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Metropolit Hilarion (Alfejew) – Aufstieg und Fall eines russischen Kirchendiplomaten (Teil 1)

vor 3 Stunden in Chronik, keine Lesermeinung
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Von der ökumenischen Hoffnungsgestalt zum Protagonisten der orthodoxen Krise – „Für viele Beobachter war aus dem vermeintlichen Brückenbauer ein aggressiver Protagonist der Spaltung geworden.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) I. Ausbildung, geistige Prägung und Aufstieg (1966–2009)
1. Einleitung
Unter den orthodoxen Hie
rarchen des frühen 21. Jahrhunderts hat kaum eine Persönlichkeit eine vergleichbare internationale Ausstrahlung erlangt wie Metropolit Hilarion (Alfejew). Über viele Jahre galt er als das intellektuelle Gesicht der Russischen Orthodoxen Kirche, als ihr wichtigster ökumenischer Vertreter, als bevorzugter Gesprächspartner Roms und als möglicher Nachfolger Patriarch Kirills auf dem Moskauer Patriarchenthron.¹

Seine Karriere führte ihn von den theologischen Akademien Moskaus über Oxford und die ökumenischen Zentren Europas bis an die Spitze des Außenamtes des Moskauer Patriarchats. Dort wurde er zu einem der sichtbarsten Repräsentanten der Orthodoxie weltweit. Kaum ein orthodoxer Hierarch seiner Generation war häufiger in Rom, Genf, Brüssel oder Wien präsent; kaum einer verfügte über vergleichbare Kontakte zu Kardinälen, Patriarchen, Universitäten und internationalen Organisationen.²

Der spätere Absturz dieses Kirchenmannes macht seine Biografie zu einer der bemerkenswertesten kirchenpolitischen Entwicklungen der Gegenwart. In ihr spiegeln sich zentrale Konflikte des frühen 21. Jahrhunderts: die Wiedergeburt der Russischen Orthodoxen Kirche nach dem Ende der Sowjetunion, die neue Rolle der Orthodoxie im Russland Wladimir Putins, die Krise der Weltorthodoxie nach der Ukraine-Autokephalie, die schwierigen Beziehungen zwischen Moskau und Konstantinopel sowie die Frage nach der Zukunft des katholisch-orthodoxen Dialogs.³

Hilarion war dabei nie nur Theologe, nie nur Diplomat und nie nur Kirchenpolitiker. Vielmehr verbanden sich in seiner Person wissenschaftliche Gelehrsamkeit, kulturelle Bildung, liturgische Sensibilität und strategisches Denken in ungewöhnlicher Weise. Gerade deshalb eignet sich seine Biografie in besonderer Weise als Schlüssel zum Verständnis der jüngsten Geschichte der Orthodoxie.

2. Herkunft und Familie
Grigorij Walerjewitsch Alfejew wurde am 24. Juli 1966 in Moskau geboren. Seine Familie gehörte zur gebildeten sowjetischen Intelligenzija. Anders als viele spätere Hierarchen entstammte er keinem kirchlichen Milieu. Seine Kindheit fiel in die Zeit der späten Sowjetunion, in der Religion weiterhin gesellschaftlich marginalisiert blieb und unter staatlicher Kontrolle stand.⁴

Die Familie erkannte früh seine außergewöhnliche musikalische Begabung. Bereits als Kind erhielt er eine intensive Ausbildung an der renommierten Gnessin-Musikschule in Moskau. Violine, Klavier und Komposition wurden zu einem festen Bestandteil seines Lebens. Die Musik sollte ihn nie wieder verlassen und später zu einem wichtigen Element seiner öffentlichen Persönlichkeit werden.⁵

Diese frühe musikalische Bildung prägte auch seine Theologie. Hilarion verstand Musik nicht lediglich als Kunstform, sondern als Ausdruck geistlicher Wahrheit. In späteren Jahren sollte er wiederholt betonen, dass Musik und Liturgie aus derselben Quelle schöpften und beide dazu bestimmt seien, den Menschen zur Begegnung mit Gott zu führen.⁶

Die Verbindung von Ästhetik und Theologie blieb charakteristisch für sein gesamtes späteres Werk. Anders als viele akademische Theologen verstand Hilarion die Liturgie nicht nur als Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion, sondern als gelebte Erfahrung. Seine späteren Kompositionen geistlicher Musik, darunter die „Johannes-Passion“, das „Weihnachtsoratorium“ und verschiedene liturgische Werke, zeigen, wie eng sich für ihn Kunst, Gebet und Theologie miteinander verbanden.

3. Klosterberufung und geistliche Formung
Nach dem Militärdienst trat Alfejew 1987 in das Kloster des Heiligen Geistes in Vilnius ein. Dort wurde er zum Mönch tonsuriert und erhielt den Namen Hilarion. Noch im selben Jahr folgten Diakonen- und Priesterweihe.⁷

Diese Entscheidung fiel in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Die Reformpolitik Michail Gorbatschows ermöglichte erstmals wieder eine vorsichtige kirchliche Erneuerung. Zahlreiche Klöster wurden wiederbelebt, geistliche Akademien erhielten größere Freiräume und die Orthodoxie begann langsam, ihre jahrzehntelange gesellschaftliche Isolation zu überwinden.⁸

Die Jahre in Vilnius waren für Hilarion prägend. Dort verband sich die Erfahrung des monastischen Lebens mit einer intensiven geistlichen und theologischen Ausbildung. Die Liturgie, die Kirchenväter und die asketische Tradition wurden zu den Grundpfeilern seiner geistigen Welt.⁹

Besonders wichtig wurde die Begegnung mit der ostkirchlichen Spiritualität. Während die Sowjetzeit vielfach zu einer Verengung theologischer Horizonte geführt hatte, entdeckte Hilarion die Weite der patristischen Tradition. Das Studium der Kirchenväter wurde für ihn nicht nur akademische Arbeit, sondern eine geistliche Schule. Gerade hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zu vielen späteren Kirchenpolitikern seiner Generation.

4. Studium in Moskau und Oxford
Parallel zu seinem kirchlichen Dienst studierte Hilarion an der Moskauer Geistlichen Akademie. Schon früh fiel er durch außergewöhnliche intellektuelle Begabung auf. Er beherrschte mehrere Sprachen, arbeitete wissenschaftlich präzise und zeigte ein ungewöhnliches Interesse an den Quellen der Alten Kirche.¹⁰

Besonders faszinierte ihn die syrische Tradition. Während viele orthodoxe Theologen sich vor allem auf die griechischen Kirchenväter konzentrierten, widmete sich Hilarion intensiv den Werken des hl. Isaak von Ninive.¹¹

Der entscheidende Wendepunkt erfolgte 1993 mit dem Studium an der Universität Oxford. Dort promovierte er unter der Leitung von Bischof Kallistos Ware über die Spiritualität des hl. Isaak des Syrers.¹²

Die Jahre in Oxford können kaum überschätzt werden. Zum ersten Mal lebte Hilarion über längere Zeit im Westen. Er lernte die Denkweise westlicher Universitäten kennen, begegnete katholischen, anglikanischen und orthodoxen Theologen aus aller Welt und erwarb ein tiefes Verständnis für die Mentalität westlicher Kirchen.¹³

Gerade hierin lag später einer seiner größten Vorteile: Er konnte zwischen unterschiedlichen kirchlichen Welten vermitteln, weil er beide aus eigener Erfahrung kannte. Viele spätere ökumenische Kontakte, die ihn bis nach Rom, Wien, Genf und Brüssel führten, wurzeln letztlich in diesen Jahren.

