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| ![]() Europa kann nur aus seinem Gedächtnis Zukunft gewinnenvor 50 Minuten in Aktuelles, keine Lesermeinung Leo XIV.: von Benedikt bis Schuman. Über Erinnerung, Begegnung, Völkerrecht und Frieden. Man kann nicht über Europa sprechen, ohne das Christentum zu erwähnen. Von Armin Schwibach Metz (kath.net/as) Im Kongresszentrum „Robert Schuman“ von Metz nahm Papst Leo XIV. bei der Begegnung unter dem Motto „An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit“ den Namen des französischen Staatsmannes zum Ausgangspunkt für eine groß angelegte Betrachtung über die Geschichte, die kulturellen Voraussetzungen und die Zukunft Europas. Er erinnerte zunächst daran, dass Robert Schuman in dieser Region gelebt habe, hier seine letzte Ruhestätte gefunden habe und viele Jahre als Vertreter der Moselregion der Nationalversammlung angehört habe. Aus den geschichtlichen Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts habe Schuman die Inspiration für seine Erklärung vom 9. Mai 1950 gewonnen, mit der er zur Gestaltung des Europas von heute und morgen beigetragen habe. Diese Erklärung sei zugleich Ausgangspunkt und Ziel seines Einsatzes für die Versöhnung und Einheit des europäischen Kontinents gewesen. Leo XIV. kündigte so an, gedanklich eine Reise zu unternehmen, die „an den Wurzeln Europas beginnt, in die Gegenwart führt und schließlich den Blick in die Zukunft richtet“. Dabei stellte er die Frage, inwiefern Schuman von der Geschichte des Landes geprägt worden sei, dessen Sohn er gewesen sei, und wie er zur Gestaltung des modernen Europa beigetragen habe, sodass er als einer seiner „Gründerväter“ gelte. Eine Definition Europas, so führte Leo XIV. aus, sei sowohl für die Gegenwart als auch für die Vergangenheit schwierig. Europa habe schrittweise zu seinem Selbstverständnis gefunden, zunächst in den historischen Epochen der hellenistischen Zivilisation und des Römischen Reiches und schließlich durch die Ausbreitung des Christentums. Dabei habe es neue Kulturen, darunter die germanischen und slawischen, aufgenommen und im Lauf der Zeit immer größere Gebiete umfasst. Europa verstehe sich deshalb „in erster Linie als kulturelle und geschichtliche Größe und erst in zweiter Linie als geografische“. Seine Geschichte sei von Wachstum, Krisen und neuen Aufbrüchen geprägt gewesen. Eine Konstante dieser Geschichte sah der Papst darin, dass Europa sich dort entfaltet und weiterentwickelt habe, wo es gelungen sei, aus den positiven Aspekten der Vergangenheit zu lernen und diese durch die Begegnung mit dem Anderen in neuen Formen wiederzubeleben. Die europäische Zivilisation sei „auch das Ergebnis jahrhundertelanger Begegnungen“ gewesen, auch wenn diese Begegnungen nicht immer einfach verlaufen seien. Als Beispiele nannte Leo XIV. die arabische Kultur auf der Iberischen Halbinsel und die europäische Expansion in die „Neue Welt“, die auf dem amerikanischen Kontinent zu neuen, teilweise schmerzhaften Synthesen geführt habe. Für das Verständnis dieser Geschichte dürfe jedoch „ein weiterer Vater Europas“ nicht fehlen: der heilige Benedikt, den Papst Paul VI. 1964 zum Schutzpatron Europas erklärt und als „Boten des Friedens, Baumeister der Einheit, Lehrmeister der Zivilisation“ bezeichnet habe. Leo XIV. verwies auf die vielfältigen Bereiche, die durch Benedikt und die benediktinische Kultur geprägt worden seien: die Hilfe für Arme, Kranke und Alte, die Erziehung der Kinder, die Universitäten, Krankenhäuser und Medizin, Architektur und Ingenieurwesen, die Entwicklung der Wissenschaften sowie Recht und die Organisation von Städten und Staaten: „Ohne diese monastische Kultur gäbe es die europäische Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht“. Auch Metz selbst habe Anteil an dieser Geschichte gehabt. Hier habe dank des Wirkens