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| ![]() Irreversibel – die Diktatur des Geschehenen. Wenn die Geschichte zum ‚Lehramt‘ wirdvor 55 Minuten in Aktuelles, 1 Lesermeinung Anmerkungen zu einer Meinungsäußerung von Kardinal Jean-Claude Hollerich. Funktionale Faktenpolitik statt Heiliger Geist. Von Armin Schwibach Rom (kath.netet/as) „Nicht mehr rückgängig zu machen“: Mit diesen Worten hat Kardinal Jean-Claude Hollerich den von Papst Franziskus im Oktober 2015 in einer Ansprache angestoßenen Prozess der Synodalität bezeichnet: die vollendete Tatsache einer kirchenpolitischen Landnahme. Im Interview mit dem Kurier vom 20. September 2026 erklärte der Luxemburger Kardinal und ehemalige Jesuit, der Prozess bedeute einen langfristigen Mentalitätswandel in der Kirche. Es gehe darum, von einer Kirche „von oben“ zu einer Kirche zu gelangen, in der Christen Verantwortung übernähmen und gehört würden. Der Satz verdient mehr als eine beiläufige Kenntnisnahme. Denn „nicht mehr rückgängig zu machen“ ist keine bloße Beschreibung eines historischen Sachverhalts. Er enthält eine Aussage darüber, welchen Rang ein geschichtlicher Vorgang innerhalb der Kirche beanspruchen darf. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Natürlich kann niemand ungeschehen machen, was geschehen ist. Ein elfjähriger Prozess ist vollzogen. Dokumente wurden veröffentlicht, Versammlungen abgehalten, Begriffe geprägt und bestimmte Formen kirchlichen Handelns etabliert. In diesem rein historischen Sinn ist jeder Vorgang irreversibel. Auch das Konzil von Trient ist nicht ungeschehen zu machen, ebenso wenig das Zweite Vatikanische Konzil oder das Pontifikat Pauls VI. Geschichte lässt sich nicht auslöschen. Daraus folgt jedoch etwas völlig anderes als die Annahme einer theologischen Unumkehrbarkeit. Zwischen dem Satz „Es ist geschehen“ und dem Satz „Es darf nicht mehr korrigiert werden“ liegt ein Abgrund. Noch größer ist der Abstand zwischen „Es hat sich historisch durchgesetzt“ und „Es gehört deshalb zur unverfügbaren Gestalt der Kirche“. Wer diese Unterschiede verwischt, verwandelt Geschichte in Norm. Dann wird aus dem Faktum ein Anspruch, aus dem Vorgang eine Verpflichtung und aus der Dauer eine Wahrheit – ganz in hegelianischer Manier. Genau diese Verschiebung steckt in dem Wort „irreversibel“. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob der synodale Prozess exakt auf seinen Ausgangspunkt zurückgesetzt werden könnte. Das vermag kein geschichtlicher Vorgang. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche theologische Autorität besitzt das in diesem Prozess Entstandene? Wer oder was macht eine Entwicklung in der Kirche unumkehrbar? Christus? Die apostolische Überlieferung? Eine verbindliche lehramtliche Entscheidung? Die sakramentale Verfassung der Kirche? Oder schlicht die Tatsache, dass eine bestimmte Generation einen Prozess in Gang gesetzt, ihn lange genug betrieben hat und nun im Namen des Prozesses darauf stolz ist? Diese Unterscheidung ist von fundamentaler Bedeutung. Die katholische Kirche ist nicht das Ergebnis ihrer eigenen Geschichte. Sie hat Geschichte, aber sie ist nicht aus ihr hervorgegangen. Ihre Geschichte ist Tradition. Die Kirche ist keine Institution, die sich durch fortschreitende Selbstinterpretation hervorbringt, sondern die von Christus gestiftete Wirklichkeit. Ihr Ursprung liegt weder in einer historischen Entscheidung der Gläubigen noch in einem kollektiven Bewusstseinswandel. Darum kann die Kirche nicht aus ihrer geschichtlichen Entwicklung heraus bestimmen, was sie ihrem Wesen nach zu sein hat. Wenn ein kirchlicher Prozess allein aufgrund seiner Dauer oder institutionellen Etablierung nicht mehr revidiert werden dürfte, erhielte die Geschichte eine normative Gewalt, die ihr theologisch nicht zukommt. Die Geschichte wäre dann nicht mehr der Raum, in dem die Kirche ihren Weg durch die Zeit geht, sondern die Produzentin dessen, was Kirche sein soll. Das wäre eine fundamentale Umkehrung. Gerade die katholische Lehre von