5. Der Patrologe und Theologe
Aus seiner Oxforder Dissertation entstand später das Werk The Spiritual World of Isaac the Syrian, das bis heute zu den wichtigsten Studien über Isaak von Ninive zählt.¹⁴

In den folgenden Jahren entwickelte sich Hilarion zu einem sehr produktiven orthodoxen Theologen seiner Generation. Seine Forschungen konzentrierten sich auf die Kirchenväter, die orthodoxe Spiritualität, die Liturgie, die Dogmatik und die Geschichte der Ökumene.¹⁵

Diese wissenschaftliche Arbeit verschaffte ihm internationales Ansehen und machte ihn schon früh zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb der russischen Hierarchie.

Seine späteren mehrbändigen Werke Orthodox Christianity zeigen den Versuch, die orthodoxe Glaubenslehre in moderner Sprache systematisch darzustellen. Anders als viele akademische Spezialisten verstand Hilarion Theologie stets als Dienst an der Kirche. Wissenschaft und kirchliche Praxis blieben für ihn untrennbar miteinander verbunden.

6. London und die Krise der Sourozh-Diözese (2002)
Ein oft übersehener, für das Verständnis Hilarions jedoch außerordentlich wichtiger Abschnitt seiner Laufbahn war sein kurzer Aufenthalt in Großbritannien.

Im Januar 2002 wurde Hilarion zum Bischof von Kertsch geweiht und zum Weihbischof der russisch-orthodoxen Diözese von Sourozh in Großbritannien ernannt.¹⁶ Die Sourozh-Diözese war unter Metropolit Antonij Bloom zu einer außergewöhnlichen Erscheinung innerhalb der Orthodoxie geworden. Viele ihrer Geistlichen und Gläubigen stammten aus der russischen Emigration oder aus dem anglikanischen Umfeld. Die Diözese besaß einen vergleichsweise hohen Grad pastoraler und spiritueller Eigenständigkeit und war stark in die britische Gesellschaft integriert.¹⁷

Bereits wenige Monate nach seiner Ankunft kam es zu erheblichen Spannungen. Hilarion vertrat eine stärkere Anbindung der Diözese an die kirchlichen Strukturen des Moskauer Patriarchats. Ein Teil des örtlichen Klerus sah darin jedoch eine Gefährdung der gewachsenen Traditionen der Sourozh-Diözese.¹⁸ Der Konflikt eskalierte rasch. Metropolit Antonij Bloom intervenierte persönlich in Moskau. Bereits im Sommer 2002 wurde Hilarion wieder aus Großbritannien abberufen.¹⁹

Rückblickend erscheint dieser Vorgang bemerkenswert. Zum ersten Mal zeigte sich hier ein Charakterzug, der später auch in den Konflikten mit Konstantinopel sichtbar werden sollte: Hilarion bevorzugte klare institutionelle Strukturen und eine stärkere Einbindung lokaler Besonderheiten in die kirchenpolitische Gesamtstrategie Moskaus. Seine Kritiker sahen darin Zentralisierung und Zensur; seine Unterstützer bezeichneten es als notwendige kirchliche Ordnung.²⁰

Kirchenhistorisch war London deshalb weit mehr als eine Episode. Es war der erste größere Konflikt seiner Laufbahn und gewissermaßen ein Vorspiel späterer Auseinandersetzungen um Autonomie, Primat und kirchenpolitische Zuständigkeiten.

7. Wien und Mitteleuropa – die Schule der Diplomatie (2003–2009)
Weitaus wichtiger für seine spätere Entwicklung waren die Jahre in Wien. Am 7. Mai 2003 ernannte ihn der Heilige Synod zum Bischof von Wien und Österreich sowie zum Administrator von Budapest und Ungarn. Gleichzeitig vertrat er die Russische Orthodoxe Kirche bei den europäischen Institutionen in Brüssel.²¹

Diese Wiener Jahre waren vermutlich die eigentliche Schule seiner späteren Diplomatie.

Hier bewegte sich Hilarion gleichzeitig in den Institutionen der Europäischen Union, im ökumenischen Milieu Mitteleuropas, im Umfeld der Stiftung Pro Oriente, in katholischen Akademien, in diplomatischen Kreisen und innerhalb verschiedener orthodoxer Jurisdiktionen.²²

Gerade in Wien entstanden viele jener Kontakte, die später für seine Beziehungen zu Rom entscheidend werden sollten. Hilarion entwickelte hier jene Mischung aus theologischer Bildung, kultureller Diplomatie und kirchenpolitischem Gespür, die später sein Markenzeichen wurde.

Besondere Bedeutung hatten seine Kontakte zur Stiftung Pro Oriente, zu österreichischen Bischöfen sowie zum Umfeld von Kardinal Christoph Schönborn. Wien war in dieser Zeit einer der wichtigsten Orte des katholisch-orthodoxen Dialogs in Europa. Hilarion lernte dort, wie kirchliche Diplomatie, wissenschaftliche Begegnung und persönliche Netzwerke ineinandergreifen können.

Bereits damals zeichnete sich seine Grundstrategie ab: Eine enge Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche in sozialen und ethischen Fragen, aber nicht in Theologie; Betonung gemeinsamer christlicher Werte; gleichzeitige Stärkung der internationalen Stellung des Moskauer Patriarchats und Ausbau persönlicher Netzwerke in Europa.²³

Viele Beobachter sehen in Wien die eigentliche Formungsphase des späteren „Außenministers“ der Russischen Orthodoxen Kirche.

8. Brüssel und die europäische Bühne
Parallel zu seinen Wiener Aufgaben vertrat Hilarion das Moskauer Patriarchat bei den europäischen Institutionen in Brüssel.²⁴ Dort entwickelte sich jenes Profil, das ihn später weltweit bekannt machen sollte. Hilarion verband hohe theologische Bildung, ausgezeichnete Sprachkenntnisse, diplomatisches Geschick und politisches Gespür.

Er trat regelmäßig vor Organen der Europäischen Union, des Europarates und des Ökumenischen Rates der Kirchen auf. Gleichzeitig profilierte er sich als Verteidiger traditioneller christlicher Werte und als Kritiker eines Europas, das seiner Ansicht nach seine christlichen Wurzeln zunehmend verliere,²⁵ was jetzt beim Ukrainekrieg auch Putin und Patriarch Kirill immer wieder betonen.

Hier entstand jene konservative Werteagenda, die später zu einem wesentlichen Element seiner Beziehungen zu Rom werden sollte.

9. Ravenna 2007 – die erste große Bewährungsprobe
Eine entscheidende Rolle spielte Hilarion im Umfeld der katholisch-orthodoxen Dialoge der 2000er Jahre.

Besonders bedeutsam wurde die Vollversammlung der Gemeinsamen Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche in Ravenna im Oktober 2007.²⁶ Das dort verabschiedete Ravenna-Dokument behandelte die Frage von Primat und Synodalität in der Kirche und stellte einen wichtigen Fortschritt im ökumenischen Dialog dar.²⁷

Für Moskau war Ravenna jedoch zugleich problematisch. Die russische Delegation verließ die Sitzung aus Protest gegen die Teilnahme eines Vertreters der Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche. Hinter diesem Vorgang verbarg sich bereits der spätere Grundkonflikt zwischen Moskau und Konstantinopel.²⁸

Rückblickend erscheint Ravenna als jener Ort, an dem die drei großen Themen von Hilarions späterem Leben erstmals sichtbar zusammenliefen: die Beziehungen zu Rom (an Konstantinopel vorbei), die Frage des Primats innerhalb der Orthodoxie und schließlich der Konflikt mit Konstantinopel.

10. Der Weg an die Spitze
Als Metropolit Kyrill im Januar 2009 zum Patriarchen von Moskau gewählt wurde, musste die Leitung des Außenamtes neu besetzt werden. Die Wahl fiel auf Hilarion.

