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| ![]() „Die fünfsaitige Lyra der Pentarchie neu zum Klingen bringen“vor 26 Minuten in Kommentar, keine Lesermeinung Rom und Konstantinopel auf dem Weg zur Communio - Die Budapester Ansprache des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios im Licht von Johannes Paul II., Benedikt XVI., Franziskus und Leo XIV. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer Eichstätt (kath.net) 1. Eine Ansprache als ökumenisches Programm Das Bild der „fünfsaitigen Lyra“ – der fünf alten Patriarchalsitze Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem – ist dabei mehr als eine historische Metapher. Es bezeichnet eine bestimmte Vision von Kirche: Die universale Kirche erscheint als ein harmonisches Ganzes, dessen Einheit gerade durch die Verschiedenheit und Eigenständigkeit seiner großen Kirchen sichtbar wird. Bartholomaios formuliert das ökumenische Ziel ohne Vorbehalt. Er spricht von der Erwartung der „Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft mit der Kirche von Rom“, damit die Pentarchie wieder ihre Ganzheit erlange und die alte Harmonie der Kirche neu erklinge. Damit versteht er Ökumene nicht als bloße Verbesserung der Beziehungen zwischen zwei dauerhaft getrennten Kirchenfamilien. Freundschaft, gegenseitiger Respekt und gemeinsame Projekte sind wichtig; sie bilden jedoch nicht das letzte Ziel. Ziel bleibt die sichtbare kirchliche Communio im einen Leib Christi. Diese Perspektive entspricht grundsätzlich auch dem katholischen Verständnis der Ökumene. Die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zwischen Ost und West wird als gemeinsames Ziel verstanden. Zugleich setzt Bartholomaios einen deutlichen Akzent: Die künftige Einheit soll nicht durch Zentralisierung, sondern durch eine erneuerte Verbindung von Primat, Synodalität und kirchlicher Eigenständigkeit verwirklicht werden. 2. Kirchenrecht als „Werkstatt der Einheit“ Das Kirchenrecht ist in dieser Perspektive nicht bloß ein System von Zuständigkeiten und Kompetenzen. Es ist Ausdruck eines bestimmten Kirchenverständnisses. Es zeigt, wie eine Kirche Autorität, Synodalität, Eigenständigkeit und Gemeinschaft miteinander verbindet. Gerade deshalb kann der Dialog über das Kirchenrecht ökumenisch besonders fruchtbar sein. Die Trennung zwischen Rom und Konstantinopel betrifft nicht nur einzelne Lehrsätze. Sie betrifft auch unterschiedliche Weisen, Kirche zu denken und kirchliche Verantwortung zu ordnen. Bartholomaios weist darauf hin, dass die kirchlichen Rechtsordnungen der katholischen und der orthodoxen Kirchen keine bloßen „juristischen Mauern“ darstellen. Sie können vielmehr zu Instrumenten werden, durch die die gemeinsame apostolische Tradition neu entdeckt und in eine künftige Gestalt der Gemeinschaft übersetzt wird. Das setzt allerdings voraus, dass Kirchenrecht nicht defensiv, sondern dialogisch verstanden wird. Es darf nicht dazu dienen, die eigene Ordnung absolut zu setzen und die andere lediglich als Abweichung zu beurteilen. Rechtsökumene fragt vielmehr: Welche Formen der kirchlichen Ordnung entsprechen der Wahrheit der Communio? 3. Die östliche Tradition als unverzichtbarer Teil der Katholizität Die Trennung von Ost und West hat nach Johannes Paul II. nicht nur die Orthodoxie und den Katholizismus geschädigt. Sie hat der ganzen Christenheit ein gemeinsames Zeugnis entzogen. Ost und West sind durch dieselbe Taufe, denselben Herrn und eine lange gemeinsame Geschichte miteinander verbunden; dennoch können sie noch nicht gemeinsam an der Eucharistie teilnehmen. Gerade daraus ergibt sich eine ökumenische Umkehr des Blicks. Der Osten ist nicht ein verlorener Randbereich, den Rom wieder eingliedern müsste. Die östlichen Kirchen bewahren vielmehr