unter anderem des heiligen Chrodegang ein benediktinischer Geist der „Brüderlichkeit, der Gemeinschaft und des Teilens“ geherrscht. Von hier aus habe sich der gregorianische Gesang in den karolingischen Gebieten verbreitet und „Harmonie und Schönheit auf den gesamten Kontinent“ gebracht. Daran anschließend stellte Leo XIV. ausdrücklich das Christentum in den Mittelpunkt seiner Betrachtung Europas. „Man kann also nicht über Europa sprechen, ohne das Christentum zu erwähnen“, erklärte er und verwies auf Robert Schuman, der sich selbst der christlichen Prägung Europas bewusst gewesen sei. Schuman habe die Gleichheit aller Menschen als Kinder desselben Gottes und als durch denselben Christus Erlöste hervorgehoben. Das Christentum habe, so zitierte Leo XIV. Schuman, „die Würde der Arbeit“ erkennen lassen und die Verpflichtung aller, sie auf sich zu nehmen. Es habe den Vorrang der inneren Werte anerkannt und durch das „universelle Gesetz der Liebe und der Nächstenliebe“ jeden Menschen zum Nächsten gemacht. Darauf hätten seitdem „die sozialen Beziehungen in der christlichen Welt“ beruht. Auch Alcide De Gasperi, den Leo XIV. als weiteren Gründervater des heutigen Europas bezeichnete, habe diesen Gedanken aufgenommen. De Gasperi habe auf das „gemeinsame europäische Erbe“ verwiesen, auf „diese einheitliche Moral, mit ihrem Streben nach evangeliumsgemäßer Brüderlichkeit, ihrer Achtung vor dem von den Vorfahren geerbten Recht, ihrer im Laufe der Jahrhunderte verfeinerten Verehrung der Schönheit und ihrem durch jahrtausendealte Erfahrung geschärften Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit“. Der Hinweis auf das, was die europäische Kultur dem Christentum verdanke, sei nach den Worten des Papstes „kein exklusives konfessionelles Kriterium“. Er helfe vielmehr zu verstehen, „dass die Offenheit gegenüber der Transzendenz immer eine wesentliche Eigenschaft des Menschen und eine lebendige Quelle der Zivilisation ist“. In diesem Zusammenhang verwies Leo XIV. auf Artikel 17 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union, der einen „offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog“ mit den Kirchen vorsehe und zugleich deren Status in den Mitgliedstaaten achte. Laizität bedeute nicht lediglich weltanschauliche Neutralität staatlicher Institutionen. Sie setze auch eine wirkliche Zusammenarbeit der Beteiligten voraus, die Achtung der Autonomie der Kirchen und die Förderung ihrer Organisations-, Meinungs- und Religionsfreiheit. Damit verband der Papst die Frage nach den Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Es gehe darum, „zu den Wurzeln der Werte zurückzufinden“, die dieses Zusammenleben trügen: „die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte“. Im heutigen multikulturellen Kontext erfordere die Bekräftigung dieser Universalität zugleich eine Wiederentdeckung der Wurzeln und die Bereitschaft zum Dialog mit dem Anderen. Diese Verbindung von Rückbesinnung und Begegnung stellte der Papst als Voraussetzung dafür dar, Begriffen wie Freiheit, Demokratie, Frieden und Einheit „echte Substanz“ zu geben. Dabei griff er auch einen Gedanken seines Vorgängers Franziskus auf, der die Komplexität Europas in der Vielfalt seiner Traditionen und Sensibilitäten gewürdigt und „die Bemühung um eine konstruktive Harmonie, die frei ist von Vormachtstellungen“ hervorgehoben habe. Die gleiche doppelte Bewegung könne nach den Worten von Leo XIV. dazu beitragen, das Verhältnis von Rechten und Pflichten neu auszubalancieren. Er erinnerte an eine wiederholte Feststellung von Franziskus: „Mit der Vorstellung des Rechtes scheint die ebenso wesentliche und ergänzende der Pflicht nicht mehr verbunden zu sein, so dass man schließlich die Rechte des Einzelnen behauptet, ohne zu berücksichtigen, dass jeder Mensch in einen sozialen Kontext eingebunden ist, in dem seine