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Metropolit Hilarion (Alfejew) – Aufstieg und Fall eines russischen Kirchendiplomaten (Teil 2)vor 27 Stunden in Chronik, 1 Lesermeinung Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden
Von der ökumenischen Hoffnungsgestalt zum Protagonisten der orthodoxen Krise – „Für viele Beobachter war aus dem vermeintlichen Brückenbauer ein aggressiver Protagonist der Spaltung geworden.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Eichstätt (kath.net) Teil 1 dieses Beitrags: siehe Link.
VI. Der Fall Hilarion (2022–2026)
Budapest, Suzuki, Karlsbad und Brasilien
1. Der überraschende Bruch von 2022
Als Metropolit Hilarion am 7. Juni 2022 als Vorsitzender des Außenamtes des Moskauer Patriarchats abgelöst wurde, kam dies für viele Beobachter überraschend. Über dreizehn Jahre hatte er die Außenbeziehungen der Russischen Orthodoxen Kirche geprägt. Er gehörte dem Heiligen Synod an, verfügte über ausgezeichnete internationale Kontakte und galt noch wenige Jahre zuvor als möglicher Nachfolger Patriarch Kyrills.⁹¹
Offiziell wurde seine Absetzung lediglich als gewöhnliche Versetzung dargestellt. Hilarion wurde zum Metropoliten von Budapest und Ungarn ernannt. Eine ausdrückliche Begründung veröffentlichte das Moskauer Patriarchat nicht.⁹²
Gerade diese Sprachlosigkeit führte zu zahlreichen Spekulationen. Die zeitliche Nähe zum Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine war unübersehbar. Manche Beobachter vermuteten Meinungsverschiedenheiten über die internationale Strategie der Kirche, andere sprachen von Machtverschiebungen innerhalb des Patriarchats. Wieder andere hielten die Versetzung für einen Versuch, die Außenpolitik der Kirche stärker an die Linie der politischen Führung anzupassen.⁹³
Gesicherte Beweise existieren bis heute nicht. Historisch feststellbar bleibt lediglich, dass Hilarion innerhalb weniger Tage seine zentrale Machtposition verlor.
2. Budapest – ehrenvolle Verbannung oder kontrollierter Rückzug?
Die Ernennung nach Budapest wurde von einigen Beobachtern als deutliche Degradierung verstanden. Zwar besaß die russisch-orthodoxe Metropolie in Ungarn historische Bedeutung. Zudem verfügte die Russische Orthodoxe Kirche dort über gute Beziehungen zur Regierung Viktor Orbáns.⁹⁴
Der Unterschied zwischen beiden Ämtern war jedoch offensichtlich. Der Leiter des Außenamtes verhandelt mit Päpsten, Patriarchen, Staatspräsidenten und internationalen Organisationen. Der Metropolit von Budapest leitet eine kleine regionale Kirchenstruktur.
Daher wurde die Versetzung vielfach als „ehrenvolle Verbannung“ bezeichnet. Hilarion selbst vermied jede öffentliche Kritik. In Interviews und Stellungnahmen bekannte er sich weiterhin zur Loyalität gegenüber Patriarch Kirill und dem Heiligen Synod. Gerade diese Loyalität sollte sein gesamtes späteres Verhalten prägen.
3. Die Jahre in Ungarn
In Budapest führte Hilarion zunächst ein ruhiges kirchliches Leben. Er widmete sich liturgischen Aufgaben, wissenschaftlicher Arbeit, Vorträgen, musikalischen Projekten, Kontakten zur ungarischen Gesellschaft. Mehrfach trat er bei kulturellen Veranstaltungen auf und veröffentlichte weiterhin wissenschaftliche Arbeiten.⁹⁵
Manche Beobachter sahen darin den Versuch, eine zweite Karriere als Theologe und Kulturträger aufzubauen. Doch diese Phase sollte nicht lange dauern.
4. Die Affäre Georgij Suzuki
Der eigentliche Wendepunkt erfolgte im Sommer 2024. Ausgelöst wurde die Krise durch den ehemaligen Subdiakon und Mitarbeiter Georgij Suzuki. Dieser erhob öffentlich schwerwiegende Vorwürfe gegen den Metropoliten und veröffentlichte Tonbildaufnahmen, Fotografien, Nachrichten und weitere Materialien.⁹⁶
Die Vorwürfe betrafen persönliche Beziehungen, finanzielle Angelegenheiten, Fragen des Lebensstils, den Umgang mit kirchlichem Vermögen. Die Affäre entwickelte sich rasch zu einem internationalen Medienthema.
