![]() |
Loginoder neu registrieren? |
|||||
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]()
| ||||||
SucheSuchen Sie im kath.net Archiv in über 70000 Artikeln: ![]() ![]() ![]() ![]() Top-15meist-diskutiert
| ![]() Sichtbarer Glaube in einer immer mehr unsichtbar werdenden Kirchevor 2 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung Modest Fashion, religiöse Identität und die Frage nach den Zeichen des Glaubens. Ein Essay von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer Eichstätt (kath.net) I. Einleitung: Ein unerwartetes Signal der Gegenwart Bemerkenswert ist dabei ein Paradox, das weit über die Modewelt hinausweist. Während in vielen Teilen der Welt religiöse Menschen ihre Zugehörigkeit wieder sichtbar ausdrücken – durch Hijab, Kippa, Turban, Kreuz oder andere religiöse Zeichen –, hat sich ein erheblicher Teil des westlichen Christentums seit den 1960er Jahren zunehmend von seinen traditionellen sichtbaren Kennzeichen verabschiedet. Priester erscheinen vielfach nicht mehr als Priester, Ordensfrauen verzichten auf Schleier und Ordenskleid, Ordensmänner auf Habit oder Talar. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach Identität wächst, scheint die Kirche vielerorts ihre eigenen Identitätszeichen zurückgenommen zu haben. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist keineswegs nostalgischer Natur. Es geht nicht um eine Rückkehr zu vergangenen Formen um ihrer selbst willen. Vielmehr stellt sich die grundsätzliche Frage, ob der christliche Glaube überhaupt ohne sichtbare Zeichen bestehen kann. Das Christentum ist schließlich keine rein geistige Idee, sondern eine Inkarnationsreligion. Gott ist in Christus sichtbar geworden. Die Sakramente wirken durch sichtbare Zeichen. Die Kirche selbst versteht sich als sichtbares Sakrament des Heils. Daraus ergibt sich notwendig die Frage nach der Bedeutung religiöser Zeichen im öffentlichen Raum und um das Zeugnis ihrer Botschaft. II. „Modest Fashion“ – Mode oder kulturelles Symptom? Dabei wäre es verkürzt, diesen Trend ausschließlich religiös zu deuten. Viele Frauen, die sich für solche Kleidung entscheiden, tun dies nicht primär aus Glaubensgründen. Sie empfinden die allgegenwärtige Sexualisierung des Körpers als Belastung und suchen nach einer Form der Kleidung, die weniger Aufmerksamkeit auf Äußerlichkeiten lenkt. Andere verstehen ihre Kleidung als Ausdruck persönlicher Freiheit gegenüber den Erwartungen der Modeindustrie. Wieder andere sehen darin bewusst eine kulturelle oder religiöse Selbstverortung. Gerade hierin liegt die eigentliche Bedeutung des Phänomens. Die moderne Gesellschaft hatte lange Zeit angenommen, Individualität verwirkliche sich vor allem durch die Auflösung traditioneller Bindungen und Gepflogenheiten. Heute zeigt sich zunehmend das Gegenteil. Viele Menschen suchen gerade durch sichtbare Zeichen nach Zugehörigkeit, Orientierung und Verankerung. Kleidung wird dadurch zu einer Form der Selbstvergewisserung. Aus christlicher Perspektive ist diese Entwicklung zunächst wertneutral zu betrachten. Weder jede Form stärker bedeckender Kleidung noch jede Form freizügiger Kleidung ist automatisch moralisch zu bewerten. Entscheidend bleibt die Würde des Menschen. Dennoch zeigt die Debatte, dass Fragen von Schamhaftigkeit, Bescheidenheit und öffentlicher Selbstdarstellung keineswegs verschwunden sind. Die christliche Tradition hat diese Fragen seit Jahrhunderten reflektiert und dabei stets versucht, zwei Extreme zu vermeiden: auf der einen Seite die Verachtung des Leibes, auf der anderen seine Reduktion auf bloße Äußerlichkeit.