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Die Kirche – nicht nur – im deutschsprachigen Raum: «the big picture»

vor 16 Stunden in Kommentar, 2 Lesermeinungen
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Die Hierarchie fördert ein horizontales Schisma und verliert die Gläubigen. Wer wird uns Hirten geben? Ein Gastkommentar von Martin Grichting


Chur (kath.net)

Wer verstehen will, was sich derzeit in der Kirche im deutschsprachigen Raum – und in analoger Form auch in anderen Ländern – abspielt, sollte Heinrich Heine lesen. Dieser begnadete Spötter ist zwar kein katholischer Referenz-Autor. Aber Narren haben immer wieder die Wahrheit gesagt. In seiner Schrift «Die romantische Schule» aus dem Jahr 1833 erinnert der Schriftsteller an die «alten Jesuiten». Er meint damit jene theologischen Winkeladvokaten aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, die Blaise Pascal in den «Lettres provinciales» kritisiert hat. Dieser französische Mathematiker und Philosoph hat ihnen vorgeworfen, mit demagogischen Sophismen die kirchliche Morallehre zu unterminieren, um die Kirche bei den Mächtigen angenehm zu machen. Heine bemerkt: «Nie hat der menschliche Geist größere Kombinationen ersonnen als die, wodurch die alten Jesuiten den Katholizismus zu erhalten suchten. Aber es gelang ihnen nicht, weil sie nur für die Erhaltung des Katholizismus und nicht für den Katholizismus selbst begeistert waren. An letzterem an und für sich war ihnen eigentlich nicht viel gelegen; daher profanierten sie zuweilen das katholische Prinzip selbst, um es nur zur Herrschaft zu bringen; sie verständigten sich mit dem Heidentum, mit den Gewalthabern der Erde, beförderten deren Lüste» (2. Buch, III., letzter Abschnitt).

Es ist unschwer zu erkennen, dass heute die meisten Bischöfe des deutschsprachigen Raums die Wiedergänger der «alten Jesuiten» sind. Auch in einigen anderen Ländern existieren sie. Sie interessieren sich nicht so sehr für die Integrität des Glaubens, sondern primär für den Erhalt der Strukturen, die dieser einst hervorgebracht hat. Deshalb sind sie bestrebt, sich mit den Neuheiden sowie den Gewalthabern, auch mit denen der 4. Gewalt, den Medien, zu verbrüdern zu Lasten dessen, was sie als Zeugen Jesu Christi eigentlich zu vertreten hätten.

Dieser Politik mittels theologischer Argumente entgegenzutreten, wie es beispielhaft die Initiative namens «Neuer Anfang» in Deutschland tut, ist nicht nur lobenswert, sondern auch notwendig. Aber man darf bei diesen (moral-)theologischen Debatten «the big picture» nicht vergessen. Sonst verliert man sich im Kleinteiligen.

Und die Lage ist komplexer, als man denken könnte. Denn in der öffentlichen Wahrnehmung steht gegenwärtig der Apostolische Stuhl gegen die Mehrheit der deutschen Bischöfe, wenn es um den «Synodalen Weg» geht. Aber es stellt sich die Frage: Wer hat denn die Bischöfe ernannt, die gegen den Apostolischen Stuhl rudern? Richtig: der Apostolische Stuhl. Einzig die Bestellung der Sitze von Basel und St. Gallen (Schweiz) kann man dem Papst nicht anlasten. Denn dort kann er nur die Wahl der Person absegnen, die ihm die Domkapitel präsentieren.


In Tat und Wahrheit ist der Apostolische Stuhl kein Monolith. Er ist selbst gespalten, was nach aussen nach Möglichkeit kaschiert wird. Der Riss wurde in der jüngeren Kirchengeschichte jedoch einmal sichtbar, beim Konflikt um die deutsche Schwangerschaftsberatung in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Falle, die der Staat der Kirche stellte, lautete: Die Abtreibung bleibt straffrei, wenn die Frau mit einer Bescheinigung nachweisen kann, dass sie sich vorgängig hat beraten lassen. Dieser «Beratungsschein» ist nicht mit der Abtreibung gleichzusetzen, aber er stellt eine wesentliche Voraussetzung dafür dar, dass sie straffrei stattfinden kann. Die Kirche wurde nun von massgeblichen politischen Kräften eingeladen und bekniet, diesen «Schein» in ihren Beratungsstellen auszustellen. Die Kirche wäre damit im Einvernehmen mit dem Staat verblieben. Aber moraltheologisch war klar: Die Kirche hätte durch ihre Mitwirkung die Abtreibung indirekt gebilligt und mit dem Bösen mitgewirkt.