5. Die Ton-/Bildaufnahmen und ihre Wirkung
Besondere Aufmerksamkeit erregten die veröffentlichten, kompromittierenden Audioaufnahmen. Deren Authentizität blieb teilweise umstritten, doch sie wurden in kirchlichen und medialen Kreisen intensiv diskutiert.⁹⁷
Mehrere Mitschnitte enthielten Aussagen, die Hilarion zugeschrieben wurden und ein bemerkenswert kritisches Licht auf die Verhältnisse innerhalb des Moskauer Patriarchats warfen.
Besonders aufsehenerregend waren angebliche Bemerkungen über den Lebensstil führender Hierarchen, luxuriöse Wohnverhältnisse, wirtschaftliche Netzwerke, die Diskrepanz zwischen monastischem Ideal und kirchlicher Realität.
Einige Medien interpretierten diese Aussagen als indirekte Kritik an Patriarch Kirill selbst. Andere warnten vor Überinterpretationen, da Kontext und Vollständigkeit der Aufnahmen nicht eindeutig gesichert waren.⁹⁸
Unabhängig von ihrem tatsächlichen Inhalt hatten die Veröffentlichungen erhebliche Folgen. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche sah sich ein Hierarch von internationalem Rang mit einer öffentlich ausgetragenen Affäre dieser Größenordnung konfrontiert.
6. Hilarions Verteidigung
Hilarion wies sämtliche Vorwürfe entschieden zurück. Er sprach von Erpressung, Verleumdung, Manipulation und einer gezielten Kampagne gegen seine Person.⁹⁹ Nach seiner Darstellung habe Suzuki versucht, finanziellen Druck auf ihn auszuüben. Unabhängig von der tatsächlichen Schuldfrage war der Schaden jedoch erheblich.
Denn die Affäre traf einen Kirchenmann, dessen öffentliche Autorität jahrzehntelang wesentlich auf moralischer Glaubwürdigkeit, theologischer Kompetenz und persönlicher Integrität beruht hatte.
7. Die Reaktion des Moskauer Patriarchats
Bemerkenswert war die Reaktion des Moskauer Patriarchats. Während die Russische Orthodoxe Kirche in vergleichbaren Situationen häufig zurückhaltend agierte, verlor Hilarion innerhalb kurzer Zeit seine Position in Budapest.¹⁰⁰ Zugleich wurde eine interne Untersuchung eingeleitet. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden jedoch nie vollständig veröffentlicht.
Bis heute bleibt unklar: welche der Vorwürfe tatsächlich untersucht wurden, welche Erkenntnisse vorlagen, welche Schlussfolgerungen gezogen wurden. Gerade diese Intransparenz hat zahlreiche Spekulationen ausgelöst. Einige Beobachter vermuteten, die eigentliche Problematik habe weniger in den persönlichen Vorwürfen, hinsichtlich moralischer Verfehlungen, gelegen (solche gab es schon bei mehreren Bischöfen, ohne Konsequenzen), als vielmehr in den öffentlich gewordenen Aussagen über innerkirchliche Verhältnisse bzw. über den Patriarchen.
8. Karlsbad – das Ende der großen Bühne
Am 27. Dezember 2024 wurde Hilarion der russisch-orthodoxen Gemeinde der heiligen Apostel Petrus und Paulus in Karlsbad (Karlovy Vary) zugewiesen.¹⁰¹ Kirchenpolitisch bedeutete dies eine weitere komfortable Degradierung.
Noch wenige Jahre zuvor hatte er: Papst Franziskus getroffen, Kardinal Koch beraten, Patriarch Bartholomaios herausgefordert, internationale Konferenzen als moralischer Zeigefinger geprägt.
Nun wirkte er in einer einzelnen Gemeinde fernab der großen kirchlichen Zentren. Viele Beobachter sprachen jetzt offen vom Ende seiner internationalen Karriere.
9. Die tschechischen Kontroversen
Auch in Tschechien kehrte um ihn keine Ruhe ein. Mehrere Medien berichteten 2025 über mutmaßliche Kontakte russischer kirchlicher Kreise zu politischen und nachrichtendienstlichen Netzwerken.¹⁰²
Konkrete Beweise gegen Hilarion wurden nicht veröffentlicht. Dennoch verschlechterte sich das öffentliche Klima erheblich.
Gerade nach dem Ukrainekrieg wurden russische Institutionen in Mittel- und Osteuropa zunehmend mit Misstrauen betrachtet. Hilarion, der immer wieder nicht gerade durch Bescheidenheit auffiel, geriet dadurch erneut in den Fokus politischer Debatten.