Am 31. März 2009 ernannte ihn der Heilige Synod zum Vorsitzenden des Außenamtes des Moskauer Patriarchats und zugleich zum ständigen Mitglied des Heiligen Synods.²⁹ Damit begann die entscheidende Phase seines Wirkens.


Der erst 42-jährige Metropolit tritt die Nachfolge seines Mentors an und wurde zum wichtigsten außenpolitischen Repräsentanten der Russischen Orthodoxen Kirche. Innerhalb weniger Jahre entwickelte er sich zum bekanntesten orthodoxen Kirchenpolitiker seiner Generation. Sein Aufstieg war brillant.

II. Der „Außenminister“ Moskaus (2009–2022)
Aufstieg zur wichtigsten internationalen Stimme der Russischen Orthodoxen Kirche

1. Der Beginn einer neuen Epoche
Mit seiner Ernennung zum Vorsitzenden des Außenamtes des Moskauer Patriarchats am 31. März 2009 begann die eigentliche Hauptphase in Hilarions kirchlicher Laufbahn. Das Department for External Church Relations (DECR) war seit Jahrzehnten die wichtigste außenpolitische Institution der Russischen Orthodoxen Kirche. Wer dieses Amt leitete, bestimmte maßgeblich die Beziehungen zu Rom, zu den orthodoxen Schwesterkirchen, zu den orientalischen Kirchen, zum Ökumenischen Rat der Kirchen und zu den politischen Institutionen Europas.³⁰

Patriarch Kyrill hatte diese Behörde selbst über fast zwei Jahrzehnte geführt und zu einem Zentrum kirchlicher Diplomatie ausgebaut. Mit Hilarion setzte er einen Mann seines Vertrauens ein, der zugleich eine neue Generation russischer Hierarchen repräsentierte: wissenschaftlich hoch qualifiziert, international erfahren, sprachlich brillant und in ökumenischen Kreisen bestens vernetzt.³¹

Die Ernennung war deshalb weit mehr als eine Personalentscheidung. Sie markierte den Beginn einer neuen Phase, in der die Russische Orthodoxe Kirche ihren Anspruch auf internationale Sichtbarkeit und Einfluss erheblich ausweitete.

2. Die Vision einer neuen Moskauer Außenpolitik
Hilarion verstand sein Amt nicht lediglich als Verwaltung bestehender Beziehungen. Sein Ziel war umfassender. Er wollte die Russische Orthodoxe Kirche als einen der wichtigsten Akteure des weltweiten Christentums etablieren. Dabei verfolgte er vier miteinander verbundene Ziele:

Erstens die Stärkung der internationalen Autorität des Moskauer Patriarchats.
Zweitens die Verteidigung traditioneller christlicher Werte gegen die fortschreitende Säkularisierung Europas.
Drittens die Entwicklung einer strategischen, aber nicht theologischen Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche.
Viertens die Positionierung Moskaus als führende Stimme der Weltorthodoxie.³²

Diese Konzeption unterschied sich deutlich von vielen ökumenischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts. Hilarion dachte nicht in theologischen Kategorien unmittelbarer Kircheneinheit, sondern er argumentierte in Kategorien gemeinsamer kultureller Verantwortung und kirchlicher Präsenz in einer zunehmend säkularen Welt.

3. Die konservative Werteallianz
Ein zentrales Merkmal von Hilarions Wirken war die Feststellung, dass die traditionellen Kirchen Europas angesichts gemeinsamer Herausforderungen enger zusammenarbeiten müssten.

Im Mittelpunkt seiner Argumentation standen nun: Schutz des menschlichen Lebens, Verteidigung von Ehe und Familie, Religionsfreiheit, christliche Identität Europas, Schutz verfolgter Christen und Kritik an Relativismus und Säkularisierung.³³

Gerade hier waren die Berührungspunkte für eine gute Allianz zwischen Moskau und Rom gegeben.

Während viele protestantische Kirchen in ethischen Fragen zunehmend andere Wege gingen, fanden Katholiken und Orthodoxe hier häufig eine gemeinsame Sprache.

Hilarion erkannte früh, dass in diesen Themen ein erhebliches Potential für eine neue Form sogenannter polit-ökumenischer Zusammenarbeit lag.

4. Die Christen des Nahen Ostens
Ein besonderes Anliegen Hilarions war die Lage der Christen im Nahen Osten, war Russland doch dort bereits länger militärisch aktiv. Bereits vor dem Arabischen Frühling hatte er auf die schwierige Situation christlicher Minderheiten hingewiesen. Mit dem Ausbruch der Kriege in Syrien und im Irak gewann dieses Thema dramatische Aktualität.³⁴ Dies ist auch weiterhin nicht verwunderlich, da Putin in diesen Kriegen maßgeblich beteiligt war.

Während viele westliche Regierungen zunächst auf politische Transformation und Demokratisierung hofften, warnte Hilarion früh vor den Folgen eines Zusammenbruchs staatlicher Strukturen für die alten christlichen Gemeinschaften der Region.

In zahlreichen Vorträgen, internationalen Konferenzen und Begegnungen mit politischen Entscheidungsträgern machte er auf die Verfolgung von Christen aufmerksam. Dieses Engagement verschaffte ihm wiederum auch im Vatikan erhebliches Ansehen. Viele katholische Kirchenvertreter teilten seine Sorge um das Schicksal der orientalischen Christen.³⁵

Gerade hier entstand eine weitere tragfähige Brücke zwischen Moskau und Rom.

5. Der Theologe auf internationaler Bühne
Bemerkenswert war, dass Hilarion trotz seiner umfangreichen diplomatischen Verpflichtungen wissenschaftlich aktiv blieb. In diesen Jahren erschienen seine wichtigsten theologischen Werke: die mehrbändige Dogmatik Orthodox Christianity, Studien zur Liturgie, Arbeiten über die Kirchenväter, ökumenische Veröffentlichungen und verschiedene Beiträge zur christlichen Kultur Europas.³⁶

Diese Verbindung von Gelehrsamkeit und Diplomatie machte ihn bedeutend. Viele Beobachter verglichen ihn mit den großen Kirchenmännern früherer Jahrhunderte, die zugleich Theologen, Diplomaten und Kulturträger gewesen waren.

Gerade seine wissenschaftliche Reputation verschaffte ihm Zugang zu Universitäten, Akademien und theologischen Fakultäten, z.B. eine Professur in Freiburg i. d. Schweiz, die anderen orthodoxen Hierarchen oft verschlossen blieben.

6. Die musikalische Diplomatie
Neben Theologie und Diplomatie spielte die Musik eine bemerkenswerte Rolle. Hilarion verstand Kultur als Instrument kirchlicher Kommunikation. Seine geistlichen Kompositionen wurden in Russland, Europa und Nordamerika aufgeführt.³⁷

Besonders das große Konzert russischer geistlicher Musik im Vatikan am 20. Mai 2010 wurde zu einem Symbol seiner kulturellen Diplomatie. Nach außen handelte es sich um eine musikalische Veranstaltung. Tatsächlich war es zugleich ein Akt kirchlicher „Annäherung“ zwischen Moskau und Rom. Die Russische Orthodoxe Kirche präsentierte sich dort dabei nicht als politischer Akteur, sondern als Trägerin einer großen spirituellen Tradition.

7. Rom, Wien und Brüssel – die drei Zentren seiner Diplomatie
Während seiner Amtszeit bewegte sich Hilarion vor allem zwischen drei Zentren: Rom, Wien und Brüssel. Rom war das Zentrum seiner katholisch-orthodoxen Beziehungen. Wien blieb durch Pro Oriente, Kardinal Schönborn und zahlreiche ökumenische Initiativen ein wichtiger Treffpunkt zwischen Ost und West.³⁸ Brüssel wiederum war das politische Zentrum Europas und damit jener Ort, an dem Hilarion seine Vorstellungen von Religionsfreiheit, christlicher Identität und öffentlicher Rolle der Religion in politische Debatten einbringen konnte.