³ III. Die Wiederkehr sichtbarer religiöser Identität Über Jahrzehnte gingen zahlreiche Soziologen davon aus, dass die Moderne notwendig zu einer Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum führen werde. Diese Prognose hat sich nur teilweise erfüllt. Zwar hat die Bindung an traditionelle Kirchen in vielen westlichen Ländern abgenommen, gleichzeitig ist jedoch eine neue Form religiöser Sichtbarkeit entstanden.⁴ Menschen wollen wieder erkennbar machen, wozu sie gehören und was sie vertreten (vgl. Trend zur Tätowierung). Die Frage nach Identität hat im 21. Jahrhundert eine neue Bedeutung gewonnen. In einer globalisierten Welt, in der vieles austauschbar erscheint, wächst die Sehnsucht nach Orientierungspunkten. Religion bietet vielen Menschen einen solchen Orientierungspunkt. Dabei geht es nicht allein um Glaubensinhalte. Es geht ebenso um Symbole, Rituale, Feste und sichtbare Zeichen. Der Mensch ist nicht nur ein denkendes, sondern auch ein symbolisches Wesen. Er lebt von Bildern, Gesten und Zeichen. Religionen haben dies stets gewusst. Die moderne Gesellschaft hat diesen Zusammenhang lange unterschätzt. Gerade deshalb überrascht die gegenwärtige Entwicklung nicht. Wo Menschen ihre religiöse Identität neu entdecken, entsteht fast zwangsläufig auch das Bedürfnis, diese Identität sichtbar auszudrücken. IV. Das christliche Paradox Dabei ist festzuhalten, dass das Zweite Vatikanische Konzil keineswegs die Abschaffung kirchlicher Kleidung gefordert hat. Im Gegenteil. Das Konzilsdekret Perfectae caritatis bezeichnet das Ordensgewand ausdrücklich als sichtbares Zeichen der Weihe an Gott und fordert lediglich eine angemessene Erneuerung entsprechend den jeweiligen kulturellen Gegebenheiten.⁵ Auch das geltende Kirchenrecht hält ausdrücklich fest, dass Ordensleute das Ordensgewand ihres Ordens bzw. Instituts tragen sollen.⁶ Ähnliches gilt für den Klerus. Das Kirchenrecht verpflichtet Geistliche zum Tragen einer ihrem Stand entsprechenden geistlichen Kleidung.⁷ Diese Vorschrift entspringt nicht einem Standesdenken, sondern dem Verständnis, dass das priesterliche Amt eine öffentliche Dimension besitzt. Dennoch hat sich in vielen Ländern Europas eine andere Praxis entwickelt. Priester erscheinen vielfach in ziviler Kleidung, Ordensleute verzichten auf Habit und Schleier. Manche beweisen bei ihrer Wahl einer Zivilkleidung oft leider wenig Stil und Geschmack. Die ursprüngliche Absicht war häufig sicherlich gutgemeinter pastoraler Natur. Man wollte näher bei den Menschen sein, Barrieren abbauen und auf äußere Distanz verzichten. Nach mehreren Jahrzehnten stellt sich jedoch die Frage, ob diese Erwartung tatsächlich erfüllt wurde. Die Unsichtbarkeit geistlicher Berufungen hat vielerorts nicht zu größerer Nähe geführt, sondern eher dazu beigetragen, dass Ordensleben und Priestertum aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwanden. V. Warum Priester als Priester erkennbar sein sollten Historisch war die Priesterkleidung niemals in erster Linie Ausdruck von Macht oder gesellschaftlichem Rang. Sie sollte vielmehr die besondere Verfügbarkeit des Priesters für Gott und die Menschen sichtbar machen. Wer einen Priester erkennt, weiß, an wen er sich wenden kann. Zahlreiche Seelsorger berichten bis heute, dass sie gerade aufgrund ihrer Erkennbarkeit angesprochen werden. Menschen bitten um ein Gespräch, um einen Rat, um ein Gebet oder um den priesterlichen Segen. Nicht selten ergeben sich solche Begegnungen völlig unerwartet – im Zug, auf der Straße, im Krankenhaus oder auf Reisen. Die Sichtbarkeit des Priesters besitzt daher nicht nur symbolische, sondern auch pastorale Bedeutung. Sie macht deutlich, dass Kirche nicht nur eine Institution ist, sondern in konkreten Menschen Gestalt gewinnt. Der heilige Johannes Chrysostomus (+ 407) erinnert in seiner berühmten Schrift über das Priestertum daran, dass der Priester in besonderer Weise Christus repräsentiert.