10. Die Affäre vom Mai 2026
Am 24. Mai 2026 kam es zu einem weiteren dramatischen Ereignis. Tschechische Polizeibehörden kontrollierten Hilarions Fahrzeug und fanden Behälter mit einer weißen Substanz. Erste Medienberichte sprachen von Kokain oder anderen Betäubungsmitteln.¹⁰³ Die Nachricht verbreitete sich innerhalb weniger Stunden weltweit. Hilarion erklärte umgehend, die Substanz sei ihm untergeschoben worden. Er sprach von einer gezielten Provokation und bestritt jede Verantwortung. 
11. Die Unschuldsvermutung
Hier ist aus wissenschaftlicher Sicht größte Zurückhaltung geboten. Denn entscheidend bleibt: Es erfolgte keine Anklage. Es wurde keine Untersuchungshaft verhängt. Hilarion, der einen Diplomatenstatus hatte, wurde freigelassen. Es existiert keine rechtskräftige Verurteilung.¹⁰⁴ Historisch lässt sich gegenwärtig lediglich die Existenz des Vorfalls feststellen. Eine Schuld Hilarions kann daraus nicht abgeleitet werden.
12. Die Versetzung nach Brasilien
Wenige Tage später erfolgte die nächste überraschende Entscheidung. Am 3. Juni 2026 verfügte Patriarch Kyrill die Versetzung Hilarions in die Argentinisch-Südamerikanische Diözese des Moskauer Patriarchats.¹⁰⁵ Er kam damit jeder öffentlichen Diskussion in Tschechien über die „Causa Hilarion“ zuvor. Sein neuer Wirkungsbereich umfasst jetzt insbesondere russisch-orthodoxe Gemeinden in Brasilien. Offiziell hieß es, dass er seinen bisherigen Dienst „unter den gegenwärtigen Umständen“ nicht weiter ausüben könne.
Praktisch bedeutete dies die endgültige Entfernung aus den kirchlichen Machtzentren Europas.
13. Historische Bewertung
Der Fall Hilarion gehört zu den bemerkenswertesten Biografien der jüngeren russisch-orthodoxen Kirchengeschichte. Innerhalb weniger Jahre wandelte sich seine Stellung von einem ständigen Mitglied des Heiligen Synods, dem Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, dem wichtigsten orthodoxen Gesprächspartner Roms und einem möglichen Patriarchatskandidaten zu einem Hierarchen, der gegenwärtig keinen nennenswerten Einfluss mehr auf die internationale Kirchenpolitik ausübt. Ein vergleichbarer Absturz ist in der neueren Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche selten. Gleichwohl wäre es verfrüht, sein Wirken bereits endgültig historisch abzuschließen. Manche Beobachter halten eine spätere Rückkehr in verantwortliche Aufgaben nicht grundsätzlich für ausgeschlossen und sprechen von der Möglichkeit einer Wiederkehr „wie Phoenix aus der Asche“.¹⁰⁶
14. Das bleibende Vermächtnis
Trotz aller Kontroversen bleibt Hilarions wissenschaftliche Bedeutung unbestritten. Seine Arbeiten über den hl. Isaak den Syrer, die orthodoxe Dogmatik, Liturgie und Spiritualität, die Kirchenväter sowie den katholisch-orthodoxen Dialog werden weiterhin an orthodoxen und katholischen Fakultäten rezipiert.¹⁰⁷
Gerade hierin liegt die eigentliche Ambivalenz seines Erbes: Der Kirchenpolitiker ist gestürzt, der Theologe bleibt. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen haben längst eine Eigenständigkeit gewonnen, die von den wechselnden politischen und kirchlichen Konstellationen unabhängig geworden ist.
VII. Gesamtsynthese und historische Bewertung
Metropolit Hilarion als Spiegelbild der orthodoxen und ökumenischen Krise des frühen 21. Jahrhunderts
1. Eine außergewöhnliche Biografie
Die Biografie Metropolit Hilarions gehört zu den bemerkenswertesten kirchlichen Lebenswegen der Gegenwart. Kaum ein anderer orthodoxer Hierarch vereinte in seiner Person eine vergleichbare Fülle von Begabungen, Möglichkeiten und Einfluss. Über viele Jahre galt er als die intellektuelle Stimme der Russischen Orthodoxen Kirche und als ihr wichtigster Repräsentant gegenüber Rom, den internationalen ökumenischen Organisationen und den politischen Institutionen Europas.¹⁰⁸
Sein Aufstieg fiel in eine Epoche tiefgreifender Veränderungen. Nach dem Ende der Sowjetunion suchte die Russische Orthodoxe Kirche ihren Platz in der Welt neu zu bestimmen. Während andere orthodoxe Kirchen vor allem regional wirkten, verfügte Moskau über demographische Stärke, politische Unterstützung und wachsende internationale Präsenz. Hilarion verkörperte diesen neuen Anspruch in nahezu idealer Weise.