Gaben, ohne die auch der Westen die Fülle der Katholizität nicht vollständig verwirklichen kann. Die katholische Kirche muss daher vom Osten lernen. Sie muss erkennen, dass die östlichen Liturgien, die patristische Theologie, das monastische Erbe, die Ikonentheologie, die Pneumatologie und die synodale Tradition nicht bloß regionale Sonderformen darstellen. Sie gehören zum Reichtum der ganzen Kirche. Auch Benedikt XVI. betonte, dass die östlichen Kirchen einen integralen Bestandteil des vollen Erbes der Kirche Christi bilden. Ihre Traditionen sind Zeugnisse ihres apostolischen Ursprungs und besitzen bleibende Bedeutung für die gesamte Kirche. Daraus folgt eine grundlegende ökumenische Konsequenz: Eine künftige Einheit kann keine Latinisierung der orthodoxen Kirchen bedeuten. Sie darf nicht verlangen, dass der Osten seine eigene Liturgie, Theologie, Spiritualität oder kanonische Ordnung aufgibt. Katholizität bedeutet nicht Uniformität. 4. Ut unum sint: Die Primatsfrage wird geöffnet Diese Einladung gehört zu den folgenreichsten ökumenischen Aussagen eines Papstes der Neuzeit. Sie unterscheidet zwischen dem bleibenden Wesen des Petrusdienstes und seinen geschichtlich gewachsenen Formen. Die Frage lautet damit nicht mehr nur: Besitzt der Bischof von Rom einen Primat? Sie lautet vielmehr: Wie muss dieser Primat ausgeübt werden, damit er als Dienst an der Communio aller Kirchen erkennbar und von den anderen Kirchen anerkannt werden kann? Das katholische Studiendokument Der Bischof von Rom fasst diese Entwicklung zusammen: Der ökumenische Dialog hat zu einem vertieften Verständnis der Gleichzeitigkeit von Ortskirche und Universalkirche, der Synodalität sowie der gemeinschaftlichen, kollegialen und personalen Dimension der Kirche geführt. Damit ist der Primat nicht aufgegeben. Er wird vielmehr in einen größeren Zusammenhang gestellt. Der Bischof von Rom soll nicht als isolierte universale Instanz verstanden werden, sondern als Träger eines Dienstes, der nur in Beziehung zu den anderen Bischöfen und Kirchen seine volle Bedeutung erhält. 5. „Vorsitz in der Liebe“ Diese Formel ist theologisch außerordentlich dicht. Sie verbindet Vorrang und Dienst, Einheit und Beziehung, Autorität und Liebe. Der Primat wird nicht als Herrschaft über die anderen Kirchen verstanden, sondern als Verantwortung innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft. Auch katholisch ist diese Deutung anschlussfähig. Johannes Paul II. erinnerte daran, dass derjenige, der der Erste sein will, zum Diener aller werden muss. Er verband die „Primatsausübung“ ausdrücklich mit dem „Dienst der Liebe“, der von allen Beteiligten anerkannt werden soll. Der entscheidende Unterschied liegt daher nicht in der Frage, ob der Primat Dienstcharakter besitzt. Beide Traditionen können dies bejahen. Die Differenz betrifft vielmehr die Reichweite dieses Dienstes. Für Bartholomaios ist der römische Primat in die Gemeinschaft der Schwesterkirchen und in die synodale Ordnung der Patriarchate eingebunden. Die katholische Kirche hält dagegen am besonderen, von Christus her verstandenen Petrusdienst fest. Dieser kann nicht auf einen bloßen Ehrenprimat reduziert werden. Die ökumenische Aufgabe besteht deshalb darin, die katholische Überzeugung vom bleibenden Petrusdienst so mit der orthodoxen Überzeugung von der synodalen Eigenständigkeit der Kirchen zu verbinden, dass keine Seite ihre ekklesiologische Identität preisgeben muss. 6. Das erste Jahrtausend als gemeinsamer Referenzraum Dieser Satz darf nicht verkürzt werden. Er bedeutet nicht, dass die katholische Kirche alle Entwicklungen des zweiten Jahrtausends widerrufen müsste. Er eröffnet vielmehr einen gemeinsamen historischen Referenzraum. Das erste Jahrtausend zeigt, dass Ost und West trotz