⁹ Diese Repräsentation erschöpft sich nicht im liturgischen Raum, sondern sollte sich auch im öffentlichen Leben fortsetzen. Gerade in einer Gesellschaft, die religiöse Orientierung zunehmend vermisst, könnte die sichtbare Präsenz von Priestern wieder zu einem wichtigen geistlichen Zeugnis werden. Nicht triumphalistisch, nicht klerikal, nicht abgrenzend, sondern schlicht als Erinnerung daran, dass Gott auch heute Menschen in seinen Dienst ruft. VI. Habit und Schleier in der Tradition der Mönchsväter Der heilige Pachomius (+346), der Begründer des gemeinschaftlichen Mönchtums in Ägypten, legte für seine Klöster eine einheitliche und schlichte Kleidung fest. Sie sollte Armut, Einfachheit und die Zugehörigkeit zur geistlichen Gemeinschaft sichtbar machen.¹⁰ Der Mönch sollte nicht durch besondere Eleganz oder Individualität auffallen, sondern durch die Ausrichtung seines Lebens auf Gott. Noch ausführlicher behandelt Johannes Cassian (+435) die Kleidung der Mönche in seinen Institutiones. Für ihn ist das Gewand keineswegs nebensächlich. Es soll den Mönch täglich an seine Berufung erinnern. Die Einfachheit der Kleidung bewahrt vor Eitelkeit, die Einheitlichkeit vor Selbstdarstellung. Das Gewand wird so zu einer Form geistlicher Pädagogik.¹¹ Ähnlich argumentiert Basilius der Große (+379). Er fordert eine Kleidung, die weder Luxus noch Nachlässigkeit ausdrückt. Der Christ soll nicht durch Äußerlichkeiten beeindrucken wollen, aber ebenso wenig den Eindruck erwecken, das Äußere sei bedeutungslos. Die sichtbare Gestalt des Menschen soll vielmehr die innere Ordnung seines Lebens widerspiegeln.¹² Besonders eindrucksvoll formuliert dies der heilige Benedikt (+547). Das berühmte 55. Kapitel der Benediktsregel über die Kleidung der Mönche wirkt auf den ersten Blick erstaunlich nüchtern. Doch gerade diese Nüchternheit ist Ausdruck einer tiefen Spiritualität. Benedikt vermeidet jede Form religiöser Selbstdarstellung. Der Habit soll weder Prunk noch Armut inszenieren, sondern Schlichtheit, Würde und Beständigkeit verkörpern: „Über die Farbe oder den groben Stoff… sollen sich die Brüder keine Sorgen machen; man nehme das, was in der betreffenden Gegend zu finden oder was billiger zu beschaffen ist“.¹³ Der Habit wird damit zu einer Predigt ohne Worte. Er sagt: Dieses Leben gehört nicht mehr ausschließlich dem eigenen Ich. Es steht im Dienst Gottes. VII. Der Schleier der Nonne: Zeichen der Weihe, nicht der Unterordnung Seit der Alten Kirche galt der Schleier geweihter Jungfrauen als Ausdruck ihrer besonderen Christuszugehörigkeit. Ambrosius von Mailand beschreibt die Jungfrau als Braut Christi. Der Schleier verweist auf diese geistliche Vermählung.¹⁴ Der entscheidende Unterschied zu vielen modernen Deutungen liegt darin, dass der Schleier nicht primär vom Verhältnis der Frau zum Mann her verstanden wird, sondern vom Verhältnis der geweihten Frau zu Christus. Seine Symbolik ist christologisch, nicht gesellschaftlich begründet. Bis heute bewahrt die Kirche diese Tradition in der Feier der Jungfrauenweihe. Dort wird der Schleier ausdrücklich als Zeichen der Weihe und der besonderen Bindung an Christus verstanden.