Diese drei Orte bildeten gewissermaßen das geografische Dreieck seiner internationalen Tätigkeit.

8. Der Kronprinz des Moskauer Patriarchats
Zwischen 2010 und 2020 galt Hilarion zunehmend als möglicher Nachfolger Patriarch Kyrills.

Dafür sprachen zahlreiche Faktoren: sein vergleichsweise junges Alter, seine internationale Bekanntheit, seine wissenschaftliche Reputation, seine Mitgliedschaft im Heiligen Synod, seine Nähe zu Kirill, seine Erfahrung in der Weltkirche.³⁹

Viele Beobachter gingen davon aus, dass Hilarion langfristig eine Schlüsselrolle in der Zukunft des Moskauer Patriarchats spielen würde. Sein Einfluss schien stetig zu wachsen.

9. Die Schattenseite des Erfolges
Doch gerade während dieser Erfolgsjahre wurden auch die inneren Spannungen seines Wirkens sichtbar.

Denn dieselben Fähigkeiten, die ihn zum erfolgreichsten orthodoxen Diplomaten seiner Generation machten, banden ihn immer stärker an die großen Konflikte seiner Zeit: den Streit mit Konstantinopel, die Ukraine-Frage, die Beziehungen zum russischen Staat, die geopolitischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen.⁴⁰

Je stärker diese Konflikte zunahmen, desto schwieriger wurde es, die Rolle des Theologen von der Rolle des Kirchenpolitikers zu trennen. Der scheinbare diplomatische Brückenbauer begann zunehmend sich als aggressiver Verteidiger Moskauer Interessen zu outen.

10. Vor dem Wendepunkt
Um das Jahr 2016 befand sich Hilarion auf dem Höhepunkt seines Einflusses.

Er war Leiter des Außenamtes, Mitglied des Heiligen Synods, wichtigster ökumenischer Vertreter Moskaus, international anerkannter Theologe, erfolgreicher Autor, Komponist geistlicher Musik und möglicher Patriarchatskandidat.⁴¹

Von außen betrachtet schien seine Karriere nahezu unaufhaltsam. Doch gerade in diesen Jahren begann sich der Konflikt zwischen Moskau und Konstantinopel dramatisch zu verschärfen.

Aus dieser Entwicklung sollte schließlich jene Krise hervorgehen, die nicht nur die orthodoxe Welt erschütterte, sondern auch Hilarions eigenes Schicksal grundlegend verändern sollte.

III. Konstantinopel, Kreta und die Ukraine-Krise
Vom Ökumeniker zum Protagonisten des schwersten innerorthodoxen Konflikts der Gegenwart

1. Der Übergang von der Ökumene zur innerorthodoxen Krise
Während Hilarion zwischen 2009 und 2016 vor allem als Gesprächspartner Roms, als Vertreter der Orthodoxie in Europa und als Verfechter einer konservativen christlichen Allianz wahrgenommen wurde, verlagerte sich der Schwerpunkt seines Wirkens zunehmend auf einen anderen Bereich: den Kampf um die zukünftige Gestalt der Orthodoxie selbst.⁴²

Im Zentrum stand eine Frage, die lange Zeit unter der Oberfläche der orthodoxen Welt geschlummert hatte und nun offen hervortrat: Welche Stellung kommt dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel innerhalb der Orthodoxie zu?

Traditionell besitzt Konstantinopel den Ehrenprimat unter den orthodoxen Kirchen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion entwickelte sich jedoch das Moskauer Patriarchat zur mit Abstand größten orthodoxen Kirche der Welt. Dadurch entstand ein Spannungsverhältnis zwischen historischem Primat und tatsächlicher Größe, zwischen Tradition und Macht.⁴³ Hilarion wurde in diesem Konflikt zum wichtigsten internationalen Sprecher der Moskauer Position.

2. Die Moskauer Ekklesiologie
Die russische Argumentation beruhte auf einer klaren ekklesiologischen Grundüberzeugung.

Nach Moskauer Auffassung besitzt Konstantinopel: einen Ehrenprimat, eine historische Vorrangstellung, repräsentative Aufgaben innerhalb der Orthodoxie.

Nicht anerkannt werden jedoch: universale Jurisdiktionsrechte, ein allgemeines Berufungsrecht, ein exklusives Recht zur Gewährung von Autokephalie, eine Leitungsgewalt über andere Patriarchate.⁴⁴


Hilarion vertrat diese Position mit großer und harter Konsequenz.
Immer wieder warnte er vor einem „östlichen Papsttum“ oder einem „orthodoxen Papismus“. Diese Formulierungen wurden später zu einem Leitmotiv der Moskauer Kritik an Patriarch Bartholomaios.⁴⁵

Für Konstantinopel erschien dies als Angriff auf die traditionelle Ordnung der Orthodoxie. Für Moskau hingegen war es die Verteidigung ihrer synodalen Struktur.

3. Das Konzil von Kreta (2016)
Der erste große Wendepunkt war das Heilige und Große Konzil der Orthodoxen Kirche auf Kreta im Juni 2016. Dieses Konzil war jahrzehntelang vorbereitet worden und sollte erstmals seit Jahrhunderten alle autokephalen orthodoxen Kirchen zusammenführen.⁴⁶ Moskau war bei der Planung aktiv dabei.

Kurz vor Beginn zogen jedoch mehrere Kirchen, die stark mit Moskau verbunden bzw. abhängig waren, ihre Teilnahme zurück: Bulgarien, Georgien, Antiochien und schließlich auch Moskau.

Die Rolle Hilarions wird bis heute unterschiedlich beurteilt.

Einige Beobachter halten ihn für kompromissbereiter als andere Vertreter des Moskauer Patriarchats.

Andere sehen in ihm den wichtigsten Verteidiger der Entscheidung, dem Konzil fernzubleiben.⁴⁷ Auffällig war im Vorfeld dieses Konzils seine große Reiseaktivität zu den orthodoxen Zentren, besonders zu den Kirchen, die dann dem Konzil fernblieben.

Unbestreitbar ist jedoch, dass er nach außen hin die Moskauer Position vertrat und damit zum Gesicht einer Entwicklung wurde, die viele Griechen als bewusste Schwächung Konstantinopels verstanden.

4. Kreta als verlorener Kairos
Rückblickend erscheint Kreta als eine verpasste historische Chance. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten hätte die Orthodoxie als geeinte Weltkirche auftreten können. Stattdessen wurde sichtbar, wie tief die inneren Spannungen bereits waren.⁴⁸

Für Hilarion bedeutete Kreta zugleich einen Rollenwechsel. Der bisherige ökumenische Vermittler wurde zunehmend zu einem Akteur innerorthodoxer Machtpolitik. Diese Entwicklung sollte sich in den folgenden Jahren dramatisch beschleunigen.

5. Die Ukraine-Frage als Wendepunkt
Der eigentliche Bruch erfolgte 2018. Im April dieses Jahres leitete Patriarch Bartholomaios Schritte zur Lösung der ukrainischen Kirchenfrage ein. Die Ukraine besaß damals drei orthodoxe Jurisdiktionen: die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, das sogenannte Kiewer Patriarchat und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche.⁴⁹ Konstantinopel entschied, die beiden bislang nicht anerkannten Gruppen zu rehabilitieren und ihnen den Weg zur Autokephalie zu eröffnen.

Für Moskau war dies ein Schock. Das Moskauer Patriarchat betrachtete die Ukraine seit Jahrhunderten als Teil seines kanonischen Territoriums. Hilarion wurde nun zum wichtigsten internationalen Verteidiger dieser Position.