erheblicher Spannungen in sakramentaler Gemeinschaft leben konnten. Die Kirchen waren liturgisch und disziplinär verschieden. Patriarchate besaßen wirkliche Eigenrechte. Die universale Kirche wurde in synodalen Formen geleitet. Zugleich besaß Rom einen besonderen Vorrang. Gerade diese Verbindung ist ökumenisch fruchtbar. Das erste Jahrtausend zeigt, dass Einheit weder völlige administrative Vereinheitlichung noch die Auflösung jedes universalen Zusammenhangs voraussetzt. Das katholische Dialogdokument nennt mehrere Kriterien, die für eine künftige Ausübung eines universalen Dienstes bedeutsam sein könnten: den Vorrang der Ehre, die Wechselbeziehung von Primat und Synodalität, das Berufungsrecht als Ausdruck von Communio, die Bedeutung ökumenischer Konzilien und die Vielfalt kirchlicher Modelle. Dabei darf das erste Jahrtausend nicht romantisiert werden. Auch damals gab es Konflikte, Spannungen und unterschiedliche Interpretationen der römischen Vorrechte. Es ist kein fertiger Bauplan für die Gegenwart. Es ist vielmehr ein hermeneutischer Referenzraum: eine gemeinsame Erfahrung, die zeigt, dass eine sichtbare Einheit in legitimer Verschiedenheit möglich war. 7. Primat und Synodalität Das Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen formuliert dies ausdrücklich: Primat und Synodalität seien zwei gegenseitig konstitutive und tragende Wirklichkeiten. Der Primat setze die Synodalität voraus, und die Synodalität schließe die Ausübung eines Primats ein. Damit verändert sich die Fragestellung grundlegend. Nicht mehr: Primat oder Synodalität? Sondern: Welche Gestalt muss ein universaler Primat innerhalb einer universalen Synodalität besitzen? Ein Primat ohne Synodalität droht zur Zentralisierung zu werden. Eine Synodalität ohne einen Dienst an der universalen Einheit droht in eine bloße Föderation selbstständiger Kirchen oder in dauerhafte Fragmentierung abzugleiten. Die katholische Kirche kann von der orthodoxen Tradition lernen, dass die Kirche nicht aus einem einzigen Zentrum heraus „verwaltet“ werden darf. Die Orthodoxie kann ihrerseits fragen, wie die Einheit der autokephalen Kirchen auf universaler Ebene sichtbar, verbindlich und handlungsfähig gestaltet werden kann. Das Ziel wäre eine Communio, in der der Erste nicht ohne die Vielen und die Vielen nicht ohne den Ersten existieren. 8. Pentarchie und „Patriarch des Westens“ Besondere Aufmerksamkeit widmet der Patriarch der Wiederaufnahme des Titels „Patriarch des Westens“. Dieser Titel verweist auf die regionale Verantwortung des Bischofs von Rom innerhalb der lateinischen Kirche und unterscheidet sie von seinem universalen Dienst. Diese Unterscheidung besitzt ökumenisches Potenzial. Das römische Studiendokument hält fest, dass es einen wesentlichen Dienst der Liebe gibt, der im Osten und im Westen unterschiedlich verwirklicht werden könnte. Im Verhältnis zu den orthodoxen Kirchen könne ein solches Modell an dem Grundsatz ausgerichtet werden, dass Rom vom Osten nicht mehr verlangen solle, als im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt worden sei. Die Wiederherstellung voller Gemeinschaft würde nach diesem Vorschlag weder Unterwerfung noch Assimilation bedeuten. Sie müsste vielmehr die Gaben beider Kirchen aufnehmen und das Recht der östlichen Kirchen achten, sich nach ihrer eigenen Ordnung zu regieren. Der Titel „Patriarch des Westens“ könnte deshalb helfen, zwei Dimensionen des römischen Amtes begrifflich auseinanderzuhalten: die besondere Verantwortung für die lateinische Kirche und den Dienst an der universalen Einheit. Allerdings darf daraus nicht geschlossen werden, dass die katholische Kirche den universalen Petrusdienst aufgibt. Die Frage bleibt, wie beide Dimensionen sachgerecht miteinander verbunden werden können. 