grundlagen Europas. Von Armin Schwibach


Madrid (kath.net/as) In der Movistar Arena in Madrid begegnete Papst Leo XIV. Am Abend des zweiten Tags seiner Apostolischen Reise nach Spanien Vertretern aus Kultur, Kunst, Wirtschaft und Sport. Ausgangspunkt seiner Ansprache war die Beobachtung, dass sich an diesem Ort nicht nur sportliche und kulturelle Ereignisse vollzögen, sondern auch die grundlegenden Erfahrungen des Menschen sichtbar würden: „Freude und Bewunderung, Begeisterung und Hoffnung, aber auch Traurigkeit und Frustration“.

Mit Blick auf Spanien verwies der Papst auf die kulturellen und geistigen Spuren vergangener Generationen. In den Städten, Denkmälern, Universitäten, Kirchen, in Musik, Malerei, Tanz und Gastronomie werde sichtbar, wie Menschen die Welt geprägt hätten. Aus der Betrachtung dieses Erbes erwachse jedoch eine Frage, die jede Generation betreffe: „Welches Erbe hinterlassen wir der Zukunft und welche Art von Gemeinschaft lassen wir damit entstehen?“. Leo XIV. nahm die Beiträge der Teilnehmer auf und stellte fest, die heutige Gesellschaft verfüge über eine außergewöhnliche Fähigkeit zu produzieren, zu innovieren und zu kommunizieren. Gleichzeitig scheine sie noch lernen zu müssen, „die Seele dessen zu bewahren, was sie hervorbringt“. Andernfalls drohe die Gefahr, zwar über technische und kommunikative Kompetenz zu verfügen, aber nicht mehr zu wissen, „warum, wozu, mit wem und für wen produziert wird“. Die Kirche wünsche deshalb den Dialog mit der Welt von heute, im Bewusstsein ihrer geschichtlichen Leistungen ebenso wie ihrer Fehler.

Der Papst betonte, das Streben nach dem Guten, dem Schönen und der Wahrheit sei „in die DNA der Menschheit eingeschrieben“. Aus ihrer Glaubenserfahrung heraus zeige die Kirche Wege zu einem würdigen Leben und zum Gemeinwohl auf. Unter Hinweis auf Paul VI. erinnerte Leo XIV. daran, dass die Kirche als „Expertin in Menschlichkeit“ nichts wahrhaft Menschliches von sich weise. Die grundlegende Frage der Gegenwart bleibe daher unverändert: „Was bedeutet es, wahrhaft menschlich zu sein?“


Die Kirche gebe, so der Papst, mit Demut aber auch mit Entschiedenheit weiter, was sie erkannt habe: dass Jesus Christus auf die großen Fragen des menschlichen Lebens und seiner Erfüllung antworte. Deshalb bleibe der Mensch „der Weg der Kirche“ und das Zentrum jeder echten ganzheitlichen Entwicklung. Daraus folge, dass die Kirche sich nicht von der Kultur entfernen könne, weil durch die Kultur der Mensch „mehr Mensch“ werde. Daraus er gab sich das Leitmotiv des Treffens: das Knüpfen von Netzwerken. Kultur erinnere an „Kultivierung“. Deshalb müsse gefragt werden, was heute gesät werde, was in der Gesellschaft aufblühe und was verwelke, welche Werte bewahrt und welche aufgegeben würden. Solche Fragen könnten nur durch einen gesellschaftlichen Dialog beantwortet werden, der Begegnung, Zuhören, Respekt und Gespräch voraussetze.

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Papst der Sprache. Kommunikation sei niemals neutral. Jeder Ausdruck vermittle etwas. Worte und Bilder könnten verletzen oder heilen, Erwartungen zerstören oder neue Horizonte eröffnen, Spaltung säen oder Hoffnung wecken. Netzwerke zu schaffen bedeute daher, Institutionen in einen Dialog zu führen, in dessen Zentrum die Würde des Menschen stehe. Die Universität dürfe sich nicht von der Arbeitswelt abwenden und nicht auf die Wahrheit verzichten. Die Wirtschaft dürfe den Arbeitnehmer nicht lediglich als Produktionsfaktor betrachten. Kunst dürfe nicht nur für Eliten bestimmt sein. Sport dürfe nicht auf Spektakel oder Geschäft reduziert werden. Technischer Fortschritt müsse die Alten, Armen und Stimmlosen berücksichtigen. Das Fundament dieses Dialogs sah Leo XIV. in der Überzeugung, dass der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen sei. Der Schöpfer habe den Menschen „mit Fäden der Liebe gewoben“. Daraus leite sich die unantastbare Würde jedes Menschen ab, die die Grundlage allen gesellschaftlichen Austauschs bilde.