6. Die geistige Bedeutung der Ukraine
Die Ukraine-Frage war weit mehr als ein juristisches Problem. Sie berührte den Kern russischer Selbstdeutung.

Die Taufe der Kiewer Rus' im Jahr 988 gilt traditionell als Ursprung der russischen, ukrainischen und belarussischen Orthodoxie.⁵⁰ Aus Moskauer Sicht bedeutete die ukrainische Autokephalie deshalb weit mehr als die Entstehung einer neuen Ortskirche. Sie stellte das historische Narrativ in Frage, nach dem Moskau legitimer Erbe der Kiewer Rus-Tradition sei. Gerade deshalb erhielt die Debatte eine emotionale und politische Intensität, die weit über gewöhnliche Jurisdiktionsfragen hinausging.

7. Die Eskalation gegenüber Patriarch Bartholomaios
Bis 2018 galt Hilarion trotz aller Differenzen als höflicher, kultivierter und dialogfähiger Gesprächspartner.

Mit der Ukraine-Krise änderte sich dies grundlegend. Im Oktober 2018 erklärte er öffentlich: „Konstantinopel befindet sich jetzt selbst im Schisma.“⁵¹ Diese Aussage war außergewöhnlich.

Sie bedeutete nicht lediglich Kritik an einer Entscheidung, sondern stellte faktisch die kirchliche Stellung des Ökumenischen Patriarchats in Frage. Noch schärfer und unverschämter wurde Hilarion, als er erklärte, Patriarch Bartholomaios werde für seine Entscheidungen „vor dem Gericht Gottes und vor dem Gericht der Geschichte persönlich verantwortlich sein“.⁵²

Im Phanar wurden solche Äußerungen als persönliche Angriffe verstanden. Viele griechische Theologen sprachen nun von einem fundamentalen Wandel seines Auftretens. Er habe jetzt sein wahres Gesicht gezeigt.

8. Die Wahrnehmung im griechischen Raum
Besonders bemerkenswert ist, wie stark sich das Bild Hilarions im griechischen Raum veränderte.

Bis etwa 2016 galt er dort vielfach als hochgebildeter Theologe, hervorragender Gesprächspartner, ökumenisch kompetenter Hierarch, einer der vielversprechendsten orthodoxen Kirchenführer seiner Generation. Nach 2018 wandelte sich dieses Bild grundlegend.⁵³

Viele Vertreter Konstantinopels betrachteten ihn nun als den wichtigsten polit-ideologischen Sprecher der Moskauer Anti-Konstantinopel-Linie. Der frühere Brückenbauer wurde zunehmend als Wortführer eines kirchenpolitischen Machtkampfes wahrgenommen.

9. Der Bruch der eucharistischen Gemeinschaft
Am 15. Oktober 2018 brach das Moskauer Patriarchat die eucharistische Gemeinschaft mit Konstantinopel ab. Dies war die schwerste innerorthodoxe Krise der Neuzeit.⁵⁴

Hilarion verteidigte diesen Schritt weltweit. In Interviews und Stellungnahmen argumentierte er: Konstantinopel habe seine Kompetenzen überschritten, die ukrainischen Schismatiker seien nicht rechtmäßig rehabilitiert worden, Bartholomaios habe die Einheit der Orthodoxie gefährdet.

Konstantinopel vertrat die gegenteilige Auffassung und betrachtete sein Handeln als legitime Ausübung historischer Rechte. Die Spaltung war damit Realität geworden.

10. Griechenland, Zypern und Alexandrien
Die Krise weitete sich rasch aus. Im Oktober 2019 erkannte die Kirche von Griechenland die neue Orthodoxe Kirche der Ukraine an.⁵⁵ Kurz darauf folgte die Kirche von Zypern. Hilarion reagierte in beiden Fällen ungewöhnlich scharf und sprach von historischen Fehlentscheidungen.

Noch schwerwiegender wurden die Folgen im Verhältnis zum Patriarchat von Alexandrien. Nachdem Patriarch Theodoros II. die ukrainische Kirche anerkannt hatte, gründete Moskau eigene kirchliche Strukturen (Exarchate) auf afrikanischem Territorium.⁵⁶ Dies bedeutete einen direkten Eingriff in das traditionelle kanonische Gebiet Alexandriens. Hilarion verteidigte diesen Schritt öffentlich.

Viele orthodoxe Beobachter sahen darin den Beginn einer neuen Ära von Parallelstrukturen innerhalb der Orthodoxie.

11. Der Verlust des Ökumenikers
Bis etwa 2016 galt Hilarion vielen Beobachtern als Hoffnungsträger der Orthodoxie. Er war wissenschaftlich angesehen, international vernetzt, ökumenisch erfahren, kulturell offen.

Nach 2018 wandelte sich dieses Bild grundlegend.⁵⁷ Der einstige Brückenbauer zwischen Ost und West wurde zum Protagonisten eines kirchenpolitischen Machtkampfes innerhalb der Orthodoxie.

Gerade hierin liegt die eigentliche Tragik seiner Biografie. Denn die Fähigkeiten, die ihn zu einem der erfolgreichsten ökumenischen Diplomaten seiner Generation gemacht hatten, wurden nun in den Dienst eines Konfliktes gestellt, der die orthodoxe Welt tiefer spaltete als jede andere Auseinandersetzung der jüngeren Geschichte.

IV. Rom, Havanna und die Moskauer Ökumene
Die katholisch-orthodoxen Beziehungen unter Hilarion (2009–2022)

1. Zwischen Moskau und Rom
Die internationale Bedeutung Metropolit Hilarions erschließt sich nicht allein aus seiner Rolle innerhalb der Orthodoxie. Sein eigentlicher Wirkungsraum lag über viele Jahre zwischen Moskau und Rom. Kaum ein orthodoxer Hierarch der Gegenwart verfügte über vergleichbare Kontakte zum Heiligen Stuhl, zu den Päpsten, zur Römischen Kurie und zu den führenden Gestalten des katholisch-orthodoxen Dialogs.⁵⁸

In dieser Hinsicht steht Hilarion in einer Tradition, die bis zu Metropolit Nikodim (Rotow) zurückreicht. Nikodim war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Förderer der Beziehungen zwischen Moskau und dem Vatikan. Seine Politik beruhte auf der Überzeugung, dass die katholische Kirche trotz aller dogmatischen Unterschiede der wichtigste Gesprächspartner der Orthodoxie im Westen sei.⁵⁹ Nikodim war mehr die Theologie ein Anliegen als die Politik. Diese Grundlinie erfährt durch Kyrill, sein Nachfolger im Außenamt, bereits einen Wandel. Er übernimmt nur noch die politische Wichtigkeit der Gesprächspartnerschaft mit Rom und dies wurde durch Hilarion auf bemerkenswerte Weise weiterentwickelt.

2. Die neue Moskauer Ökumene
Hilarions ökumenische Vision unterschied sich deutlich von den klassischen Modellen des 20. Jahrhunderts.

Für ihn bestand das Ziel nicht primär in einer raschen Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft. Vielmehr ging es um eine strategisch-politische Partnerschaft der großen traditionellen Kirchen Europas angesichts gemeinsamer Herausforderungen. Seine Hauptthemen sind: Säkularisierung, religiöse Gleichgültigkeit, Christenverfolgung, kulturelle Entwurzelung und ethische Konflikte der Moderne.⁶⁰ Diese Sichtweise und Themen erklären, weshalb Hilarion oftmals leichter mit katholischen Gesprächspartnern zusammenarbeitete als mit Teilen des Protestantismus.

Er suchte aber weniger kirchliche Einheit als kulturelle und moralische Allianzbildung.