9. Franziskus: Der synodale Weg als ökumenischer Lernweg Franziskus hat zugleich anerkannt, dass die katholische Kirche von anderen Christen lernen kann. Das Dokument Der Bischof von Rom zitiert seine Überzeugung, dass der ökumenische Weg zu einem tieferen Verständnis des Dienstes des Nachfolgers Petri geführt habe und weiterführen werde. Der Austausch der Gaben schließt ausdrücklich auch die Ausübung des Primats ein. Franziskus verortet den Papst dabei innerhalb der Kirche: nicht über ihr, sondern in ihr; nicht außerhalb des Bischofskollegiums, sondern als Bischof unter Bischöfen – und zugleich als Nachfolger Petri mit einem besonderen Dienst an der Einheit. Diese Sichtweise besitzt unmittelbare ökumenische Bedeutung. Sie verhindert, dass der Papst als eine Art kirchlicher Monarch verstanden wird, der außerhalb der synodalen Gemeinschaft steht. Zugleich bewahrt sie die katholische Überzeugung, dass der Bischof von Rom einen besonderen Dienst besitzt. Synodalität bedeutet nicht die Auflösung jeder verbindlichen Autorität. Sie bedeutet, dass Autorität in der Kirche als gemeinsames Hören auf den Heiligen Geist, als Dienst und als Verantwortung für die Communio ausgeübt wird. 10. Leo XIV.: Gemeinschaft ohne Absorption Das katholische Studiendokument greift denselben Gedanken auf: Volle Gemeinschaft bedeutet nicht Unterwerfung oder Assimilation, sondern die Aufnahme aller Gaben, die Gott den verschiedenen Kirchen geschenkt hat. Damit gewinnt der ökumenische Weg eine klare Richtung. Die Einheit darf nicht als Eingliederung der orthodoxen Kirchen in eine lateinisch geprägte Zentralordnung verstanden werden. Ebenso wenig kann sie als bloßes Nebeneinander völlig unabhängiger Kirchen bestehen. Gesucht ist eine sakramentale Communio von Kirchen, die ihre legitime Eigenart bewahren und gerade darin gemeinsam katholisch sind. Eine solche Gemeinschaft müsste den gemeinsamen Glauben, die apostolische Sukzession, die Sakramente und eine verbindliche universale Ordnung miteinander verbinden. Sie wäre weder zentralistische Weltregierung noch unverbindliche Konföderation. 11. Nizäa und die gemeinsame Quelle Nizäa erinnert daran, dass Jesus Christus der eine Herr der Kirche ist: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“, wesensgleich mit dem Vater. Diese gemeinsame christologische Mitte besitzt auch eine ekklesiologische Konsequenz. Wenn Katholiken und Orthodoxe gemeinsam bekennen, dass es die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche gibt, dann kann die sichtbare Trennung nicht als endgültiger Normalzustand gelten. Nizäa ist jedoch kein ökumenischer Minimalismus. Die Einheit darf nicht durch die Relativierung des Glaubens erkauft werden. Sie muss in Wahrheit und Liebe gesucht werden. Wahrheit ohne Liebe kann zur konfessionellen Selbstbehauptung verhärten. Liebe ohne Wahrheit bleibt unverbindlich. Die Einheit der Kirche verlangt beides: die Treue zum apostolischen Glauben und die Bereitschaft, die legitimen Gaben des anderen anzuerkennen. Gerade darin liegt die ökumenische Bedeutung der „fünfsaitigen Lyra“. Ihre Harmonie entsteht nicht dadurch, dass alle Saiten denselben Klang erzeugen. Sie entsteht dadurch, dass verschiedene Töne aufeinander abgestimmt sind. 12. Die Eucharistie als Quelle und Ziel Gerade deshalb ist die heutige Trennung so schmerzlich. Katholiken und Orthodoxe teilen den apostolischen Glauben, die Sakramente, die apostolische Sukzession und eine große gemeinsame Tradition. Dennoch können sie noch nicht gemeinsam am einen Kelch teilnehmen. Diese Trennung darf nicht verharmlost werden. Sie ist kein bloßes Verwaltungsproblem und keine nebensächliche kirchenrechtliche Unstimmigkeit. Sie zeigt, dass die volle sichtbare Gemeinschaft noch nicht wiederhergestellt