der Entwicklung macht deutlich, dass Entwicklung und Identität einander voraussetzen. Entwicklung bedeutet nicht, dass ein Subjekt durch die Zeit hindurch ein anderes wird. Sie setzt vielmehr voraus, dass dasselbe Subjekt sich entfaltet. Das ist der eigentliche Sinn der von Benedikt XVI. 2005 formulierten „Hermeneutik der Reform, der Erneuerung in der Kontinuität des einen Subjekts Kirche“, die er der „Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches“ entgegengestellt hat. Entscheidend ist die Formel des „einen Subjekts Kirche“. Nur wenn die Kirche dieselbe bleibt, kann man sinnvoll von ihrer Entwicklung sprechen. Wo dagegen eine historische Neuheit zum Maßstab dafür wird, wie die Kirche fortan ihr eigenes Wesen zu verstehen hat, stellt sich die Frage: Entwickelt sich hier noch die Kirche – oder wird ein neues Selbstverständnis an die Stelle des bisherigen gesetzt? Das berührt den Kern der Ekklesiologie. Pius X. hatte bereits in der Enzyklika Pascendi Dominici Gregis (8. September 1907) vor einem Entwicklungsverständnis gewarnt, bei dem das religiöse Bewusstsein und die geschichtlichen Bedürfnisse zum eigentlichen Motor der religiösen Wahrheit werden. Die Gefahr bestand für ihn nicht darin, dass sich die Kirche geschichtlich entfaltet, sondern darin, dass das sich Entfaltende am Ende selbst darüber entscheidet, was als Wahrheit zu gelten hat. Dann wird nicht mehr die Geschichte an der Wahrheit gemessen, sondern die Wahrheit an der Geschichte. Worauf soll das „Nicht-mehr-Rückgängig-Machen“ gründen? Auf einer Offenbarung? Einem Dogma? Einer endgültigen lehramtlichen Entscheidung? Der Änderung der sakramentalen Verfassung der Kirche? Oder lediglich darauf, dass eine Rücknahme inzwischen politisch, institutionell oder psychologisch schwierig geworden ist? Das wären vollkommen verschiedene Dinge. Der Luxemburger Kardinal spricht von einem Übergang zu einer Kirche, in der Christen Verantwortung übernehmen und gehört werden. Synodalität dürfe nicht nur Methode sein, sondern müsse als „Form der Kirche“ übernommen werden. Damit ist die entscheidende Schwelle überschritten: Synodalität erscheint nicht mehr lediglich als eine Weise, wie die Kirche berät, zuhört oder Entscheidungen vorbereitet. Sie wird zur Aussage darüber, was die Kirche als solche ist. Niemand bestreitet, dass die Kirche zuhören muss. Niemand bestreitet die Bedeutung von Synoden, Konzilien und Konsultationen. Die Kirche hat seit ihren Anfängen synodale Formen gekannt. Antiochien, Jerusalem, die Konzilien der Alten Kirche und die Bischofssynoden sind keine Erfindungen der Gegenwart. Das Neue liegt nicht darin, dass Christen miteinander beraten, sondern in dem Versuch, „Synodalität“ zu einem umfassenden ekklesiologischen Schlüsselbegriff zu machen – zu einer Chiffre dafür, wie die Kirche sich selbst verstehen und organisieren soll. Wer jedoch erklärt, eine solche Entwicklung sei unumkehrbar, muss darlegen, warum das so sein soll: Ist sie unabänderlich, weil sie wahr ist – oder gilt sie als wahr, weil sie nicht mehr hinterfragt werden soll? Die katholische Kirche besitzt kein Recht, ihr von Christus empfangenes Wesen nach Belieben umzubauen. Auch das Lehramt steht nicht über der Offenbarung, sondern in ihrem Dienst. Weder ein Papst kann kraft seines Amtes die Verfassung der Kirche nach geschichtlicher Zweckmäßigkeit neu erfinden, noch kann ein weltweiter Konsultationsprozess eine neue ekklesiologische Wahrheit erzeugen. Die Kirche ist keine konstituierende Versammlung. Sie empfängt sich als Braut Christi, als una, sancta, catholica et apostolica. Ihr Grund ist nicht das Ergebnis menschlicher Beratung. Ihr Ursprung ist Christus, ihr Geburtsort der Abendmahlssaal, ihre Mutter die Gottesgebärerin, ihr Atem der Heilige Geist. Darum lautet die eigentliche katholische Frage nicht: Was dürfen wir verändern? Sie lautet tiefer: Was können wir überhaupt verändern, ohne die Identität dessen zu zerstören, was wir Kirche nennen? Papst Leo XIII. erinnerte in Annum sacrum (25. Mai 1899): „Seine