Ein zweiter Aspekt des Netzwerkes bestehe darin, gemeinsam etwas hervorzubringen. Unter Bezugnahme auf Benedikt XVI. erinnerte der Papst an dessen Aussage: „Der Glaube ist Liebe und bringt daher Dichtung und Musik hervor. Der Glaube ist Freude, daher bringt er Schönheit hervor“. Kunst, Musik, Literatur und gemeinsame Erfahrungen hätten die Kraft, Menschen innerlich zu verändern. Deshalb sei es nicht überraschend, dass der christliche Glaube in Spanien Ausdruck gefunden habe in der Saeta, in der Mystik der heiligen Teresa von Ávila und des heiligen Johannes vom Kreuz, in den Werken Lope de Vegas und Calderóns sowie in den Fronleichnamshymnen des heiligen Thomas von Aquin. All dies zeige die Verbindung von Materiellem und Geistigem, die das menschliche Dasein kennzeichne.

Als dritten Aspekt des Netzwerkes nannte Leo XIV. den selbstlosen Dienst. Der Blick auf die Geschichte zeige, dass vom Glauben geprägte Männer und Frauen Krankenhäuser und Schulen gegründet, Werke der Solidarität geschaffen und eine Sprache entwickelt hätten, die die Würde des Menschen achte. Daraus leitete der Papst die Frage ab, ob Europa seine Identität ohne den geistigen Einfluss des Christentums überhaupt hätte entwickeln können. Diese Überlegung sei keine Provokation, sondern eine Einladung, darüber nachzudenken, ob die Ewigkeit, die durch die Menschwerdung Christi in Raum und Zeit eingetreten sei, wieder mit dem Alltag versöhnt werden könne. In diesem Zusammenhang griff Leo XIV. den Aufruf seiner Vorgänger auf: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Christus nimmt nichts und gibt alles“.

Mit Nachdruck lenkte der Papst den Blick auf die Armen und Ausgegrenzten. Er fragte: „Wer wird trotz seiner Talente und Fähigkeiten ausgegrenzt?“. Die Situation der Armen bleibe ein Schrei, der Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kirche ständig herausfordere. Christus stelle das Gemeinwohl wieder an seinen Platz, indem er die Gier der einen begrenze und die Hoffnung der anderen nähre. Daher beharre die Kirche darauf, dass wirtschaftliche und institutionelle Strukturen nur dann gerecht seien, wenn sie der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen dienten und die verantwortliche Teilhabe aller förderten.

Zum Abschluss richtete Leo XIV. den Blick auf die Welt des Sports. Viele Menschen hätten Respekt vor dem Gegner eher auf dem Spielfeld als in theoretischen Unterweisungen gelernt. Sportler lehrten, zu verlieren ohne Hass, zu gewinnen ohne Demütigung und nach einem Sturz wieder aufzustehen. Mit einem Zitat Johannes Pauls II. erinnerte der Papst daran, dass Sportler durch ihr Zeugnis zum Zusammenhalt, zum Frieden und zur Fähigkeit des Zusammenlebens beitrügen. Abschließend rief Leo XIV. dazu auf, „neue Fäden“ zu werden und „neue Netze“ zu knüpfen, die Kultur, Bildung, Kunst, Wirtschaft und Arbeit miteinander verbinden. Eine erneuerte Gesellschaft müsse die Zeit von der Ewigkeit durchdringen lassen, das kulturelle Gedächtnis bewahren, die Wahrheit suchen, das Staunen fördern und die Würde des Menschen anerkennen. Den Schluss bildeten die Worte des Apostels Paulus: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! […] Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ Darum gehe es, so der Papst, dass das „großartige Menschsein“ auch weiterhin erstrahle.

 


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