3. Kardinal Walter Kasper und der Neubeginn
Eine Schlüsselrolle spielte Kardinal Walter Kasper. Zwischen Kasper und Hilarion entwickelte sich früh ein intensiver Austausch. Beide wussten um die Schwierigkeiten des Dialogs, respektierten jedoch die intellektuellen Fähigkeiten des jeweils anderen.⁶¹

Bereits kurz nach seiner Ernennung zum Leiter des Außenamtes reiste Hilarion nach Rom und führte ausführliche Gespräche mit Kasper. Diese Begegnungen wurden von katholischen und orthodoxen Beobachtern als Signal eines Neubeginns verstanden. Zum ersten Mal seit langer Zeit schien eine vertiefte Annäherung zwischen Rom und Moskau möglich.

4. Ravenna und die Primatsfrage
Im Hintergrund dieser Entwicklung stand weiterhin das Ravenna-Dokument von 2007. Dort war erstmals gemeinsam festgehalten worden, dass Primat und Synodalität auf lokaler, regionaler und universaler Ebene zusammengehören.⁶²

Gerade dieser Gedanke bereitete Moskau innerorthodoxe Schwierigkeiten. Hilarion befürchtete, Konstantinopel könne daraus eine Stellung ableiten, die über den traditionellen Ehrenprimat hinausging.

Deshalb warnte er wiederholt vor einem „orthodoxen Papismus“ und einem „östlichen Papsttum“.⁶³

Hier zeigt sich bereits ein Grundzug seines späteren Wirkens: Er wollte Rom näher an Moskau heranführen, gleichzeitig aber eine zu nahe Stellung zwischen Rom und Konstantinopel behindern.

5. Benedikt XVI. und die geistige Nähe
Unter Papst Benedikt XVI. fand Hilarion besonders günstige Voraussetzungen. Beide verband eine bemerkenswerte geistige und kulturelle Nähe.

Sowohl Benedikt als auch Hilarion betonten die Bedeutung der Kirchenväter, die zentrale Rolle der Liturgie, die Liebe zur Musik, die geistige Erneuerung Europas, die Kritik an einer entchristlichten Moderne.⁶⁴

Diese Gemeinsamkeiten nutzte Hilarion mit großer Geschicklichkeit.

Ein besonders symbolträchtiges Ereignis war das große Konzert russischer geistlicher Musik im Vatikan am 20. Mai 2010. Nach außen handelte es sich um eine kulturelle Veranstaltung. Tatsächlich war es ein Akt kirchenpolitischer Diplomatie.

Die Russische Orthodoxe Kirche präsentierte sich dort als Trägerin einer reichen spirituellen Kultur, während Hilarion zugleich als Komponist, Intellektueller und Kirchenpolitiker auftrat.⁶⁵

6. Die kulturelle Diplomatie Hilarions
Gerade die Verbindung von Kultur und Theologie war ein wesentliches Merkmal seines Wirkens. Hilarion verstand Musik, Kunst und wissenschaftlichen Austausch als Formen kirchlicher Kommunikation. Konzerte, Vorträge, Symposien und akademische Begegnungen dienten nicht nur der Verständigung, sondern auch der positiven Präsentation der russischen Orthodoxie im Westen,⁶⁶ der sogenannten „Friedens-Arbeit“. Hilarion gewann Zugang zu Kreisen, die für viele andere orthodoxe Hierarchen kaum erreichbar waren.

7. Von Kasper zu Koch
Nach Kardinal Kasper wurde Kardinal Kurt Koch Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Unter Koch entwickelte sich die Zusammenarbeit mit Hilarion weiter und gewann zunehmend strategischen Charakter.⁶⁷ Koch verstand die orthodoxe Tradition ebenso wie ihre inneren Spannungen. Hilarion wiederum erkannte in ihm einen Gesprächspartner, der bereit war, die Moskauer Perspektive ernst zu nehmen.

Aus dieser Zusammenarbeit entstand eine der wichtigen ökumenischen Initiativen der jüngeren Kirchengeschichte.

8. Havanna 2016 – Höhepunkt seiner Diplomatie
Am 12. Februar 2016 trafen sich Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Havanna. Es war die erste persönliche Begegnung eines Papstes mit einem Patriarchen von Moskau überhaupt.⁶⁸

Für Hilarion bedeutete dieses Treffen den Höhepunkt seiner kirchendiplomatischen Laufbahn. Er gehörte zu den wichtigsten Architekten der Begegnung. Papst Franziskus erwähnte später ausdrücklich den Beitrag Hilarions und Kardinal Kochs zur Vorbereitung des Treffens.⁶⁹ Havanna war nicht nur ein historisches Ereignis.

Es symbolisierte die Hoffnung auf eine neue Phase katholisch-orthodoxer Beziehungen. 

9. Die Erklärung von Havanna
Die gemeinsame Erklärung von Havanna trug deutlich Hilarions Handschrift.

Im Mittelpunkt standen Themen, die er seit Jahren vertreten hatte: Christenverfolgung im Nahen Osten, Schutz des menschlichen Lebens, Familie, Religionsfreiheit, kulturelle Identität Europas, Zusammenarbeit gegen die Säkularisierung.⁷⁰ Wiederum stand kein theologisches Thema auf der Themenliste. Nicht einmal ein gemeinsames Vaterunser war bei diesem Treffen möglich!

Hier zeigte sich wiederum Hilarions größte Stärke. Er verstand es, die Anliegen des Moskauer Patriarchats so zu formulieren, dass sie für Rom anschlussfähig wurden, dass aber theologisch bzw. ökumenisch nichts besprochen wurde.

Für das leider zu gutgläubige Rom erschien nun die Russische Orthodoxe Kirche nicht mehr als schwieriger Gesprächspartner aus dem Osten, sondern als Verbündete in zentralen kulturellen und moralischen Fragen.

10. Die Uniertenfrage
Die Erklärung von Havanna enthielt leider auch jene Passagen, die erhebliche Kontroversen auslösten. Dies betraf insbesondere die griechisch-katholischen Kirchen, vor allem die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche.⁷¹ Seit Jahrzehnten betrachtete Moskau den sogenannten Uniatismus als eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur orthodox-katholischen Verständigung. Sie nutzt die Unierte-Frage bis heute immer wieder als theologisches „Totschlag-Argument“. Bereits das Balamand-Dokument von 1993 hatte erklärt, dass der Uniatismus kein Modell für die Wiederherstellung der Einheit der Kirche sei.⁷²

Hilarion griff diese Argumentation immer wieder auf. Für viele griechisch-katholische Christen entstand dadurch der Eindruck, Rom sei bereit, ihre guten historischen Erfahrungen mit ihnen, zugunsten einer verbesserten Beziehung zu Moskau, zurückzustellen und zu verleugnen.

11. Hilarion und die römische Wahrnehmung Moskaus
Eine der interessantesten Fragen lautet, in welchem Maß Hilarion die Wahrnehmung Moskaus in Rom beeinflusste. Sicher ist, dass kaum ein anderer orthodoxer Hierarch seiner Generation einen vergleichbaren Zugang zu den Entscheidungsträgern des Heiligen Stuhls besaß.⁷³ Seine Bildung, seine Sprachkenntnisse, seine kulturelle Ausstrahlung und sein diplomatisches Geschick verschafften ihm über Jahre hinweg außergewöhnliches Vertrauen. Viele Beobachter sind der Auffassung, dass Hilarion dazu beitrug, Moskau im Vatikan als unverzichtbaren Partner erscheinen zu lassen. Mit Moskau wurden daher viele kirchenpolitische Frage in Osteuropa, insbesondere hinsichtlich der unierten Kirchen, besprochen und abgestimmt. Aus diesem Verhältnis resultierte auch die zögerliche und oft indifferente Sichtweise und Beurteilung der russischen Politik bis hin zum Ukrainekrieg. 