Herrschaft erstreckt sich nicht nur auf die katholischen Völker, auch nicht nur auf jene, die durch die Taufe von Rechts wegen der Kirche angehören, mögen auch irrige Anschauungen sie fernhalten oder Uneinigkeit sie von der Liebesgemeinschaft scheiden, sondern sie umfaßt auch jene, die den christlichen Glauben nicht besitzen; somit untersteht im vollsten Sinne die ganze Menschheit der Herrschaft Jesu Christi“ (Rundschreiben Annum sacrum, 25. Mai 1899). Diese Worte sollten umso eindringlicher von jenen wahrgenommen, gehört und bekannt werden, die sich dieser „Liebesgemeinenschaft“ zugehörig rechnen, statt einer statt binnenzentrierten Selbstbespiegelung zu verfallen. Pius XII. hat in seiner Enzyklika Mystici Corporis (29. Juni 1943) die Kirche als den mystischen Leib Christi beschrieben. Ihre sichtbare und geistliche Wirklichkeit, ihre hierarchische Ordnung und ihre sakramentale Verfasstheit gehören unrennbar zusammen. Die Gläubigen werden in einen bereits bestehenden Leib hineingenommen; die Kirche entsteht nicht dadurch, dass ihre Mitglieder einen Konsens darüber herstellen, welche Kirche sie künftig sein möchten. Das bedeutet keineswegs, dass alles in der Kirche unveränderlich wäre. Formen können sich wandeln, Disziplinen reformiert, pastorale Methoden angepasst werden. Aber Veränderbarkeit bedeutet nicht Selbstverfügbarkeit. Eine Pflanze kann wachsen, ohne eine andere Art zu werden. Ein Mensch reift, ohne seine Identität einzubüßen. Die Kirche kann sich entfalten, ohne ihre konstitutive Identität neu zu erfinden. Das ist der Sinn echter Reform. In der Kirche muss es nicht nur Fortschritt geben, sondern stets auch die Bereitschaft zur Korrektur. Es kann Fehlentwicklungen, Übertreibungen und Unschärfen geben. Dass etwas geschehen ist, immunisiert es nicht gegen Prüfung. Dass etwas zehn Jahre besteht, macht es nicht wahr. Und dass ein Kardinal erklärt, es sei „nicht mehr rückgängig zu machen“, verleiht ihm noch keine theologische Unumkehrbarkeit. Hier muss eine katholische Theologie der Tradition ihren Einspruch erheben. Tradition bedeutet keineswegs, dass niemals etwas Neues geschehen darf. Sie bedeutet aber, dass das Neue sich gegenüber dem Empfangenen verantworten muss. Der eigentliche Gegensatz lautet nicht „Tradition gegen Entwicklung“, sondern: Entwicklung aus der Traditionoder Entwicklung aus dem Bruch. Das Erste wahrt die Identität des Subjekts. Das Zweite macht den geschichtlichen Prozess selbst zum schöpferischen Prinzip. Genau deshalb ist die Behauptung einer normativen Unumkehrbarkeit theologisch so brisant: Wenn die Geschichte selbst zum Hauptargument wird, wer urteilt dann noch über die Geschichte? Wer entscheidet, ob eine Entwicklung eine Entfaltung oder eine Verformung war? Diese Prüfung kann nicht dadurch beendet werden, dass man einen Prozess für unumstößlich erklärt. So funktioniert katholische Tradition nicht. Die Kirche ist nicht Gefangene ihrer jüngsten Vergangenheit. Sie besitzt die Freiheit der Wahrheit. Sie kann unterscheiden, prüfen, korrigieren und – wenn notwendig – auch zurückweisen, was sich als mit ihrem Wesen unvereinbar erweist. Der entscheidende Prüfstein lautet daher: Irreversibel – aufgrund welcher Wahrheit? Nicht aufgrund der Chronologie. Nicht aufgrund institutioneller Macht. Nicht aufgrund eines Mentalitätswandels, sondern allein dort, wo eine solche Unumkehrbarkeit aus der Wahrheit dessen folgt, was die Kirche von Christus her ist. Alles andere wäre eine Vergöttlichung der Geschichte. Eine Kirche, die ihre Identität aus der Unumkehrbarkeit ihrer jeweils jüngsten Entwicklung ableitete, würde nicht mehr aus dem empfangenen Ursprung leben, sondern aus der Macht des bereits Geschehenen. Dann wäre nicht mehr Christus das Maß der Kirche, sondern die Zeit. Und genau an diesem Punkt muss der Einspruch beginnen: Nicht alles, was man nicht mehr rückgängig machen will, wird dadurch wahr. Manches bleibt schlicht ein irreversibler Irrtum. Foto (c) Vatican Media
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