Er beherrschte die Sprache der modernen Diplomatie ebenso wie die Sprache der Tradition. Er konnte mit Kardinälen, Professoren, Staatspräsidenten und Patriarchen gleichermaßen kommunizieren. Seine wissenschaftlichen Arbeiten verschafften ihm internationale Anerkennung über die Grenzen seiner eigenen Kirche hinaus.
2. Der Architekt einer neuen Moskauer Ökumene
Historisch liegt seine größte Bedeutung zweifellos im Bereich der Ökumene. Hilarion entwickelte eine Form ökumenischer Diplomatie und baute sie aus, die sein Mentor und Vorgänger im Außenamt, der derzeitige Patriarch Kyrill vorbereitet hat. Sie unterschied sich deutlich von den klassischen Modellen der Ökumene des 20. Jahrhunderts.
Ihr Ziel war weniger die gemeinsame theologische Zusammenarbeit um die Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft als vielmehr die Bildung einer strategischen Allianz zwischen Moskau und den traditionellen Kirchen Europas. Er setzte dabei bei gemeinsamen Herausforderungen an: Christenverfolgung, Religionsfreiheit, Schutz des menschlichen Lebens, Familie, kulturelle Identität Europas und Widerstand gegen die Säkularisierung.¹⁰⁹
Gerade dadurch gelang es ihm, im Vatikan über viele Jahre erhebliches Vertrauen zu gewinnen. Das Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Havanna 2016 stellt den sichtbarsten Erfolg dieser Strategie dar. Es war der Höhepunkt seiner kirchendiplomatischen Laufbahn und zugleich der sichtbarste Ausdruck jener Moskauer Ökumene, die er über Jahre hinweg aufgebaut hatte.¹¹⁰ Bezeichnenderweise fand das Treffen im Flughafen statt. Weder ein gemeinsames Kreuzzeichen noch ein „Vaterunser“ war möglich! Es war Politik, die zeigen sollte: Nicht nur mit dem Patriarchen von Konstantinopel trifft sich der Papst, sondern auch mit dem Patriarchen von Moskau, den der Papst um dieses Treffen schier „gebettelt“ hat.
3. Der Diplomat und der Machtpolitiker
Doch dieselben Eigenschaften, die seinen Aufstieg ermöglichten, trugen später zu seinem Niedergang bei. Denn Hilarions ökumenisches Wirken war stets eng mit den Interessen des Moskauer Patriarchats verbunden. Je stärker sich die Spannungen zwischen Moskau und Konstantinopel verschärften, desto stärker trat der Diplomat hinter dem Kirchenpolitiker zurück.
Die Ukraine-Krise von 2018 markierte den entscheidenden Wendepunkt. Aus dem Vermittler wurde zunehmend der Verteidiger einer bestimmten kirchenpolitischen Position. Seine scharfen Angriffe auf Patriarch Bartholomaios, seine Kritik an der Autokephalie der Orthodoxen Kirche der Ukraine und seine Unterstützung der Moskauer Maßnahmen gegenüber Griechenland, Zypern und Alexandrien veränderten seine Wahrnehmung grundlegend.¹¹¹
Für viele Beobachter war aus dem vermeintlichen Brückenbauer ein aggressiver Protagonist der Spaltung geworden.
4. Die Tragik Hilarions
Gerade hierin liegt die eigentliche Tragik seiner Biografie. Hilarion besaß alle Voraussetzungen und Fähigkeiten, um einer der bedeutendsten Vermittler zwischen Ost und West zu werden.
Doch dieselben Fähigkeiten machten ihn zugleich zu einem Akteur jener Konflikte, die die orthodoxe Welt bis heute spalten und prägen. Er wurde Teil eines Machtkampfes um den innerorthodoxen Primat, Synodalität, Autokephalie, die Ukraine und die Stellung Moskaus in der Weltorthodoxie.¹¹²
Damit wurde seine Person selbst zum Spiegelbild dieser orthodoxen Krise.
5. Kirche, Staat und die Frage der Macht
Besonders bemerkenswert erscheint die Rolle Hilarions an der Schnittstelle von Kirche und Staat. Seine gesamte Karriere spielte sich in jenem Bereich des Moskauer Patriarchats ab, der traditionell die engsten Verbindungen zur Außenpolitik Russlands besaß.