¹⁵ Gerade in einer Kultur, die weibliche Identität häufig auf Attraktivität, Jugendlichkeit und äußere Wirkung reduziert, besitzt dieses Zeichen eine unerwartete Aktualität. Es erinnert daran, dass die Würde einer Frau tiefer reicht als ihre gesellschaftliche Wahrnehmung. VIII. Das geistliche Gewand als tägliches Gedächtnis der Berufung Das Gewand spricht einerseits zur Welt, vor allem aber zum Träger selbst. Der Habit erinnert den Mönch daran, dass er Christus nachfolgen will. Der Schleier erinnert die Ordensfrau an ihre Weihe. Die Priesterkleidung erinnert den Priester an seine sakramentale Sendung. In diesem Sinn besitzt geistliche Kleidung eine ähnliche Funktion wie das Kreuz im Gebetsraum/Kirche oder die Ikone in der Klosterzelle. Sie ist ein sichtbares Gedächtnis einer unsichtbaren Wirklichkeit. Johannes Cassian bezeichnet den Mönch als „Soldaten Christi“.¹⁷ Die Kleidung erinnert ihn täglich daran, wem er dient und welchem Ziel sein Leben verpflichtet ist. IX. Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit Dennoch wäre die gegenteilige Schlussfolgerung ebenso falsch. Aus dem möglichen Missbrauch eines Zeichens folgt nicht dessen Bedeutungslosigkeit. Romano Guardini hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Mensch nicht nur durch Gedanken, sondern ebenso durch Zeichen, Gesten und Symbole lebt.¹⁸ Der christliche Glaube ist zutiefst leibhaftig. Er drückt sich in Sakramenten, Liturgien, Ikonen, Prozessionen und Segensgesten aus. Gerade deshalb sollte man die Bedeutung geistlicher Kleidung nicht vorschnell unterschätzen. Wo sie glaubwürdig getragen wird, kann sie zu einem stillen Zeugnis werden. Nicht als Zeichen von Überlegenheit, sondern als Zeichen einer Berufung, trotz aller menschlichen Unzulänglichkeiten. X. Was die Kirche von der gegenwärtigen Entwicklung lernen könnte Über Jahrzehnte herrschte die Hoffnung vor, dass eine weitgehende Anpassung an die säkulare Umwelt die Kirche näher zu den Menschen bringen werde. Die Ergebnisse dieser Entwicklung entsprechen nicht den gesetzten Erwartungen, sie werden heute bereits zunehmend kritisch diskutiert. Die gegenwärtige Suche nach religiöser Identität legt nahe, dass Menschen nicht nur nach Anpassung suchen, sondern auch nach Klarheit, Profil und Orientierung. Vielleicht liegt darin eine wichtige pastorale Erkenntnis. Die Kirche wird nicht dadurch glaubwürdig, dass sie ihre Identität verbirgt. Sie wird glaubwürdig, wenn sie diese Identität demütig, verständlich und menschenfreundlich zeigt und lebt. XI. Schluss: Die Sprache der Zeichen neu entdecken Für Christen ergibt sich daraus eine nachdenkliche Anfrage. Während andere Gruppierungen und religiöse Gemeinschaften ihre Zeichen neu entdecken, haben viele Christen ihre eigenen Zeichen relativiert oder aufgegeben. Vielleicht ist es an der Zeit, neu über die Bedeutung von Habit, Schleier und Priesterkleidung in der Öffentlichkeit nachzudenken – nicht aus Nostalgie, sondern aus theologischer und pastoraler Verantwortung. Denn das Christentum ist keine unsichtbare Idee. Es ist die Religion der Menschwerdung Gottes. Der Glaube will sichtbar werden. Und wir wissen alle: Der Habit macht keinen Mönch. Der Schleier macht keine Heilige. Die Soutane macht keinen guten Priester. Aber Zeichen sind nicht bedeutungslos. Eine Kirche, die ihre Zeichen verliert, verliert einen Teil ihrer Sprache und wird nicht mehr verstanden. Und manchmal spricht ein stilles Gewand von Gott überzeugender als viele Worte. Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link. Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. | ![]() Mehr zu | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Top-15meist-gelesen
| |||
![]() | ||||||
© 2026 kath.net | Impressum | Datenschutz | ||||||