12. Die Ambivalenz seines Erfolges
Gerade hierin lag jedoch auch eine Problematik. Denn dieselben Fähigkeiten, die Hilarion zu einem erfolgreichen ökumenischen Vermittler machten, dienten zugleich der Stärkung der Moskauer Position innerhalb der orthodoxen Welt.

Viele griechische Theologen warfen ihm vor, Rom systematisch von Konstantinopel entfremden zu wollen. Dieser Vorwurf scheint berechtigt, denn unbestreitbar ist, dass Hilarions ökumenische Diplomatie stets auch kirchenpolitische Ziele verfolgte.⁷⁴

13. Der Ökumeniker als Kirchenpolitiker
Hilarion war deshalb nicht einfach ein Ökumeniker. Er war ein Kirchenpolitiker, der die Sprache der Ökumene meisterhaft beherrschte und sie für seine Interessen auch benutzte.

Er verstand besser als viele seiner Zeitgenossen, dass die Konflikte um Rom, Konstantinopel, die Ukraine und die griechisch-katholischen Kirchen Teil einer größeren Frage waren: Wer bestimmt im 21. Jahrhundert die Gestalt der Weltorthodoxie und ihre Beziehungen zur zahlenübermäßigen katholischen Weltkirche?

Diese Frage bildet den Hintergrund seines gesamten kirchenpolitischen Wirkens.

V. Kirche, Staat, Putin, Russkij Mir und die KGB/FSB-Frage
Hilarion an der Schnittstelle von Orthodoxie, Macht und Geopolitik

1. Die russische Tradition von Kirche und Staat
Um Metropolit Hilarions Aufstieg und späteren Fall angemessen zu verstehen, genügt es nicht, ihn ausschließlich als Theologen, Ökumeniker oder Kirchenpolitiker zu betrachten. Seine Biografie ist untrennbar mit einer Grundkonstante der russischen Geschichte verbunden: dem Verhältnis von Kirche und Staat.

Seit Peter dem Großen war die Russische Kirche eng in die staatliche Ordnung eingebunden. I, Synod gab es den staatlichen Ober-Prokurator. Mit der Abschaffung des Patriarchates im Jahr 1721 und der Errichtung des Heiligen Synods wurde die Kirche faktisch Teil des staatlichen Verwaltungsapparates. Der Zar galt als oberster Beschützer der Kirche, während diese im Gegenzug die religiöse Legitimation des Staates stärkte.⁷⁵

Diese Tradition verschwand auch in der Sowjetzeit nicht vollständig. Zwar erlitt die Kirche unter Lenin und Stalin schwere Verfolgungen, doch spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich eine Form kontrollierter Kooperation zwischen Teilen der Kirchenleitung und staatlichen Stellen. Die internationale Tätigkeit der Russischen Orthodoxen Kirche wurde vom sowjetischen Staat aufmerksam beobachtet und gelenkt.⁷⁶

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstand schließlich unter Patriarch Aleksij II. und insbesondere unter dem Metropolit Kyrill, damals als Leiter des Außenamtes, und dann noch verstärkt unter ihm als Patriarch Kyrill, eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat. Viele Historiker sprechen von einer postsowjetischen „Symphonia“, in der Kirche und politische Führung gemeinsame kulturelle und gesellschaftliche Ziele verfolgen.⁷⁷

2. Das Außenamt als Schnittstelle von Kirche und Politik
Besondere Bedeutung kommt in dieser postsowjetischen „Symphonia“ dem Außenamt des Moskauer Patriarchats zu. Seit den Zeiten Metropolit Nikodims galt es als die wichtigste Kontaktstelle zwischen Kirche, Staat und internationaler Diplomatie. Hier liefen ökumenische Beziehungen, Kontakte zu Regierungen, internationale kirchliche Projekte und außenpolitisch relevante Themen zusammen.⁷⁸

Als Hilarion 2009 die Leitung dieses Amtes übernahm, trat er damit in eine Institution ein, die historisch weit über den rein kirchlichen Bereich hinausreichte. Viele westliche Beobachter betrachteten das Außenamt deshalb nicht nur als ökumenische Behörde, sondern zugleich als Instrument russischer „Soft Power“. Diese Sichtweise ist zwar umstritten, verdeutlicht jedoch die politische Bedeutung der Position, die Hilarion innehatte.⁷⁹

3. Die KGB- und FSB-Frage
Kaum ein Thema wird im Zusammenhang mit Hilarion so kontrovers diskutiert wie die Frage möglicher Verbindungen zu sowjetischen oder russischen Sicherheitsdiensten.

Seit den 1990er Jahren haben Historiker, aufgrund von Archivmaterialien, nachgewiesen, dass einzelne Vertreter der sowjetischen Kirchendiplomatie Kontakte zum KGB unterhielten. Für verschiedene Hierarchen konnten entsprechende Verbindungen dokumentiert werden.⁸⁰

Für Hilarion selbst sind noch keine Dokumente veröffentlicht, welche eine persönliche Tätigkeit für den KGB oder später für den FSB belegen würden. Gleichwohl bewegte sich Hilarion während seiner gesamten Laufbahn innerhalb jenes kirchenpolitischen Milieus, das traditionell besonders eng mit den außenpolitischen Interessen des Staates verbunden war.

Historisch feststellbar sind kometenhafter Aufstieg und seine langjährige kirchenpolitische Tätigkeit im Außenamt, seine Nähe zum national-politischen Patriarch Kyrill, seine intensive internationale Reisetätigkeit, seine Bedeutung für die kulturelle Außenwirkung Russlands, seine hervorragenden Kontakte zu kirchlichen und politischen Entscheidungsträgern. - Alles Weitere bleibt Spekulation.

4. Hilarion und das System Putin
Mit dem Amtsantritt Wladimir Putins veränderte sich die Rolle der Russischen Orthodoxen Kirche nochmals grundlegend. Die Kirche wurde zunehmend zu einem Träger nationaler Identität und zu einem wichtigen Instrument kultureller Außenpolitik.⁸¹ Hilarion spielte hierbei immer eine besondere Rolle. Durch seine Sprachkenntnisse, seine internationale Reputation und seine ökumenischen Kontakte wurde er zu einem der wichtigsten kirchlichen Repräsentanten Russlands im Ausland. Seine Stellungnahmen zu Familie, Religionsfreiheit, Lebensschutz und traditionellen Werten deckten sich häufig mit den kulturpolitischen Leitlinien des Kremls. Westliche Beobachter bezeichneten ihn deshalb wiederholt als eine Art „kirchlichen Außenminister Russlands“.⁸²

Dabei muss jedoch zwischen tatsächlicher politischer Steuerung und inhaltlicher Nähe unterschieden werden. Hilarion war zwar ein Kirchenmann. Zugleich bewegte er sich in einem Umfeld, in dem kirchliche und staatliche Interessen vielfach parallel bzw. vermischt verliefen.

5. Die Ideologie der „Russischen Welt“ (Русский мир)
Seit den 2000er Jahren gewann innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche die Idee der „Russischen Welt“ zunehmend an Bedeutung. Ursprünglich bezeichnete dieser Begriff einen gemeinsamen kulturellen und geistlichen Raum, der Russland, Belarus, die Ukraine und die russische Diaspora verbindet.⁸³

Unter Patriarch Kyrill entwickelte sich daraus eine umfassendere Vision. Die Russische Orthodoxe Kirche verstand sich zunehmend als geistliches Zentrum einer eigenen Zivilisation, die sich bewusst von den kulturellen Entwicklungen des Westens unterscheiden sollte.