Obwohl keine belastbaren Beweise für persönliche Beziehungen zum KGB oder FSB vorliegen, bewegte sich Hilarion über Jahrzehnte innerhalb eines Systems, in dem kirchliche Diplomatie und staatliche Interessen eng miteinander verflochten waren. Ohne das absolute Vertrauen dieses Systems wäre sein Aufstieg bis in den Rang eines Metropoliten und Vorsitzenden des Außenamtes kaum denkbar gewesen.¹¹³
In diesem Zusammenhang erscheint die Verleihung des Ordens der Freundschaft durch Präsident Putin im Frühjahr 2022 historisch bedeutsam. Sie dokumentiert die hohe Wertschätzung, die Hilarion innerhalb der politischen Führung genoss.¹¹⁴
Ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, dass er trotz seines Absturzes niemals vollständig aus dem kirchlichen System ausgeschlossen wurde. Hier zeigt sich jene Ambivalenz, die seine gesamte Biografie prägt: Der Aufstieg war außerordentlich. Der Fall war dramatisch. Die völlige Vernichtung der Karriere blieb aus. Sein kirchengeschichtlicher Weg ist möglicherweise noch lange nicht abgeschlossen.¹¹⁵
6. Schlussbetrachtung
Historisch erscheint Metropolit Hilarion heute als Symbolfigur einer ganzen Epoche: einer Zeit großer ökumenischer Hoffnungen, wachsender kirchlicher Globalisierung, neuer orthodoxer Selbstbehauptung, aber auch tiefgreifender innerkirchlicher Konflikte.¹¹⁶
Sein Name wird auch künftig – unabhängig von der Bewertung seiner persönlichen Lebensführung oder seiner kirchenpolitischen Entscheidungen – untrennbar mit der Geschichte der Orthodoxie und des katholisch-orthodoxen Dialogs im frühen 21. Jahrhundert verbunden bleiben.
Er verkörperte Hoffnungen, Erfolge, Widersprüche und Krisen der Russischen Orthodoxen Kirche in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche. Vielleicht liegt gerade darin seine bleibende historische Bedeutung.¹¹⁷
Ob die Geschichte ihn letztlich als gescheiterten Kirchenpolitiker, als bedeutenden Theologen oder als tragische Gestalt zwischen Ökumene, Kirchenpolitik und Geopolitik erinnern wird, bleibt zukünftigen Historikern überlassen. Sicher ist jedoch, dass sein Name auch künftig zu den prägenden Persönlichkeiten der orthodoxen Kirchengeschichte des 21. Jahrhunderts zählen wird.¹¹⁸
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Endnoten
¹ Thomas Bremer, Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg i. Br. 2022, S. 225–233.
² Regina Elsner, Orthodoxe Kirche und autoritäre Politik. Religion, Macht und Gesellschaft im Russland Putins, Münster 2024, S. 15–39.
³ Cyril Hovorun, Political Orthodoxies. The Unorthodoxies of the Church Coerced, Minneapolis 2018, S. 1–24.
⁴ Paul Valliere, Modern Russian Theology. Bukharev, Soloviev, Bulgakov. Orthodox Theology in a New Key, Grand Rapids 2000, S. 382–384.
⁵ Nicholas V. Riasanovsky / Mark D. Steinberg, A History of Russia, 9. Aufl., Oxford 2018, S. 626–628.
⁶ Hilarion Alfeyev, Music as Theology. Spiritual and Cultural Dimensions of Sacred Music, Moskau 2011, S. 9–35.
⁷ Thomas Bremer, „Die Russische Orthodoxe Kirche nach 1991“, in: Stimmen der Zeit 232 (2014), S. 579–592.
⁸ Ebd.
⁹ Hilarion Alfeyev, The Spiritual World of Isaac the Syrian, Kalamazoo 2000, S. 1–28.
¹⁰ Ebd.
¹¹ Sebastian Brock, The Syriac Fathers on Prayer and the Spiritual Life, Kalamazoo 1987.
¹² Kallistos Ware, Vorwort zu: Hilarion Alfeyev, The Spiritual World of Isaac the Syrian, Kalamazoo 2000, S. IX–XIII.
¹³ Antoine Arjakovsky, Qu’est-ce que l’orthodoxie?, Paris 2013, S. 245–263.
¹⁴ Hilarion Alfeyev, The Spiritual World of Isaac the Syrian, Kalamazoo 2000.
¹⁵ Hilarion Alfeyev, Orthodox Christianity, Bd. I–V, Yonkers (NY) 2011–2014.
¹⁶ OrthodoxWiki, „Hilarion (Alfeyev) of Volokolamsk“; Andrew Chandler, Metropolitan Anthony Bloom and the Diocese of Sourozh, Oxford 2016.