ist. Gleichzeitig darf die Eucharistie nicht als bloßes Mittel eingesetzt werden, um eine Einheit vorwegzunehmen, die in Glauben und Kirchenordnung noch nicht hinreichend verwirklicht ist. Die Eucharistie ist nicht nur Zeichen menschlicher Nähe. Sie ist sakramentale Wirklichkeit und Ausdruck der vollen kirchlichen Gemeinschaft. So ist sie zugleich Quelle, Ziel und Schmerz der Ökumene: Quelle, weil Taufe und gemeinsamer Glaube bereits eine reale Nähe begründen; Ziel, weil die volle Communio in der gemeinsamen Eucharistie ihren höchsten Ausdruck finden würde; Schmerz, weil die getrennten Kelche die Wunde der Kirche sichtbar machen. 13. Die katholischen Ostkirchen als Prüfstein Dieses Zeugnis ist allerdings nur dann glaubwürdig, wenn ihre Eigenständigkeit tatsächlich gelebt wird: in Liturgie, Theologie, Spiritualität, Kirchenrecht und synodaler Ordnung. Für viele Orthodoxe ist die Geschichte der Unionen mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden. Deshalb dürfen die katholischen Ostkirchen nicht als Instrument einer Strategie verstanden werden, orthodoxe Gläubige schrittweise aus ihren Kirchen herauszulösen. Ein solches Vorgehen kann kein Modell künftiger Einheit sein. Ihre eigentliche ökumenische Berufung liegt vielmehr darin, zu zeigen, dass katholische Gemeinschaft und östliche Kirchlichkeit miteinander vereinbar sind. Je stärker die katholischen Ostkirchen ihre eigenen Traditionen entfalten können, desto glaubwürdiger wird die katholische Aussage hinsichtlich der Orthodoxie. Rom und die entsprechenden Dikasterien müssen noch viel mehr durch ihr Verhalten verdeutlichen: Eine orientalische Kirche sui iuris ist nicht einfach „ein anderer Ritus“ im römischen „Verwaltungsbereich“, sondern eine eigenberechtigte Kirche mit eigener Hierarchie, eigener Tradition und – ihrem kanonischen Status entsprechend – eigener Leitungs- und Gesetzgebungsgewalt. Es muss deutlich werden: Katholische Einheit verlangt daher weder Verwaltungsuniformität noch eine möglichst weitgehende Verlagerung eigenkirchlicher Entscheidungen nach Rom. Sie verwirklicht sich als Communio von Kirchen, in der Eigenständigkeit und universale Gemeinschaft verbunden bleiben. Es muss sich deutlich zeigen: Gemeinschaft mit Rom bedeutet nicht Verlust der eigenen kirchlichen Identität. Die katholischen Ostkirchen sind daher kein Randthema der Ökumene. Sie sind ein Prüfstein für die Frage, ob die katholische Kirche Einheit tatsächlich als Communio legitimer Verschiedenheit versteht. 14. Heilung der Erinnerung Die Kreuzzüge, die Eroberung Konstantinopels, konkurrierende Jurisdiktionen, Unionsversuche und nationale Interessen haben sich tief in das kirchliche Gedächtnis eingeprägt. Heilung der Erinnerung bedeutet nicht, die Geschichte zu verdrängen. Sie verlangt vielmehr, sie wahrhaftig anzuschauen. Beide Seiten müssen nicht nur fragen, was ihnen widerfahren ist, sondern auch, wo sie selbst den anderen verletzt, vereinnahmt oder nicht als Bruder anerkannt haben. Die Begegnungen zwischen Paul VI. und Athenagoras sowie die späteren Begegnungen der Päpste und Patriarchen besitzen deshalb mehr als diplomatische Bedeutung. Sie sind Zeichen einer Reinigung des Gedächtnisses. Auch die gemeinsame Erinnerung an Nizäa kann helfen, die ökumenische Wahrnehmung neu zu ordnen. Die Kirchen erinnern sich dann nicht zuerst an das, was sie trennt, sondern an das, was sie gemeinsam empfangen haben. 