Rechte und Pflichten mit denen der anderen und zum Gemeinwohl der Gesellschaft selbst verknüpft sind“. Von hier aus wandte sich Leo XIV. der gegenwärtigen europäischen Situation zu. Europa stehe vor einer neuen Etappe seiner Geschichte der Begegnungen, weil zahlreiche Männer und Frauen auf den Kontinent kämen, die vor Kriegen und Verfolgung flohen oder fern von Armut und Elend ein besseres Leben suchten. Er erinnerte an seinen Besuch auf den spanischen Kanarischen Inseln und an seine dortige Forderung: „Die Menschenwürde erfordert legale und sichere Wege, Rettung und Hilfe, echte Zusammenarbeit gegen Menschenhändler, wirksamen Opferschutz, ernsthafte Aufnahme- und Integrationsprozesse sowie politische Maßnahmen, die es jedem Menschen ermöglichen, in seiner Heimat in Würde zu leben“. Damit sei die Aufgabe jedoch nicht erfüllt. Einen Menschen aufzunehmen bedeute, ihn „wie ein Familienmitglied zu integrieren“ und ihm die Möglichkeit zu geben, seine Talente, Fähigkeiten und seine Persönlichkeit zu entfalten, zugleich aber auch, sich „in den Geist des Hauses einzufügen“. Die gegenwärtige Situation müsse in ihrer historischen Tragweite verstanden werden: Sie bedeute eine Begegnung zwischen Völkern und Kulturen, die zur Wiederentdeckung der eigenen Wurzeln und zugleich zum aufmerksamen Hören auf den Anderen auffordere. Die Universalität der europäischen Grundwerte ermögliche einen solchen Dialog und könne den Gesellschaften ein Fundament geben, „das es uns erlaubt, uns wirksamer für den Frieden und eine versöhnte Welt einzusetzen“. Genau diese Verbindung von geschichtlichem Bewusstsein und politischer Gestaltung habe Männer wie Robert Schuman geprägt. Nach der „unermesslichen Tragödie des Zweiten Weltkriegs“ habe sich gezeigt, welches Unheil der Mensch anrichten könne, wenn er glaube, bei der Ausübung seiner Macht auf keinerlei Grenzen stoßen zu müssen. Schuman, der die Veränderlichkeit von Landesgrenzen selbst erlebt habe, habe dazu beigetragen, ein Europa aufzubauen, das die Notwendigkeit erkannte, „die Mauern einzureißen, die es zerrissen“. Seine christliche Bildung habe ihm den Wert der Gleichheit und die Würde der Arbeit vermittelt. Die Erfahrung wechselnder nationaler Souveränitäten habe sein Bewusstsein für die Bedeutung des Völkerrechts und für den Wert eines gegebenen Wortes geprägt. In einer Umgebung, in der Stolz und Rachegefühle vorherrschten, habe Schuman sich für Frieden und Brüderlichkeit zwischen Völkern eingesetzt, die nach langen Konflikten erkannt hätten, dass sie einander brauchten. Aus diesem Erbe leitete Leo XIV. mehrere Fragen an die Gegenwart ab. Was hinterlasse Schuman dem heutigen Europa und der heutigen Welt? An erster Stelle stehe ein „tiefes Verlangen nach Frieden“. Der Krieg sei wieder nach Europa zurückgekehrt und habe erneut zivile Opfer gefordert. Deshalb seien die Worte der Schuman-Erklärung von 1950 weiterhin von Bedeutung: „Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation leisten kann, ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen“. Daraus folge die Notwendigkeit eines geduldigen Dialogs, des Mutes bei Verhandlungen und der Bereitschaft, bestimmte Positionen zugunsten des Friedens aufzugeben. Das Streben nach Frieden dürfe jedoch nicht mit einem „naiven Irenismus“ verwechselt werden. Schumans Satz bleibe vielmehr maßgeblich: „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen“. Leo XIV. warnte zugleich vor der Vorstellung, Aufrüstung allein könne Frieden hervorbringen. Er verwies auf seine Botschaft zum Weltfriedenstag 2026, in der er festgestellt habe: „Es ist kein Zufall, dass die wiederkehrenden Forderungen nach einer Erhöhung der Militärausgaben und die daraus resultierenden Entscheidungen von vielen Regierenden mit der Gefährlichkeit anderer gerechtfertigt werden“. Frieden zu fördern sei ein aktives