¹⁷ OrthodoxWiki, „Diocese of Sourozh“; Andrew Chandler, a.a.O.
¹⁸ Ebd.
¹⁹ Diocese of Sourozh Archives; OrthodoxWiki, a.a.O.
²⁰ Andrew Chandler, Metropolitan Anthony Bloom and the Diocese of Sourozh, Oxford 2016, S. 201–223.
²¹ Russisch-Orthodoxe Kirche, Journal des Heiligen Synods vom 7. Mai 2003.
²² Stiftung Pro Oriente, Wien, Jahresberichte 2003–2009.
²³ Hyacinthe Destivelle OP, Le Saint-Siège et l’Église russe, Paris 2017, S. 145–172.
²⁴ Ökumenischer Rat der Kirchen, Biographische Notiz zu Bischof Hilarion Alfeyev, Genf 2009.
²⁵ Hilarion Alfeyev, Orthodoxy and the Future of Europe, Moskau 2008.
²⁶ Joint International Commission for Theological Dialogue between the Roman Catholic Church and the Orthodox Church, Ravenna Document, Ravenna 2007.
²⁷ Ebd., Nr. 41–45.
²⁸ Thomas Bremer, Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 178–181.
²⁹ Russisch-Orthodoxe Kirche, Journal des Heiligen Synods, 31. März 2009.
³⁰ Hyacinthe Destivelle OP, a.a.O., S. 145–172.
³¹ Cyril Hovorun, Political Orthodoxies, S. 95–103.
³² Walter Kasper, Die Früchte ernten, Paderborn 2011, S. 187–201.
³³ Kristina Stoeckl / Dmitry Uzlaner, The Moralist International, New York 2022.
³⁴ Hilarion Alfeyev, Reden zur Lage der Christen im Nahen Osten, Moskau 2013–2018.
³⁵ Kurt Koch, Dass alle eins seien, Freiburg i. Br. 2014, S. 201–220.
³⁶ Hilarion Alfeyev, Orthodox Christianity, Bd. I–V.
³⁷ Hilarion Alfeyev, Music as Theology, Moskau 2011.
³⁸ Stiftung Pro Oriente, Wien; Kardinal Christoph Schönborn, ökumenische Vorträge 2003–2010.
³⁹ Cyril Hovorun, Political Orthodoxies, S. 141–159.
⁴⁰ Regina Elsner, „Die Russische Orthodoxe Kirche nach dem Beginn des Ukrainekrieges“, in: Ostkirchliche Studien 72 (2023), S. 189–206.
⁴¹ Paul L. Gavrilyuk, „Metropolitan Hilarion Alfeyev as Theologian and Churchman“, in: St Vladimir’s Theological Quarterly 58 (2014), S. 201–223.
⁴² John Chryssavgis, The Ecumenical Patriarchate and Orthodox Christianity Today, Notre Dame 2015.
⁴³ Ebd., S. 87–103.
⁴⁴ Moskauer Patriarchat, The Position of the Moscow Patriarchate on the Problem of Primacy in the Universal Church, Moskau 2013.
⁴⁵ Hilarion Alfeyev, Interviews und Stellungnahmen 2018–2021, DECR Documentation Series.
⁴⁶ Pantelis Kalaitzidis (Hg.), The Holy and Great Council of the Orthodox Church, Eugene 2016.
⁴⁷ Hyacinthe Destivelle OP, Le Concile de Crète et l’avenir de l’orthodoxie, Paris 2017.
⁴⁸ Pantelis Kalaitzidis, Orthodox Ecclesiology and the Challenge of Modernity, Genf 2020.
⁴⁹ Nicholas Denysenko, The Orthodox Church in Ukraine, DeKalb 2018.
⁵⁰ Ebd., S. 189–215.
⁵¹ Agenzia SIR, Interview mit Metropolit Hilarion, 19.10.2018.
⁵² John Chryssavgis, „The Ukrainian Question and the Crisis of Orthodoxy“, in: The Wheel 15 (2019), S. 7–21.
⁵³ Ebd.
⁵⁴ Thomas Bremer, „Die orthodoxe Welt nach der Ukraine-Autokephalie“, in: Herder Korrespondenz 73 (2019), H. 11, S. 21–25.
⁵⁵ Pantelis Kalaitzidis, „The Church of Greece and the Ukrainian Question“, in: The Wheel 18 (2020), S. 33–48.
⁵⁶ Cyril Hovorun, Scaffolds of the Church, Eugene 2021, S. 201–219.
⁵⁷ Thomas Bremer, Orthodoxie im Dialog, Freiburg i. Br. 2021, S. 144–159.