Hilarion gehörte zu den wichtigsten internationalen Vermittlern dieser Vorstellung.

Anders als manche politischen Ideologen formulierte er diese Gedanken meist zurückhaltender und theologisch differenzierter. Gleichwohl finden sich in seinen Reden zahlreiche Hinweise auf eine gemeinsame geistige Tradition der ostslawischen Völker und auf die besondere Rolle Russlands in der christlichen Geschichte Europas.⁸⁴

6. Die Ukraine als Schlüsselkonflikt
Gerade in der Ukraine-Frage wurde sichtbar, wie eng Theologie, Geschichte und Politik miteinander verbunden waren. Für Moskau bedeutete die Ukraine weit mehr als ein kirchenrechtliches Territorium.

Sie galt als Wiege der Taufe der Rus' und damit als Ursprung der gesamten ostslawischen Orthodoxie.⁸⁵ 

Die Gewährung der Autokephalie an die Orthodoxe Kirche der Ukraine durch Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel wurde deshalb nicht nur als kirchliche Entscheidung, sondern als kirchenpolitische Einmischung wahrgenommen. Sie stellte zugleich ein historisches Narrativ in Frage, das für das Selbstverständnis des Moskauer Patriarchats von zentraler Bedeutung war: „Patriarch von Moskau und der ganzen Rus’“ (Патриарх Московский и всея Руси).

Hilarion wurde zum wichtigsten internationalen Verteidiger dieser russischen Sichtweise.

7. Der Krieg von 2022
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 veränderte sich die Situation grundlegend. Patriarch Kyrill unterstützte die russische Führung in mehreren öffentlichen Stellungnahmen und deutete den Konflikt teilweise in religiösen Kategorien.⁸⁶ Bemerkenswert war dagegen die Zurückhaltung Hilarions.

Während andere Kirchenvertreter die offizielle Linie offen unterstützten, vermied Hilarion weitgehend ideologische Rechtfertigungen des Krieges.

Mehrere Beobachter sehen hierin einen möglichen Hinweis auf Spannungen innerhalb der Kirchenführung. Eindeutige Beweise dafür existieren jedoch nicht.⁸⁷ Historisch feststellbar bleibt lediglich, dass Hilarion wenige Monate nach Kriegsbeginn seine zentrale Stellung verlor.

8. Die Auszeichnung durch Putin
Besondere Aufmerksamkeit verdient jedoch ein Vorgang, der in westlichen Darstellungen häufig übersehen wird: Nur wenige Wochen vor seiner kirchlichen Abberufung erhielt Hilarion von Präsident Wladimir Putin den „Orden des heiligen Alexander Newski“, eine der angesehensten staatlichen Auszeichnungen der Russischen Föderation.⁸⁸ Diese Ehrung war keineswegs ein Einzelfall, sondern bildete den Höhepunkt einer über Jahre gewachsenen staatlichen Anerkennung seiner kirchendiplomatischen Tätigkeit. Tatsächlich war dies bereits die dritte bedeutende staatliche Auszeichnung, die Hilarion unmittelbar aus den Händen Putins beziehungsweise auf dessen Erlass hin erhielt: 1) den „Orden der Freundschaft“ (20. Juni 2011), 2) den „Orden der Ehre“ (17. Mai 2016) und 3) den „Orden des heiligen Alexander Newski“ (18. Mai 2021). Nach russischen Maßstäben markieren diese drei Orden eine außergewöhnliche staatliche Wertschätzung und spiegeln zugleich Hilarions Aufstieg zum wichtigsten kirchlichen Außenpolitiker des Moskauer Patriarchats wider.

Die zeitliche Abfolge ist dabei aufschlussreich. Der Orden der Freundschaft würdigte seine Verdienste um die Entwicklung internationaler Beziehungen und den kulturellen Austausch. Mit dem Orden der Ehre wurde sein Beitrag zu Kultur, Wissenschaft, Bildung und gesellschaftlichem Dialog anerkannt. Der Alexander-Newski-Orden schließlich, der traditionell Persönlichkeiten verliehen wird, die sich in besonderer Weise um Staat, Gesellschaft und internationale Beziehungen verdient gemacht haben, stellte die höchste Stufe dieser staatlichen Anerkennung dar. Darüber hinaus erhielt Hilarion 2021 vom Außenministerium der Russischen Föderation das Ehrenabzeichen „Für Zusammenarbeit“ (За взаимодействие), eine weitere Auszeichnung für seine Rolle im Bereich der internationalen und kirchlichen Diplomatie. Die Auszeichnung würdigte ausdrücklich seine Verdienste um Kultur, internationale Beziehungen und den Dialog zwischen Kirche und Staat beziehungsweise Gesellschaft.

Historisch ist dies bemerkenswert. Denn während sein Einfluss innerhalb der Kirchenleitung bereits sichtbar zurückging, erhielt er gleichzeitig höchste Anerkennung von staatlicher Seite. Die Parallelität dieser Entwicklungen legt nahe, dass die politische Führung Russlands seine Tätigkeit anders bewertete als manche Kreise innerhalb des Moskauer Patriarchats.

Viele Beobachter sehen darin einen Hinweis darauf, dass Hilarion innerhalb der politischen Führung weiterhin großes Ansehen genoss und wahrscheinlich bis heute genießt. Die Abfolge der staatlichen Ehrungen lässt jedenfalls erkennen, dass er in den Jahren seiner Leitung des Außenamtes nicht nur als bedeutender Kirchenmann, sondern auch als wichtiger Vermittler russischer Interessen im internationalen religiösen und kulturellen Raum wahrgenommen wurde. Vor diesem Hintergrund erscheint seine spätere Versetzung nach Budapest weniger als ein vollständiger politischer Bedeutungsverlust, sondern eher als eine Veränderung seiner kirchlichen Funktion, während sein Prestige im staatlichen Umfeld offenbar weitgehend erhalten blieb.⁸⁸

9. Der politische Schutzschirm
Noch bemerkenswerter erscheint die Entwicklung nach seinem Sturz. Trotz aller Affären und Degradierungen wurde Hilarion nie vollständig aus dem kirchlichen System entfernt.

Nach Budapest folgten Karlsbad, ein Luxus-Exil und schließlich Südamerika.

Doch niemals kam es zu einer Suspendierung vom Bischofsamt, zu einer Laisierung oder zu einem formalen kanonischen Verfahren.⁸⁹ Dies hat verschiedentlich die Frage aufgeworfen, ob Hilarion weiterhin über einflussreiche Unterstützer innerhalb des kirchlichen oder staatlichen Apparates verfügte.

Gesicherte Beweise dafür existieren nicht. Historisch feststellbar bleibt jedoch, dass seine Behandlung, trotz der gegen ihn vorliegenden Fakten, vergleichsweise milde ausfiel.

10. „Einmal KGB – immer KGB“?
In politischen Kommentaren begegnet man gelegentlich der Formel: „Einmal KGB – immer KGB.“

Als historische Aussage ist dieser Satz so nicht haltbar.⁹⁰ Er verweist jedoch auf eine weit verbreitete Wahrnehmung von Fakten, dass Netzwerke, Loyalitäten und persönliche Beziehungen aus sowjetischer Zeit bis in die Gegenwart hineinwirken.

Für Hilarion lässt sich lediglich feststellen: Sein Niedergang war real. Seine Karriere wurde „vorerst“ beendet. Sein Einfluss verschwand. Seine Person wurde jedoch nie vollständig aus dem System ausgeschlossen.

Gerade diese Ambivalenz macht seine Biografie für Historiker so interessant. Sie verweist auf die enge Verflechtung von Kirche, Staat, Diplomatie und Macht im Russland des frühen 21. Jahrhunderts.

Weiterlesen in Teil 2: siehe Link.


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