Unterfangen. Deshalb müsse sich Europa fragen, ob es tatsächlich „kreative Anstrengungen“ für den Weltfrieden unternehme oder lediglich versuche, „das Blutvergießen des Krieges einzudämmen“ und sich auf kommende Kriege vorzubereiten. Das Europa nach Schuman sei ein Kontinent, auf dem der Dialog der bewaffneten Auseinandersetzung vorgezogen werde und auf dem Ressourcen gebündelt würden, damit „jeder Krieg […] nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich ist“. Damit verband Leo XIV. die europäische Friedensordnung mit der Achtung des Völkerrechts. Dieses beruhe im Gegensatz zum nationalen Recht nicht auf der Gewalt eines einzelnen Staates, sondern auf dem allgemein anerkannten Grundsatz pacta sunt servanda. Auch die besondere Rechtsordnung der Region Metz bewahre diesen Grundsatz, unter anderem in den Beziehungen zwischen dem französischen Staat und der katholischen Kirche auf Grundlage des Konkordats von 1801. Völkerrecht und Multilateralismus unterstrichen nach den Worten des Papstes die tatsächliche Gleichheit der Staaten und bildeten ein Gegenmittel gegen den Willen, über andere zu herrschen. Leo XIV. stellte zugleich fest, dass zwischenmenschliche Beziehungen und Beziehungen zwischen Staaten „immer barbarischer“ würden. Das gegebene Wort werde missachtet, während Lüge und Täuschung gerühmt würden. Europa könne dieser Entwicklung begegnen, wenn es an der Achtung vor dem anderen festhalte. In den vergangenen acht Jahrzehnten habe es gezeigt, dass unterschiedliche Meinungen, Forderungen und Interessen vertreten werden könnten, „indem man sich begegnet, anstatt sich zu bekämpfen“. Schuman erinnere zugleich an die Verbindung von Realismus und Mut. Leo XIV. zitierte seine Worte: „Europa wird nicht von heute auf morgen und nicht am Reißbrett entstehen. Erst greifbare Erfolge werden zu einer echten Solidarität führen“. Deshalb dürfe das Vertrauen in die Möglichkeit von Fortschritten nicht verloren gehen, auch wenn einzelne Schritte klein und kaum wahrnehmbar seien. Der Anspruch, „alles sofort haben zu wollen“, entspreche nicht der europäischen Geschichte und Kultur, die vielmehr den Wert von Zeit und Geduld lehrten. Aus kleinen Schritten könne jene wirksame Solidarität entstehen, in der sich niemand verlassen oder vergessen fühle. Zum Schluss richtete Leo XIV. den Blick auf die jungen Menschen Europas. Sie seien dazu berufen, das Europa von heute und morgen zu gestalten. Er erinnerte erneut an Schuman: „Möge diese Idee eines versöhnten, geeinten und starken Europas fortan das Leitmotiv für die jungen Generationen sein, die einer Menschheit dienen wollen, die endlich von Hass und Angst befreit ist und die nach allzu langen Konflikten die christliche Brüderlichkeit wiederentdeckt“. Seine eigene Aufforderung an die jungen Menschen fasste Leo XIV. in konkrete Imperative: „Habt den Mut, die Mission des Friedenstiftens verantwortungsbewusst zu erfüllen, in eurem Herzen, in euren Beziehungen, in eurer Familie, in den Schulen und Universitäten, im Leben eurer Städte, eurer Länder und ganz Europas“. Daran schloss er weitere Aufforderungen an: „Unterwerft euch nicht der Logik der Gewalt und der Unterdrückung“. Die jungen Menschen sollten „das Leben in jedem Augenblick“ lieben und „keine Angst vor der Zukunft“ haben. Sie sollten keine Angst davor haben, „eine Familie zu gründen, Kinder zur Welt zu bringen und die Würde jedes Menschen zu verteidigen – vom ersten Augenblick im Mutterleib bis zu seinem letzten Atemzug“. Ebenso sollten sie sich für das Wohl ihrer Gemeinschaften einsetzen, auch durch politisches Engagement. Die letzte Aufforderung des Papstes lautete: „Stiftet Gemeinschaft!“ Daraus entwickelte er sein Schlussbild Europas: „Und mit euch wird Europa, fest verwurzelt, weiter gedeihen und die ganze Welt inspirieren“.
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