15. Geistliche Ökumene und gemeinsames Martyrium Die geistliche Ökumene ist die Seele des gesamten Weges. Katholiken und Orthodoxe müssen lernen, die geistlichen Gaben des anderen wahrzunehmen. Der Osten kann den Westen an die Bedeutung des Primats als Dienst erinnern. Der Westen kann dem Osten helfen, die universale Dimension kirchlicher Verantwortung neu zu bedenken. Eine besondere Rolle kommt dem Mönchtum zu. Wüstenväter, Basilius, Johannes Cassian und Benedikt gehören nicht exklusiv einer Konfession. Gebet, Askese, Psalmodie, geistliche Vaterschaft und die Suche nach Gott bilden ein gemeinsames Erbe. Auch die Märtyrer bezeugen eine Einheit, die den kirchlichen Strukturen vorausgeht. Christen, die um Christi willen leiden und sterben, werden nicht zuerst nach konfessionellen Kategorien gefragt. Ihr gemeinsames Zeugnis kann zu einer „Ökumene des Blutes“ werden. Die Heiligen sind einander häufig näher als die Institutionen. Sie zeigen, dass die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus tiefer reicht als die geschichtliche Trennung. 16. Eine realistische Hoffnung Deshalb wäre es verfrüht, eine baldige vollständige Wiedervereinigung vorherzusagen. Christliche Hoffnung ist jedoch nicht dasselbe wie Optimismus. Sie gründet nicht auf günstigen Prognosen, sondern auf der Treue Gottes. Bartholomaios’ Ansprache ist gerade deshalb bedeutsam, weil sie Hoffnung und Wahrheit miteinander verbindet. Sie verschweigt die Differenzen nicht, ordnet sie aber in eine größere Vision ein: Die Trennung ist eine Wunde, nicht das letzte Wort. Die Wiederherstellung der Einheit wird wahrscheinlich nicht durch einen einzigen kirchenpolitischen Akt erfolgen. Sie wird ein langer Prozess sein: durch Gebet, theologische Klärung, gemeinsame Erinnerung, synodales Lernen, Zusammenarbeit im Zeugnis des Evangeliums und die schrittweise Wiedergewinnung des Vertrauens. Schluss: Die Lyra soll wieder erklingen Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, die Geschichte auszulöschen, sondern gemeinsam aus der apostolischen Quelle vorwärtszugehen. Johannes Paul II. hat mit Orientale lumen und Ut unum sint den Horizont geöffnet: Der Osten ist unverzichtbarer Teil der katholischen Fülle, und die Ausübung des Petrusdienstes muss gemeinsam neu bedacht werden. Benedikt XVI. hat den gemeinsamen Referenzraum des ersten Jahrtausends vertieft. Franziskus hat Primat und Synodalität in einen gemeinsamen Weg des Hörens, der Begegnung und des Austauschs der Gaben gestellt. Für ihn sind Primat und Synodalität keine konkurrierenden Prinzipien, sondern Wirklichkeiten, die einander im Dienst der Communio tragen. Leo XIV. verbindet diese Entwicklung mit der Forderung nach einer Gemeinschaft ohne Absorption und ohne Beherrschung. Bartholomaios bringt diese Hoffnung in Budapest mit ungewöhnlicher Klarheit zum Ausdruck: Die Einheit soll nicht bloß freundschaftlich, sondern kirchlich sein; nicht unsichtbar, sondern sichtbar; nicht uniform, sondern in legitimer Verschiedenheit; nicht herrschaftlich, sondern als Dienst der Liebe. Vielleicht lautet die entscheidende ökumenische Frage deshalb nicht: Wie viel muss der andere aufgeben, damit Einheit möglich wird? Sondern: Was müssen wir gemeinsam loslassen, damit Christus in seiner Kirche größer werden kann? Rom muss nicht über Konstantinopel triumphieren. Konstantinopel muss nicht seine Eigenständigkeit gegenüber Rom beweisen. Die Kirche gehört weder dem Papst noch den Patriarchen. Sie gehört Christus. Je näher die Kirchen Christus kommen, desto näher kommen sie einander. In diesem Sinn ist die „fünfsaitige Lyra“ des Patriarchen Bartholomaios kein nostalgisches Bild, sondern eine Verheißung: Die Einheit der Kirche kann wieder erklingen – nicht durch die Auslöschung der Verschiedenheit, sondern durch ihre Versöhnung in der einen Communio des Glaubens, der Liebe und der Eucharistie. Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link. Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. | ![]() Mehr zu | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Top-15meist-gelesen
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