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Die Menschenwürde hat keinen Reisepass

vor 3 Stunden in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Leo XIV. im Hafen von Arguineguín: die Würde der Migranten, die Macht der Menschenhändler, die Pflicht der Kirche zur Aufnahme und die Verantwortung von Staaten und internationalen Institutionen. Von Armin Schwibach


Arguineguín-Gran Canaria (kath.net/as) Im Hafen von Arguineguín auf Gran Canaria eröffnete Papst Leo XIV. den letzten Abschnitt seiner Spanienreise mit einer Begegnung mit den Vertretern der Aufnahmeeinrichtungen für Migranten. Vor Helfern, Mitarbeitern kirchlicher Einrichtungen, Migranten und Verantwortlichen aus Gesellschaft und Politik stellte er die Frage nach der Würde des Menschen in den Mittelpunkt und verband die konkrete Situation auf den Kanarischen Inseln mit dem Evangelium.

Ausgehend vom Gleichnis vom Endgericht erinnerte der Papst daran, dass die Worte Christi niemanden unberührt lassen dürften. Am Meer werde das Evangelium unmittelbar sichtbar. Hier kämen Menschen an, denen vieles genommen worden sei, „aber niemals ihre Würde“. Das Evangelium reiße die Menschen aus der Rolle des Zuschauers heraus und stelle sie vor den Bruder, der ankomme. Es frage, ob Christus in jenen erkannt werde, „die voller Angst, Hunger und Gewalt an Land gehen, nach der Wüste, der Nacht und dem Meer“. Leo XIV. verwies auf den Fischerring, den er als Nachfolger Petri trägt. Schon dessen Name führe an den See Genesaret zurück, wo Christus zu Petrus gesagt habe: „Von jetzt an wirst du Menschen fangen“. Die Kirche habe dieses Wort stets als Bild ihrer Sendung verstanden. An Orten wie den Kanarischen Inseln erhalte dieser Auftrag jedoch eine konkrete und schmerzhafte Bedeutung. Die Inseln hätten Tausende von Menschen aufgenommen, die ihre Heimat verlassen mussten und ihr Leben den Gefahren des Meeres anvertraut hätten. Hier seien Menschen aus den Fluten gerettet worden, hier seien aber auch Tote geborgen worden. Deshalb dürfe sich der Nachfolger Petri nicht von diesen Anlegestellen abwenden. Auch die Kirche dürfe sich weder von diesen Gewässern noch von irgendeinem Ort fernhalten, „an dem Hunger, Durst, Gewalt, Angst oder Exil weiterhin die Menschenwürde verletzen“. Die Jünger Christi dürften den Ruf der Leidenden niemals als etwas Fremdes betrachten.

Anschließend ging der Papst auf die biblische Symbolik des Meeres ein. In der Heiligen Schrift erscheine das Meer oft als Bild von Gefahr, Chaos und Finsternis. Auch heute gebe es Ungeheuer, die in diesen Gewässern lauerten. Leo XIV. nannte mafiöse Organisationen, Menschenhändler und jene Formen der Gleichgültigkeit, die zuließen, dass Arme ausgebeutet oder vergessen würden. Diese Mächte wirkten wie moderne Erscheinungsformen jener zerstörerischen Kräfte, von denen die Bibel spreche. Der christliche Glaube lasse sich jedoch nicht von der Macht des Meeres lähmen. Christen glaubten an den Gott, der das Chaos bezwinge und selbst dort Wege eröffne, wo der Tod zu siegen scheine. Leo XIV. erinnerte an den Durchzug Israels durch das Rote Meer und an Christus, der den Sturm zum Schweigen gebracht hat. Die Stimme Christi richte sich weiterhin gegen jene Kräfte, die Menschen verschlingen, versklaven und wegwerfen. Deshalb dürfe die Kirche dort nicht schweigen, wo Menschen den Fluten ausgeliefert seien.


Der Papst dankte den Mitarbeitern der Caritas, den Pfarreien und den zahlreichen Helfern für ihren Dienst. Ihre Zeugnisse zeigten, wo jede wirkliche Veränderung beginne: dort, wo der Migrant nicht mehr als Zahl, Kategorie oder statistische Größe betrachtet werde. Erst dann werde sichtbar, dass hinter jedem Schicksal ein Mensch stehe, der Teil der eigenen Familie sein könnte. „Barmherzigkeit beginnt mit kleinen Gesten“, betonte Leo XIV. Manchmal seien es „ein paar Kekse und etwas Milch“, manchmal die fünf Brote und zwei Fische des Evangeliums. Dabei gehe es nicht darum, alle Probleme lösen zu können. Entscheidend sei die Bereitschaft, dort gegenwärtig zu sein, wo Menschen litten, wo die Mittel nicht ausreichten und wo oft nicht einmal eine gemeinsame Sprache vorhanden sei. Gesten könnten dennoch sprechen und Hoffnung vermitteln. Deshalb dankte der Papst allen, die an Rettungsaktionen, Aufnahmeprogrammen und der Begleitung von Migranten beteiligt seien.