⁵⁸ Hyacinthe Destivelle OP, Le Saint-Siège et l’Église russe, Paris 2017.
⁵⁹ Ebd.
⁶⁰ Walter Kasper, Harvesting the Fruits, London 2009.
⁶¹ Walter Kasper, „The Relations between the Catholic Church and the Russian Orthodox Church“, in: Information Service 136 (2010), S. 22–28.
⁶² Ravenna-Dokument 2007.
⁶³ Moskauer Patriarchat, Primatsdokument 2013.
⁶⁴ Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Werte in Zeiten des Umbruchs, Freiburg i. Br. 2005.
⁶⁵ Hilarion Alfeyev, Music as Theology, Moskau 2011.
⁶⁶ Ebd.
⁶⁷ Kurt Koch, Dass alle eins seien, Freiburg i. Br. 2014.
⁶⁸ Hyacinthe Destivelle OP, „La rencontre historique du pape François et du patriarche Cyrille à La Havane“, in: Istina 61 (2016), S. 135–152.
⁶⁹ Papst Franziskus, Ansprache vom 17. Februar 2016, AAS 108 (2016), S. 288–293.
⁷⁰ Franziskus / Kirill, Gemeinsame Erklärung von Havanna, 12. Februar 2016.
⁷¹ Thomas Bremer, „Die griechisch-katholischen Kirchen und der orthodox-katholische Dialog“, in: Una Sancta 71 (2016), S. 241–257.
⁷² Balamand-Dokument, 1993.
⁷³ Thomas Bremer, „Rom, Moskau und die Ukraine“, in: Ostkirchliche Studien 69 (2020), S. 121–147.
⁷⁴ Cyril Hovorun, Political Orthodoxies, S. 141–159.
⁷⁵ Thomas Bremer, Kreuz und Kreml, S. 210–233.
⁷⁶ Geraldine Fagan, Believing in Russia, London 2013.
⁷⁷ Kristina Stoeckl / Dmitry Uzlaner, The Moralist International, New York 2022.
⁷⁸ Hyacinthe Destivelle OP, a.a.O.
⁷⁹ Sergej Chapnin, The Russian Orthodox Church and Civil Society, New York 2021.
⁸⁰ Felix Corley, Religion in the Soviet Union and Russia, London 1996.
⁸¹ Regina Elsner, Orthodoxe Kirche und autoritäre Politik, Münster 2024.
⁸² Kristina Stoeckl, „The Russian Orthodox Church and Human Rights“, in: Religion, State & Society 42 (2014), S. 86–102.
⁸³ Marlene Laruelle, Russian Nationalism, London 2018.
⁸⁴ Kristina Stoeckl, a.a.O.
⁸⁵ Nicholas Denysenko, a.a.O.
⁸⁶ Sergej Chapnin, The Orthodox Church and the War in Ukraine, New York 2023.
⁸⁷ Regina Elsner, „Religion and War“, in: G2W 2023.
⁸⁸ Dekret des Präsidenten der Russischen Föderation über die Verleihung des Ordens der Freundschaft an Metropolit Hilarion, Moskau 2022; vgl. Иларион (Алфеев) — Википедия.
⁸⁹ Regina Elsner, „Kirche und Macht im Russland Putins“, in: Stimmen der Zeit 241 (2023), S. 731–744.
⁹⁰ Cyril Hovorun, „Church Power and Political Loyalty in Contemporary Russia“, in: Religion, State & Society 52 (2024), S. 101–118.
⁹¹ Thomas Bremer, „Die Russische Orthodoxe Kirche im Ukrainekrieg“, in: Herder Korrespondenz 76 (2022), H. 7, S. 13–18.
⁹² Journal des Heiligen Synods, 7. Juni 2022.
⁹³ Cyril Hovorun, „The Russian Orthodox Church after February 2022“, in: Religion, State & Society 51 (2023), S. 77–95.
⁹⁴ András Máté-Tóth, Religion and Politics in Contemporary Hungary, Budapest 2023.
⁹⁵ Orthodox Times, Budapest-Berichte 2022–2024.
⁹⁶ Dokumentation der Affäre Georgij Suzuki, 2024.
⁹⁷ Sergej Chapnin, „The Hilarion Affair and the Crisis of Church Governance“, in: Public Orthodoxy (2024).
⁹⁸ Regina Elsner, „Macht, Transparenz und Loyalität in der Russischen Orthodoxen Kirche“, in: Religion & Gesellschaft in Ost und West 53 (2025), S. 12–18.
⁹⁹ Hilarion (Alfejew), Öffentliche Erklärung, Budapest 2024.