Die Medien haben den Konflikt, den man mit dem Beratungsschein in die Kirche hineintrug, nicht nur als Konflikt unter den Bischöfen dargestellt (Erzbischof Johannes Dyba von Fulda gegen den Rest der Deutschen Bischofskonferenz), sondern als Konflikt innerhalb des Apostolischen Stuhls: Ratzinger versus Sodano. Und in der Tat: Die Angst ging bei der diplomatischen Abteilung des Apostolischen Stuhls – bei den «Sodanos» – um, eine Verweigerung der «Schein-Lösung» würde die Konkordate und die Kirchensteuer gefährden. Und dafür waren viele «Sodanos» bereit, die Kirche moraltheologisch schwerwiegend zu kompromittieren. Am Schluss hörte der Hl. Papst Johannes Paul II. auf Kardinal Ratzinger. Die deutschen Diözesen durften in ihren Beratungsstellen keine «Scheine» ausstellen. (Und der befürchtete Bruch mit dem Staat traf dann gar nicht ein).

Heute stehen sich die «Sodanos» und die «Ratzingers» wieder gegenüber. Erstere sind im Vatikan zahlreich und einflussreich wie früher. Die Letzteren sind geschwächt, nicht zuletzt, weil das Herz des Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre nicht so sehr für die Reinheit der Lehre schlägt, sondern weil es von der Obsession für anderes erfüllt ist. Papst Leo XIV. trifft deshalb in den letzten Monaten immer wieder Vertreter der «Ratzingers», die von ausserhalb der Kurie stammen: die Bischöfe Stefan Oster und Rudolf Voderholzer, Frau Prof. Katharina Westerhorstmann, Vertreter von «Neuer Anfang» sowie der nicht nur formell katholischen Zeitung «Die Tagespost».

Aber das Dilemma des gespaltenen Vatikans bleibt. Denn auch wenn die Bischofskongregation dem Papst die Bischöfe zur Ernennung vorschlägt, laufen die Verfahren der Bischofsernennung über den jeweiligen Nuntius, den Vertreter der «Sodanos». Unter den Nuntien gibt es zweifellos auch solche, die zum Team «Ratzinger» gehören. Es sind mutige Ausnahmeerscheinungen wie Mons. Nikola Eterović. Man kann sich fragen, ob er in den letzten Jahren vom Apostolischen Stuhl wirklich gehört oder nur benutzt wurde. Aber unabhängig davon: Der ganze Apparat, dem die Nuntien zugehören, ist auf Kontakte sowie auf Deals mit den Regierungen ausgerichtet. Und das hat zur Folge, dass seit langem die Bischöfe immer ganz wesentlich nach dem Kriterium ausgesucht werden, ob sie Gewähr dafür bieten, den – oft nur faulen – Frieden mit «dem Heidentum, mit den Gewalthabern der Erde» aufrechtzuerhalten. Papst Benedikt hat versucht, die Prioritäten des Fragebogens, den man im Vorfeld einer Bischofsernennung jeweils zugestellt erhält, zu verändern. Früher wurde nach den allgemeinen Fragen zur Person zuerst nach deren Akzeptanz im kirchlichen und gesellschaftlichen Mainstream gefragt. Nunmehr erkundigte man sich zuerst über die Rechtgläubigkeit des Kandidaten. Das ist Kosmetik, die aber die Gewichtungen anzeigt. Inzwischen ist wieder stromlinienförmiger Populismus die oberste Maxime.