Besonders eindringlich wandte sich Leo XIV. an die junge Frau Blessing, deren Zeugnis verlesen worden war. Ihr Name bedeute „Segen“ und erinnere daran, dass jedes menschliche Leben ein Geschenk Gottes sei. Niemand könne einen Menschen kaufen, verkaufen oder wegwerfen, denn in jedem Menschen leuchte das Bild des Schöpfers auf. Die Geschichte Blessings mache das Schicksal vieler sichtbar, die nicht aus freiem Entschluss ihre Heimat verlassen hätten, sondern durch Armut, Krieg, Bedrohung und Ausbeutung dazu gezwungen worden seien. An die Opfer von Menschenhandel gerichtet erklärte der Papst: „Auch wenn andere deinem Körper einen Preis auferlegt haben, hat Gott nie aufgehört, dich als etwas Unbezahlbares anzusehen“. Auch wenn Menschen versucht hätten, ihr Leben auf Schmerz und Angst zu reduzieren, verkünde Gott weiterhin eine Zukunft. „Du bist eine Tochter und eine Schwester, du bist ein Segen“, so Leo XIV. Niemandem, der Gewalt ausgeübt habe, gehöre das Leben eines Menschen. Die Kirche wolle jene begleiten, die verletzt und ausgebeutet worden seien, bis die Wahrheit ihrer Würde wieder stärker werde als die Erinnerung an das Leid. Den Migranten selbst widmete der Papst Worte der Achtung und der Warnung: „Ihr seid keine Zahlen und keine Aktennummern“. Jeder Mensch habe eine Familie, eine Geschichte, Hoffnungen und Träume, die niemand missachten dürfe. Zugleich mahnte er, das eigene Leben nicht jenen anzuvertrauen, die mit Verzweiflung Geschäfte machten. Die Versprechungen von Menschenhändlern seien „Sirenengesänge“ und ein „Gewerbe des Todes“.

Leo XIV. richtete seinen anschließend auf die internationale Verantwortung. Das Drama der Migration müsse eine Gewissensprüfung für alle sein. Die Herkunftsländer müssten Bedingungen schaffen, die Frieden, Gerechtigkeit und Entwicklung ermöglichten. Die Transitländer müssten die Schwachen schützen und dürften sie nicht kriminellen Netzwerken überlassen. Europa könne die Menschenwürde nicht verkünden und sich zugleich daran gewöhnen, dass Mittelmeer und Atlantik zu „Friedhöfen ohne Grabsteine“ würden. Auch die internationale Gemeinschaft sei zu einer wirksamen und dauerhaften Zusammenarbeit verpflichtet. Ebenso stellte der Papst die Kirche selbst vor eine Gewissensfrage. Die Aufnahme von Migranten dürfe weder als Randthema behandelt noch allein einigen Freiwilligen überlassen werden. Christen knieten vor dem Altar nieder, um Christus in der Eucharistie anzubeten. Deshalb dürften sie später nicht an den kleinen Booten vorbeigehen, in denen Menschen um ihr Leben kämpften. Aus dem Gebet gehe jeder Dienst hervor, und zu ihm kehre jeder Einsatz zurück. Von den Kanarischen Inseln aus richtete Leo XIV. einen Appell an Regierungen, Parlamente, internationale Organisationen, religiöse Gemeinschaften und alle Menschen guten Willens. Es genüge nicht, Ankünfte zu verwalten, Zahlen zu verteilen, Grenzen zu sichern oder den Tod zu beklagen, nachdem er eingetreten sei: „Jedes Boot, das ankommt, bringt nicht nur Migranten mit sich; es bringt eine Frage mit sich: Welche Welt haben wir geschaffen, wenn so viele Brüder und Schwestern den Tod riskieren müssen, um Leben zu suchen?“. Der Papst forderte legale und sichere Migrationswege, Rettung und Hilfe auf See, eine entschlossene Bekämpfung des Menschenhandels, wirksamen Schutz der Opfer sowie ernsthafte Aufnahme- und Integrationsprogramme. Ebenso unterstrich er das Recht jedes Menschen, in seiner Heimat bleiben zu können. Neben dem Recht, Zuflucht zu suchen, gebe es auch „das Recht, nicht auswandern zu müssen“. Niemand dürfe gezwungen sein, wegen Hunger, Krieg, Verfolgung, Gewalt, Korruption oder Perspektivlosigkeit sein Land zu verlassen.

Zum Abschluss fasste Leo XIV. seine Botschaft in einem Satz zusammen, der die gesamte Ansprache durchzog: „Die Menschenwürde hat keinen Reisepass und verliert ihren Wert beim Überqueren einer Grenze nicht“. Im Gebet vertraute er die Migranten, die Verstorbenen, ihre Familien und alle Helfer der Fürsprache Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel an. Schließlich richtete er den Blick auf die Geschichte selbst. Sie werde eines Tages zeigen, ob die Menschheit ihre Menschlichkeit bewahrt habe oder ob sie zugelassen habe, dass Gleichgültigkeit ihr Handeln bestimme. Am Ufer des Atlantiks, so der Papst, stelle jedes ankommende Leben dieselbe Frage: „Was von unserer Menschlichkeit übrigbleibt“.

 


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