¹⁰⁰ Journal des Heiligen Synods, Dezember 2024.
¹⁰¹ Synodalbeschluss vom 27. Dezember 2024.
¹⁰² The Insider, Berichte 2025.
¹⁰³ The Guardian, Mai 2026.
¹⁰⁴ The Pillar, Juni 2026.
¹⁰⁵ Journal des Heiligen Synods, 3. Juni 2026.
¹⁰⁶ Thomas Bremer, Orthodoxie im Dialog. Entwicklungen und Herausforderungen der Gegenwart, Freiburg i. Br. 2021, S. 144–159; Cyril Hovorun, Political Orthodoxies. The Unorthodoxies of the Church Coerced, Minneapolis 2018, S. 141–159.
¹⁰⁷ Hilarion Alfeyev, The Spiritual World of Isaac the Syrian, Kalamazoo 2000; ders., Orthodox Christianity, Bd. I–V, Yonkers (NY) 2011–2014.
¹⁰⁸ Paul L. Gavrilyuk, „Metropolitan Hilarion Alfeyev as Theologian and Churchman“, in: St Vladimir’s Theological Quarterly 58 (2014), S. 201–223.
¹⁰⁹ Hyacinthe Destivelle OP, „La rencontre historique du pape François et du patriarche Cyrille à La Havane“, in: Istina 61 (2016), S. 135–152.
¹¹⁰ Walter Kasper, Die Früchte ernten. Grundlagen christlichen Glaubens im ökumenischen Dialog, Paderborn 2011, S. 187–201; Kurt Koch, Dass alle eins seien. Ökumenische Perspektiven für das 21. Jahrhundert, Freiburg i. Br. 2014, S. 201–220.
¹¹¹ Franziskus / Kirill, Gemeinsame Erklärung von Havanna, 12. Februar 2016, Nr. 1–30.
¹¹² John Chryssavgis, The Ecumenical Patriarchate and Orthodox Christianity Today, Notre Dame 2015, S. 87–103.
¹¹³ Thomas Bremer, „Die orthodoxe Welt nach der Ukraine-Autokephalie“, in: Herder Korrespondenz 73 (2019), H. 11, S. 21–25; Pantelis Kalaitzidis, Orthodox Ecclesiology and the Challenge of Modernity, Genf 2020, S. 173–198.
¹¹⁴ Thomas Bremer, „Rom, Moskau und die Ukraine“, in: Ostkirchliche Studien 69 (2020), S. 121–147.
¹¹⁵ Regina Elsner, Orthodoxe Kirche und autoritäre Politik. Religion, Macht und Gesellschaft im Russland Putins, Münster 2024, S. 115–148.
¹¹⁶ Dekret des Präsidenten der Russischen Föderation über die Verleihung des Ordens der Freundschaft an Metropolit Hilarion, Moskau 2022; Regina Elsner, „Kirche und Macht im Russland Putins“, in: Stimmen der Zeit 241 (2023), S. 731–744.
¹¹⁷ Cyril Hovorun, „Church Power and Political Loyalty in Contemporary Russia“, in: Religion, State & Society 52 (2024), S. 101–118.
¹¹⁸ Zusammenfassend: Thomas Bremer, Regina Elsner, Cyril Hovorun, Kristina Stoeckl, Sergej Chapnin sowie die Dokumente des Moskauer Patriarchats 2009–2026.
Quellen und kirchliche Dokumente
Balamand-Dokument (1993).
Franziskus / Kirill, Gemeinsame Erklärung von Havanna, 12. Februar 2016.
Joint International Commission for Theological Dialogue between the Roman Catholic Church and the Orthodox Church, Ravenna Document, Ravenna 2007.
Joint International Commission for Theological Dialogue between the Roman Catholic Church and the Orthodox Church, Chieti Document, Chieti 2016.
Moskauer Patriarchat, The Position of the Moscow Patriarchate on the Problem of Primacy in the Universal Church, Moskau 2013.
Russisch-Orthodoxe Kirche, Journal des Heiligen Synods (2002–2026).
Werke Hilarions
Alfeyev, Hilarion, The Spiritual World of Isaac the Syrian, Kalamazoo 2000.
Alfeyev, Hilarion, Orthodox Christianity, Bd. I–V, Yonkers (NY) 2011–2014.
Alfeyev, Hilarion, Orthodoxy and the Future of Europe, Moskau 2008.
Alfeyev, Hilarion, Music as Theology, Moskau 2011.
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Lesermeinungen| | Fink vor 2 Stunden | | | | Danke ! Wo sonst wird man so kenntnisreich und ausführlich über den Metropoliten Hilarion informiert ?! |  0
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