Dies führt zu einem Episkopat, wie man ihn im deutschsprachigen Raum kennt. Er ist vom Apostolischen Stuhl ernannt und arbeitet dann, was die Glaubenslehre und die Moral betrifft, gegen diesen. Es ist absurd, aber so ist es. Die Folgen sind jedoch dramatisch. Sie haben zusehends ein faktisches horizontales Schisma zur Folge. Denn die Bischöfe, die im deutschsprachigen Raum aus Angst und Opportunismus links-grün-regenbogenfarben agieren, verlieren immer mehr den Respekt der Priester und der Gläubigen ihrer Diözesen. Man kann sich fragen, wer ihnen noch zuhört. Denn sie stossen mit ihrem Opportunismus und mit der nicht selten als «Klugheit» getarnten Feigheit diejenigen ab, die in den postchristlichen Gesellschaften noch treu sein wollen. Das Ergebnis ist das Ausbluten der Diözesen und ihrer Priesterseminare sowie der Pfarreien. Wer sich retten kann, flüchtet als Laie zu Pfarreien bzw. zu Priestern, die auf lokaler Ebene versuchen, Kurs zu halten. Andere, auch angehende Priesteramtskandidaten, gehen zu Ordensgemeinschaften, die sich dem bischöflichen Kurs besser entziehen können. Oder sie wenden sich der Welt der ausserordentlichen Form zu, wo die Liturgie den Glauben besser zu bewahren hilft. Laien beginnen zudem zusehends, sich in zivilrechtlich gegen die Bischöfe abgesicherten Initiativen einzubringen, etwa im Lebensrechtsbereich oder in privaten kirchlichen Medieninitiativen. Das ist wertvoll. Aber es zeigt, dass die Bischöfe im deutschsprachigen Raum die verbleibenden Gläubigen zu verlieren drohen. Zugleich scheitert die bischöfliche Anbiederungsstrategie, so wie es bei den «alten Jesuiten» der Fall war. Denn man gewinnt damit keine Postchristen zurück. Sie verachten die Bischöfe sogar noch insgeheim für deren Opportunismus, teilweise geschieht das inzwischen auch schon öffentlich.

Als «Pragmatiker», um es einmal vorsichtig auszudrücken, müsste den «Sodanos» eigentlich dämmern, dass sie selbst irrelevant werden, wenn die Kirche unter ihrer Politik ausblutet. Schon aus Eigeninteresse müssten sie ihren ruinösen Kurs korrigieren. Von Einsicht ist aber, wie die Bischofsernennungen weit über den deutschsprachigen Raum hinaus bis in die jüngste Zeit zeigen, nichts zu erkennen.

Wie es unter Leo XIV. weitergeht, ist immer noch offen. Er kommt als US-Amerikaner von einer Erfahrung her, der das Staatskirchentum und der Kampf um dessen Erhaltung fremd sind. Das könnte von Bedeutung sein, denn auch er steht zwischen den «Ratzingers» und den «Sodanos». Es dürfte ihm ebenfalls nicht verborgen bleiben, dass die Kirche in den USA nach wie vor blüht, verglichen mit der Kirche im deutschsprachigen Raum, obwohl beide in Gesellschaften leben, die von woke-linksliberaler Korrosion angefressen sind. Der Grund liegt darin, dass es in den USA aufgrund der Trennung von Staat und Kirche keinen Sinn macht, auf «alte Jesuiten» zu setzen. Denn die Realität beweist auch heute: Es ist das unerschrockene Zeugnis des Glaubens, das anzieht, nicht die regierungstreue und staatsähnliche Stellung der Kirche sowie ihr Schmusekurs mit Links-Grün-Woke. Heinrich Heine hat es in seiner gewohnt zugespitzten Narrenfreiheit so formuliert: «Aus der Lüge kann kein Leben erblühen, und Gott kann nicht gerettet werden durch den Teufel».


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Lesermeinungen

 modernchrist vor 9 Stunden 
 

Ja, wie richtig:

Heine: "Aus der Lüge kann kein Leben erblühen, und Gott kann nicht gerettet werden durch den Teufel».

In der causa Lebensschutz der Ungeborenen kann man niemals (!!!) die Tötungsregelung hierzulande mit Beratungsschein ohne - häufig - wirkliche Beratung, ohne Hinzuziehung des Erzeugers, ohne Angabepflicht der Gründe, und mit Finanzierung praktische alle Tötungen durch den Steuerzahler als "guten Kompromiss" bezeichnen! Das ist eine himmelschreiende Lüge, eine Vergewaltigung der Empfindungen normal- und wissenschaftlich denkender Katholiken!
So jemand kann nicht Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz sein! Wer so redet, der gehört eben zum Staatsapparat (!) - siehe oben, im Grunde ein Apparatschik - und eigentlich nicht zum Hirtenstab der katholischen Kirche. Wer die jetzige Regelung einen guten Kompromiss nennt, der verrät völlig angepasst die Prinzipien der kirchlichen Lehre zum Lebensschutz. In der Kirche gilt Wahrheit - und nicht Kompromiss.


1
 
 Hängematte vor 12 Stunden 
 

Dieser Artikel ist mehr als interessant.


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